»Niemand wusste, worum es bei den USA-Wahlen ging«

Der US-amerikanische Linguist Noam Chomsky über die Außenpolitik Washingtons, die westliche Demokratie und die Macht der Medien

  • Lesedauer: 7 Min.
Noam Chomsky, 1928 geboren, ist einer der renommiertesten Linguisten der Gegenwart, wurde weltweit bekannt durch seine radikale und faktenreiche Kritik der USA-Außenpolitik und der Massenmedien. Ende März war Chomsky in Berlin, eigentlich zu einem Linguistik-Kongress. Doch das John-F.-Kennedy-Institut nutzte die Gelegenheit und lud Chomsky ins vollbesetzte Audimax der FU Berlin ein. Dort kritisierte er erneut die Präventivkriegspraxis in der internationalen Politik. Markus Euskirchen sprach mit ihm für ND.
ND: Herr Chomsky, Sie sind bekannt als harscher Kritiker der eigenen Regierung und wenden sich gegen deren einseitige und eigenmächtige Demontage internationaler Regeln. Sehen Sie in Europa einen Gegenpol zu den USA?
Chomsky: Wie man Europa beurteilt, hängt davon ab, ob man in irgendeiner Form noch Hoffnung hat auf die Demokratie. Es gibt in den USA einige renommierte Intellektuelle, die glauben, dass die aggressive und militaristische Haltung, die die USA derzeit an den Tag legen, letztendlich in den endgültigen Untergang führt. Sie fragen sich: Woher könnte eine Gegenbewegung kommen? Dabei vertrauen sie weder auf die USA noch auf Europa und hoffen, sie könnte aus China kommen.

Was meinen Sie dazu, Herr Chomsky?
Wenn die westliche Demokratie so schwach, primitiv und reaktionär auftritt, dass man alle Hoffnung in sie verliert, dann müssen wir vielleicht wirklich auf eine Demokratisierungsbewegung aus China hoffen. Ich bin da nicht ganz so pessimistisch wie meine Kollegen, was den Zustand der westlichen Demokratie angeht. Betrachtet man zum Beispiel die USA, dann zeigt sich ein enormer Unterschied zwischen der öffentlichen Meinung und der Politik, die gemacht wird. Und das betrifft fast jedes Politikfeld, sehr deutlich wird das zum Beispiel im Hinblick auf den Einsatz der USA-Truppen in Irak.

Aber überall in der Öffentlichkeit sind die Buttons und Aufkleber zu sehen: Support our troops! (Unterstützt unsere Truppen)
»Support our troops« hat gar nichts zu bedeuten. Auch Leute, die absolut gegen den Angriff auf Irak waren und sind, tragen diese Buttons. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich sage das vor einem empirischen Hintergrund: Nirgendwo ist die öffentliche Meinung so gut erforscht wie in den Vereinigten Staaten. Teilweise zwar nur, weil die Privatwirtschaft wissen will, was die Leute so glauben, aber immerhin.

Liefert die Meinungsforschung das, was die Kunden bezahlen, oder produziert sie tatsächlich authentische Einsichten?
Eine Menge ernsthaft forschender Institutionen liefert wertvolle Informationen, die auch übereinstimmen. Sie sprechen eine deutliche Sprache, zum Beispiel zum Thema Bushs Wiederwahl: Er erzielte 31 Prozent der Stimmen der Wahlberechtigten, Kerry 29 Prozent. Ein minimaler Unterschied im Wahlverhalten hätte Kerry ins Weiße Haus gebracht. Diese Wahlergebnisse sagen uns aber so gut wie nichts über die Meinungen im Land, denn niemand wusste, worum es eigentlich bei den Wahlen ging.

Wie meinen Sie das?
Etwa zehn Prozent der Wähler trafen ihre Wahlentscheidung kandidatenunabhängig - orientiert an den Programmen, die sie hinter den Kandidaten vermuteten. Dabei wurden sie weitgehend in die Irre geführt. So ging die Mehrzahl der Bush-Wähler davon aus, dass Bush das Kyoto-Abkommen unterschreiben würde, denn es scheint so selbstverständlich, diese Sache zu unterstützen, und eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ist dafür. Und vergleichbar sieht es aus, wenn wir uns die unterschiedlichsten Themenfelder anschauen. So verkündet die Propaganda der Massenmedien, die Bush-Wähler hätten so genannte Moral-Themen gewählt.

Was sind denn Moral-Themen?
Das ist es ja gerade: Das wird offen gelassen. Fragt man nach, dann kommt heraus: Eine sehr große Mehrheit ist dafür, dass die Regierung endlich eine staatliche Gesundheitsversorgung auf die Beine stellt, die auch diejenigen absichert, die ansonsten unversichert sind. Sie betrachtet das Thema nationale Gesundheitsversorgung als ein moralisches Thema. Oder Materialismus, der materialistische Lebensstil, der alles beherrscht und mehrheitlich für schlecht gehalten wird, ist ein weiteres solches Moral-Thema. Wenn Reporter also über Moral-Themen sprechen, ohne zu sagen, was sie damit meinen, beginnt die Lüge. Die Frage ist doch: Um welche Moral-Themen geht es? Sobald man sich auf diese Frage einlässt, bekommt man in den USA ein ziemlich anderes Bild von der öffentlichen, nicht von der veröffentlichten Meinung.

Da erinnere ich mich unweigerlich an die so genannten technischen Pannen bei den letzten USA-Wahlen. Wenn die veröffentlichte Meinung so gut kontrolliert ist, warum dann noch Manipulation an den Urnen?
Das ist eine bedeutungslose Show - ein weiterer Grund, warum viele Leute die Wahlen auch gar nicht erst ernst nehmen - mit Ausnahme der gut ausgebildeten Teile. Dementsprechend bezeichnend ist, wie zum Beispiel der Wahlbetrug von 2000 diskutiert wurde. Das gab einen riesen Aufruhr - unter den hoch qualifizierten Wählerschichten. Ansonsten hat sich da keiner drum gekümmert: Wahlbetrug? Na und?

Woher kommt dieses hohe Maß an Wahlverdrossenheit?
Unmittelbar vor den Wahlen hielten drei Viertel der Bevölkerung die Wahlen für eine Farce. Die Wahlen sind ein Spiel reicher Spender und Partei-Bosse, die Werbeindustrie trainiert die Kandidaten. Die meisten Wählerinnen und Wähler sehen das sehr wohl und geben eben als mehr oder weniger Unbeteiligte ihre Stimme ab. Anders bei den gut ausgebildeten, indoktrinierten Schichten: Die sind ernst zu nehmen. Deshalb gab es nach dem Wahlbetrug Bücher und Artikel über den Untergang der Republik und so weiter. Aber die breite öffentliche Meinung blieb davon völlig unberührt. Genauso funktionierte es auch wieder bei den Wahlen 2004: Wieder gab es Betrügereien, in Ohio wurde nicht ordentlich gezählt, die Wahlmaschinen usw. Der breiten Bevölkerung ist es einfach egal. Sie versteht, dass Wahlen etwa so interessant sind wie eine Münze zu werfen. Wählen ändert nichts.

Auch den Irak-Krieg kommentieren Sie anders als die Massenmedien. Die sagen jetzt: Immerhin wurde die Diktatur beendet und es gab dort inzwischen sogar Wahlen.
Bushs Invasion hat ja gar nichts mit den Demokratisierungen in Irak und der arabischen Welt zu tun. Die Anfänge liegen schon Jahre zurück. Die ersten großen, freien Wahlen in der Region fanden 1999 in Katar statt. Der größte Demokratisierungsimpuls kam von »Al-Dschasira«, dem Fernsehsender, den die USA daher auch unbedingt schließen wollten. Die USA-Regierung versuchte vielmehr auf unterschiedliche Weisen, die Wahlen in Irak zu behindern. Sie änderten die Verfassung, sie installierten ein Delegiertensystem, das sie kontrollieren konnten. Sie taten alles, um eine wirkliche Demokratisierung Iraks von innen zu verhindern. Das war bereits die Funktion der Sanktionen gegen Irak in den 1990ern.

Welche Wirkung hatte das Embargo damals?
Es gab Leute aus dem Westen, die Irak sehr gut kannten: Dennis Halliday und Hans von Sponeck zum Beispiel, die Direktoren des Öl-für-Lebensmittel-Programmes. Sie hatten viele Spezialisten in Irak im Einsatz. Beide traten von ihrem Posten zurück, weil sie die Folgen der Sanktionen, die von den USA durchgesetzt wurden, beurteilen und gleichzeitig nichts dagegen tun konnten. Beide bezeichneten diese Folgen als »genozidal«. Sie sagten klar, wenn die Sanktionen für den Handel mit Waffen und nicht mit Nahrungsmitteln gegolten hätten, dann hätte die irakische Bevölkerung die Sache mit Saddam Hussein selbst in die Hand genommen. Das heißt, sie hätten getan, was die Rumänen, Indonesier, Filippinos getan haben, und wären selbstständig mit ihrem Diktator fertig geworden. Erst die Sanktionen zwangen die Menschen endgültig unter die Fittiche Saddam Husseins, weil es ums blanke Überleben ging.

Neulich sprach ich mit einem Bekannten aus den USA und erwähnte Ihren Namen. Er entgegnete als erstes: »Der mag die USA ja nicht.« Was sagen Sie dazu?
Mit wem haben Sie denn da gesprochen?

Mit einem 65-jährigen Mann aus Florida, einem ehemaligen Investment-Banker.
Ja, das ist, was ein Investment-Banker wohl sagen würde. Ist das eine Überraschung? Seine Beurteilung hin oder her: Wenn Sie sich weit verbreitete Meinungen in den USA anschauen, dann stimmen die sehr wohl mit dem überein, was auch ich vertrete. Eine überragende Mehrheit der Bevölkerung lehnt den Einsatz von Waffengewalt in der internationalen Politik ab, befürwortet das Kyoto-Protokoll, meint, der Staat sollte dem internationalen Strafgerichtshof beitreten, bevorzugt Sozialausgaben gegenüber Rüstungsausgaben und so weiter. Ich bin sicher, wer auch immer dieser Mensch war, er hat ein Jahreseinkommen von mehr als 200000 Dollar. Die große Mehrheit der Bevölkerung will die Steuersenkungen der Regierung Bush rückgängig machen. Will er das auch mit seinen 200000 Dollar im Jahr?

Nein, er will diese Steuersenkungen dauerhaft gesichert sehen.
Sehen Sie, damit ist er Teil einer kleinen Minderheit. Zufälligerweise ist er Teil der Minderheit, die nebenher in den Massenmedien den Ton angibt. Er glaubt vielleicht, dass das Land tatsächlich so ist, wie es die Massenmedien immer abbilden. Aber das ist ja, als ob Sie glauben, jeder und alles in der Sowjetunion der 60er Jahre sei genau so gewesen, wie es die »Prawda« geschrieben hat.

Was halten Sie überhaupt von der Frage, ob Sie die USA lieben?
Wenn Sie mit USA die Staatsgewalt meinen, dann sage ich: Nein. Nein, ich mag Staatsgewalt auch nirgendwo sonst. Bei dieser Unterscheidung pro- oder antiamerikanisch handelt es sich doch um ein Konzept aus dem Fundus totalitärer Herrschaftstechniken. Dissidenten in der alten Sowjetunion zum Beispiel wurden als »antisowjetisch« verdammt. Stellen Sie sich vor: Jemand in Italien kritisiert Berlusconi. Bezeichnet ihn dann irgendwer als »antiitalienisch«? Das würde allenfalls als Witz verstanden. Die Antwort auf die Frage »pro- oder antiamerikanisch?« muss die Dekonstruktion der Frage selbst sein.
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