Mephisto, ein Prolet der Hölle

Blatt für Dieter Franke

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Es gibt Schauspieler, die äußern sich in ihren Darstellungen übertrieben ernst - in einer Sache, mit der sie im Grunde doch nur spielen. Und es gibt Schauspieler, die spielen triebhaft mit einer Sache, die sie aber sehr ernst meinen. Dieter Franke gehörte zum zweiten Typus.

Er hat sich freilich niemals auf seine Rollen geworfen wie ein Überwältiger, Zähmer, Beherrscher, er ist seinen Rollen entgegengetreten als ein fortwährender Unsicherheitskandidat. Charaktere waren bei ihm Menschen, die aus ihrer Freiheit urplötzlich in die Falle gerieten, Entscheidungen treffen zu müssen. Das brachte ihn zum Schwitzen. Er hat quasi vor Sprungreifen gestanden, die er für seinen Auffassungswillen und seine Körperlichkeit vielleicht als zu hochhängend empfand. Kreon. Butler. Kleists Kurfürst. Mephisto. Er sprang. Und schwitzte wieder. Und zwischen den Schweißtropfen stand in schönster Geheimschrift, die aber alle lesen konnten, etwas vom ersten Kinderglauben ans Glück der Simulation: Man kann sein, was man nicht ist, und ich, Dieter Franke, zeig euch auf offener Bühne, wie's geht.

1934 wurde er in Chemnitz geboren. Einer der Beliebtesten des Deutschen Theaters Berlin. In den meisten Inszenierungen von Adolf Dresen. Oder bei Friedo Solter. Es war die Zeit, da gab es noch den großartig vertrackten Dramatiker Sean O'Casey (»Juno und der Pfau« etwa). Franke strahlte nichts Promenierendes aus, er besaß ein gewisses Phlegma. Das erklärte seinen Mephisto (Fred Düren als Faust) zum missmutig malochenden Höllenproletarier und seinen Bürokraten Trutzwackerl in Majakowskis »Schwitzbad« zum herzlos komischen Stempelkissenschlachtherrn.

Franke nuschelte oder stürzte die Sätze heraus; die Worte deuteten mitunter ihre Lust an, im Munde des Mimen einander zu überholen. Ein verschrobenes Dickfell. Wärmende Bedächtigkeit und verschmitzter Normalsinn. Auch in Filmen wie »Der nackte Mann auf dem Sportplatz« oder »Dach überm Kopf«. Sein Kinderfilm-»Gevatter Tod« bestach durch eine unvergessliche Vertrautheit des Eiskalten, durch eine geradezu unerträgliche Zuvorkommenheit bei der Existenzvernichtung.

Einmal, als Kurt Böwe mit dem Stockmann in Ibsens »Volksfeind« besetzt wurde, da brüllte Franke den Freund an - der habe ihm die Rolle gestohlen. In der Premiere saß er, noch immer sauer, in der ersten Reihe. Tobte am Schluss - vor Begeisterung. Franke war mit Böwe sehr befreundet. Böwe war nicht sehr befreundet mit Eberhard Esche. Franke aber war auch mit Esche sehr befreundet. Ein Geselligkeitsmagnet, dieser Franke. Ein Weichspieler, der alle Eitelkeitsfronten aufzulösen vermochte. Solche Leute, populär oben auf der Bühne und unten in der Kantine, sind oft die Einsamsten. Das ist eine Wahrheit, die aber immer erst hinterher gesagt wird. Es gibt eine Offenheit, die bedarf wohl leider des offenen Grabes, in das man mit angekratztem Gewissen blickt.

Heute vor dreißig Jahren, erst 48 Jahre alt, ist Dieter Franke gestorben.

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