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Der wahre, einzige Weg

Die Mär vom christlich-jüdischen Abendland – verzerrte westliche Projektionen

Spätestens seit Samuel Huntingtons »Kampf der Kulturen«, der Begleitmusik zu den Kriegen in Afghanistan und Irak, sind die Unterschiede zwischen »westlich-abendländischen Werten« und »dem Islam« Allgemeinplatz. Das Talkshow-Geschwurbsel vermischt Araber, Perser, Schiiten, Sunniten, alle, die irgendwo zwischen Marokko und China leben, zu einem Eintopf, dem die »westlichen Werte« des Abendlandes entgegenstehen. Westliche Werte und christliches Abendland benutzt der »Experte« des Feuilletons gern als Synonyme. Besonders beliebt ist inzwischen die »jüdisch-christliche Tradition«, gleichbedeutend mit der europäischen Aufklärung. »Die Muslime« denken eben anders, »sind noch nicht so weit«, dürfen sich aber als »europäischer Islam« zu diesen »christlich-abendländischen Werten« entwickeln.

Die Imagination einer Tradition

Der Mainstream von Tagespolitik und Massenmedien ist allgemein kein Vorbild für eine Auseinandersetzung mit Religions- und Kulturgeschichte. Die Diskussionen um das »Abendland« dienen dazu, in Zeiten des Turbokapitalismus eine fiktive Gemeinschaft zu konstruieren. Solche Konstrukte blenden immer einen Teil der historischen Wirklichkeit aus. Die Imagination einer »christlich-jüdischen Tradition im Abendland« und den daraus resultierenden »westlichen Werten« – Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat – wirft Opfer und Täter in einen Topf und schmückt die Kirchen mit den fremden Federn derer, die diese Kirchen in die Kerker oder auf die Scheiterhäufen warfen. Humanistische Werte und Grundrechte, wie sie in jedem Rechtsstaat Europas in der Verfassung stehen, erkämpfte die Aufklärung gegen die Kirchen, insbesondere gegen die katholische.

Die Opfer waren gewaltig, Vordenker der Religionsfreiheit starben auf den Scheiterhäufen der Inquisition, wissenschaftliche Schriften landeten auf dem Index. Am Ende aber gelang es der »Dompteurpeitsche der Aufklärung« (Michael Schmidt-Salomon), den Klerus zu zähmen oder zumindest in Schach zu halten. Das zentrale Element des Rechtsstaates, nämlich eine Trennung von Staat und Kirche, war ein Sieg über die Kirche und ihre Anmaßung, über die Gedanken der Menschen zu richten. Gerade »dem Islam« wird heute vorgeworfen, diese Trennung von Religion, Staat und Gesellschaft nicht zu kennen und damit der Demokratie nicht zugänglich zu sein. Dabei gibt es in den Schulen des Islam nur in der Schia eine den christlichen Kirchen vergleichbare Organisation. Nur dort, insbesondere bei den Mullahs im Iran und ihrem heutigen Herrschaftssystem, sind strukturelle Parallelen zur katholischen Inquisition erkennbar. Und die Schia hatte, wie die katholische Kirche, ihre Ketzer, zwang die Sufis, die islamischen Mystiker, die Dogmen der Mullahs nachzubeten und richtete sie ansonsten hin.

Das »Abendland« soll einerseits ein geografischer Raum sein, der West-, Nord- und Mitteleuropa umfasst, dort, wo die Sonne untergeht. Das »Morgenland« bezeichnet demzufolge den Orient, den Osten. Mit dem »christlichen Abendland« wird der Orient, das Morgenland, muslimisch, mit den dazugehörigen »Werten«. Auch hier handelt es sich um ein Konstrukt. Allgemein besteht jede Kultur immer aus Vermischung, und jedes Konstrukt einer homogenen Kultur verdrängt diese Entwicklung. Wer die Muslime im Morgenland verortet, kennt die Geschichte Europas entweder nicht, oder will sie nicht kennen. Muslime regierten über Jahrhunderte auf der iberischen Halbinsel. Die katholischen Mordbrenner der Reconquista vertrieben die Spanier islamischen Glaubens ebenso wie die spanischen Juden aus dem Land und damit die meisten Wissenschaftler, Intellektuellen und Ärzte. Die spanische Kultur hat christliche, islamische und jüdische Wurzeln. Handelt es sich also um ein christlich-islamisch-jüdisches Abendland?

Besonders pikant ist die Konstruktion einer »jüdisch-christlichen Tradition des Abendlandes«. Wie bei den »westlichen Werten« der Aufklärung vereinnahmen die Kirchen hier diejenigen, die von ihr selbst verfolgt wurden. Richtig ist, dass das Christentum aus dem Judentum entstand. Die Entstehung des Christentums aus dem Judentum war auch der Grund für die christliche Judenfeindschaft, den Anti-Judaismus. Der zentrale Punkt dieser Hassliebe, um die eigenen Wurzeln zu verleugnen, war das Märchen vom Gottesmord. Die Juden hätten den Sohn Gottes an das Kreuz schlagen lassen. Damit einher ging die Lüge vom jüdischen Ritualmord, in dem die Juden Kinder ihrem Gott opferten – obwohl die Juden diejenigen waren, die mit dem Opfer der antiken Kulturen gebrochen hatten.

Die Juden im »christlichen Abendland« waren eine ungeliebte Minderheit, in toleranteren Zeiten Menschen zweiter Klasse, die nur ehrlose Berufe ausüben durften und in speziellen Vierteln lebten. In weniger toleranten Zeiten verfolgte der christliche Mob sie in Pogromen. Mit dem »Judenhammer« erschien im Hochmittelalter ein Gesetzeswerk, das die Juden als mit dem Teufel verbunden stigmatisierte und konkrete Strafen für ihre »Religionsverbrechen« vorgab. Die Wellen der Verfolgung liefen in den einzelnen christlich geprägten Ländern unterschiedlich, unterschwellig lebten die Juden aber mit der ständigen Gefahr, für Missgeschicke jeglicher Couleur verantwortlich gemacht zu werden. Diese Judenfeindschaft war explizit abendländisch und explizit christlich. Die Protestanten knüpften dabei an den Anti-Judaismus der Katholiken an, für Luther gab es nach dem Teufel für die Christen keinen schlimmeren Feind als die Juden.

Die Muslime sahen Mohammed als den letzten und entscheidenden Propheten. Er steht für sie in einer Reihe mit den Propheten der abrahamitischen Religionen, dem Judentum und dem Christentum. Jesus Christus galt genauso als Prophet wie die Figuren des alten Testaments. Judentum und Christentum waren für den Islam Vorläufer auf dem Weg zur Lehre Mohammeds. Die monotheistischen Vorgänger hatten damit den Status von Ungläubigen erster Klasse. Wie die Juden im Christentum hatten Christen und Juden in den islamischen Reichen weniger Rechte als Muslime. Nur kannten die Muslime die christliche Judenfeindschaft nicht: Jesus ist in dieser Lesart nicht der Sohn Gottes und die Juden sind damit keine Gottesmörder, sondern Juden wie Christen befinden sich auf dem »wahren Weg«, sind diesen aber nicht zu Ende gegangen. Im Unterschied zum christlichen Europa waren Pogrome gegen Juden selten. Es gab keine »Zwangstaufen«, sondern Muslim zu werden, war ein Privileg, um sozial aufsteigen zu können. Deshalb fanden die spanischen Juden auf der Flucht vor den katholischen Mordbrennern Zuflucht in islamischen Reichen wie Marokko und der Türkei. Gerade in diesen Ländern ließe sich von einer islamisch-jüdischen Tradition sprechen. Für den AntiJudaimus, der in der Moderne mit dem rassistischen Antisemitismus verschmolz, für das Märchen vom jüdischen Ritualmord, sind die Muslime also nicht verantwortlich.

Rassistische Stereotype

Der Begriff Antisemitismus ist heute gleich bedeutend mit Feindschaft gegenüber Juden. Diskussionen entbrennen darüber, ob die Feindschaft gegenüber dem Zionismus, der Antizionismus, und die Ablehnung des Staates Israel gleich bedeutend sind mit diesem Antisemitismus. Dabei bedeutet Antisemitismus wörtlich nicht Feindschaft den Juden, sondern den Semiten gegenüber.

Im 19. Jahrhundert verschmolz der moderne Rassismus mit der tradierten Verfolgung der anderen Religion. In Fehlableitungen der Theorien von Charles Darwin galten die Juden jetzt als biologische Rasse, die sich in ihren Eigenschaften von anderen Rassen unterschied. Es gab zwar im Denken der Rassisten keine Rasse der Christen, wohl aber die so genannten Arier, die vor allem in Mitteleuropa lebten. Ein wesentlicher Punkt war hier die Verschmelzung vom Anti-Judaismus im Christentum, der die Juden aus religiösen Gründen ablehnte, mit dem rassistischen Antisemitismus, in dem die Juden zu einer anderen Rasse von Menschen gehörten. Nur war dieser biologistische Rassismus nicht ausschließlich auf religiöse Juden beschränkt, sondern im Wortsinne antisemitisch: Als Semiten galten nicht nur die Juden, sondern die Menschen des nahen und mittleren Ostens! »Blut und Boden« der Mitteleuropäer stand in diesem Wahn gegen die Wurzellosigkeit der »semitischen« Nomaden, die mit ihren Herden über das Land zogen und als unfähig galten, Kultur und Zivilisation aufzubauen. Semiten waren demnach Araber ebenso wie Juden, und die rassistischen Stereotype richteten sich auf beide.

Doch sickerte die moderne Form der Judenfeindschaft über die europäische Literatur wie »Die Protokolle der Weisen von Zion« in die arabischen Länder. Wesentlich für die Judenfeindschaft in Arabien war die Gründung des Staates Israel. Zum Konflikt um Palästina kam die narzisstische Kränkung, dass die Juden, die in den alten islamischen Reichen eine untergeordnete Stellung innehatten, jetzt in einem eigenen Staat lebten, und über Araber und Muslime herrschten. Die arabische Judenfeindschaft hat also andere Wurzeln als die christlich-rassistische.

Bollwerk des Westens?

Die verzerrten Bilder über den »Kampf der Kulturen« und die Gegenüberstellung zwischen der »islamischen Welt« und dem »christlich-jüdischen Abendland« transportieren Vorstellungen, dass die – wahlweise Araber oder Muslime – in Clanstrukturen denken würden und zur Demokratie und Zivilgesellschaft unfähig seien. Entweder würden sie sich autoritären Führern unterwerfen oder fanatisch dem religiösen Wahn verfallen. Der Staat Israel hingegen sei die einzige Demokratie im Nahen Osten, der Stützpunkt des Westens und seiner »jüdisch-christlich-abendländischen Werte«. Israel erscheint als Bollwerk des Westens, für dessen angebliche Werte Juden vereinnahmt werden, nachdem sie gerade im Abendland 2000 Jahre Verfolgung erlitten haben. Stereotype richten sich jetzt aber nur noch gegen »Semiten«, die keine Juden sind. Diejenigen, die in dieser rassistischen Lesart des Abendlandes den Stempel »semitische Völker« haben, werden in der neuen Lesart zu Trägern des Antisemitismus, der Judenhass meint. Es handelt sich wieder einmal um westliche, um europäische, um »abendländische« Projektionen.

Um Zerrbilder aufzubrechen, gibt es nur eine Möglichkeit: Die »Anderen«, »Semiten« mosaischen, mohammedanischen oder gar keines Glaubens kennen zu lernen, von ihnen zu lernen und zu erfahren, was in ihren Gesellschaften wirklich geschieht. Und sie alle als Menschen zu achten.

Der Historiker Utz Anhalt, Jg. 1971, lehrt an der Universität Hannover.



»Unsere Siedler kamen nicht hierher wie die Kolonisten aus dem Okzident, die ihre Arbeit von den Einheimischen tun lassen; sie haben sich selbst vor den Pflug gespannt und ihre Kraft und ihr Blut gegeben, um das Land fruchtbar zu machen. Doch diese Fruchtbarkeit soll nicht nur uns selbst zugute kommen. Die jüdischen Siedler haben angefangen, ihre Brüder, die arabischen Bauern, zu lehren, wie sie das Land intensiver bestellen können; und wir wollen sie weiterhin lehren: zusammen mit ihnen wollen wir das Land kultivieren – ihm ›dienen‹, wie es im Hebräischen heißt. Je fruchtbarer dieser Boden wird, desto mehr Raum wird es für uns und für sie geben. Wir wollen sie nicht enteignen: Wir wollen mit ihnen zusammenleben. Wir wollen sie nicht beherrschen, wir wollen mit ihnen zusammen dienen.«
Martin Buber in einem Brief an Mahatma Gandhi, 1939

Um Zerrbilder aufzubrechen, gibt es nur eine Möglichkeit: Die »Anderen«, Semiten mosaischen, mohammedanischen oder gar keines Glaubens kennen zu lernen, von ihnen zu lernen und zu erfahren, was in ihren Gesellschaften wirklich geschieht.

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