Das Rad der blauen Libellen

Wolf Spillner 75

Möglich, er steht gerade mit dem Fotoapparat im Uferschlick eines Mecklenburger Waldsees und wartet darauf, dass sich zwei blau schillernde Libellen zum Paarungsrad verbinden. Oder er paddelt mal eben um die Insel Poel herum, um fit zu sein für die nächste Tour auf einem namenlosen Flüsschen, nördlich von Irkutsk. Feiern wird er seinen Geburtstag jedenfalls kaum. Ungewöhnliche Konsequenz aus einem Widerspruch. Zu oft hatte sich dem Feiern die Trauer über Freunde beigemischt, die nicht mehr dabei sein konnten. Wie sein Leben überhaupt reich an ungewöhnlichen Konsequenzen ist. So Anfang der fünfziger Jahre die Übersiedlung von westlich der Elbe in die DDR wegen der Wiederaufrüstung. Im Gepäck sein Fotoapparat und der Anspruch, hier mit Bildern aus der fernen nahen Welt des unmittelbaren Umfelds, gegen den Trend zu wirken, dessen Schädigung »im Sinne der guten Sache« als vertretbar anzusehen. Freund Werner Lindemann riet ihm dann, Kindern den Blick für diesen Widerspruch zu schärfen. Konsequenz: Bücher. Kein schmalziges Häschen- und Entchengetümel, sondern durch Spannung getragene Information und (ja!) Konflikte, zwischen Mensch und Natur, Mensch und Mensch, Traum und Wirklichkeit.

Über zwanzig Titel sind bei Wikipedia aufgelistet (darunter »Taube Klara«, Deutscher Jugendliteraturpreis 1991) und sie stehen für den Anspruch der Kinder- und Jugendliteratur der DDR, Problembewusstsein entwickeln zu helfen, um Lebensfähigkeit zu fördern. Die Liste endet allerdings 1996. Auch das eine seiner Konsequenzen. An einem Literaturbetrieb, der sich an Umsatzzahlen orientiert und die Leselust der Kinder deshalb an die Abenteuer von Vampiren, Zauberlehrlingen und Feen bindet, möchte er nicht beteiligt sein.

Untätig ist er indessen nicht. Das Rad der blauen Libellen kann man zum Beispiel im Internet auf www. naturfotografen-forum.de bewundern. Spillners beigefügter Kommentar: »Mal ehrlich: Was ist dagegen der »song-contest?«. Recht hat er. Gratulation zum 75.

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