Die im Dunkeln ...

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Auf dem Foto oben wird Vergangenheit als kostbarer Schatz aus dem Dunkel geholt - ein berückender Vorgang. Auf dem Foto unten wurde gegenwärtiges Leben, als sei es wertlos, ins Dunkel gezwungen - eine bedrückende Szene. Schon schauen uns die Kinder im Notlager an wie Wesen einer Welt, die heller nicht werden wird.

Die im Dunkeln sieht man nicht, schrieb Brecht und meinte die Drahtzieher. Manche im Dunkeln will man nicht sehen, weil man den Anblick nur schwer erträgt. Selber sorgsam den Platz an der Sonne hütend.

Von Archäologie wird gesprochen in geradezu anheimelndem Vokabular: Die da graben, legen sanft »Kindheit der Erde« frei - jeder Stein, jede Münze, jedes Bruchstück eine heiß begehrte, kostspielige Einmaligkeit. Es gibt aber Kindheiten, die werden so unsanft unter die Erde gedrückt - und der Mensch ist nicht viel mehr als eine kalt in Kauf genommene Keinmaligkeit.

Ärchäologie steigt ins Erdschwarze, von oben herab. Von unten auf steigt die Sehnsucht nach Licht. So blinkt vielleicht doch ein Traum in allen bestehenden Finsternissen.


Hilde Domin: Kindergespräch

Ich redete gern mit dir
von heute
als seien wir alt,
als seien viele Jahre verflossen
seit dem Tag von dem wir reden.
Seit jetzt.

Wir lägen im Dunkel
sehr weit voneinander
und wären nur Stimmen
wie Kinder die vor dem Einschlafen
sich etwas erzählen
oder ein Lied singen.

Wir reden lächelnd,
mit kleinem Atem,
beinahe schweigend,
von den dunklen Ufern
des Zimmers
und der Zeit zwischen heute und dann.

Und wenn mit dem Licht das Jetzt zurückkommt
ist es lange vergangen
und tut nicht mehr weh,
fern und beschützt wie ein Kindheitserlebnis:
niemand kann es uns nehmen
- aber wir haben es nicht.

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