Helmigs Hauptwörter

Warum im Landfrauenverein Nordwestmecklenburg kaum Bäuerinnen organisiert sind

  • Christina Matte
  • Lesedauer: 8 Min.

Zu den meist strapazierten Wörtern im öffentlichen Diskurs gehören Eurokrise, Märkte, Vertrauen, Demokratie oder auch Plagiat und Sexismus. Es sind nicht die Wörter, die Gudrun Helmig am häufigsten gebraucht. Gudrun Helmigs Hauptwörter heißen: Nordwestmecklenburg, Landwirtschaft, Frauen, Arbeit. So rückt sie die Dinge an ihren Platz. Es gibt die große Politik, und es gibt etwas Größeres: das kleine, bemessene, mühsame Leben, das sein Recht auf Glück verteidigt.

Glück - so, so. Gudrun Helmig leitet den Landfrauenverein im Landkreis Nordwestmecklenburg. Zehn Ortsgruppen, 188 Mitglieder. Sie treiben Sport, backen Kuchen, wandern, binden im Spätsommer Erntekronen und richten Erntefeste aus. Im Winter organisieren sie Bildungsveranstaltungen, »um auf dem Laufenden zu bleiben«. Zuletzt referierte ein Experte von den Grevesmühlener Stadtwerken über »Alternative Energiegewinnung im ländlichen Raum und ihre Auswirkungen auf den Haushalt«, und er beantwortete Fragen wie die, ob man unter Windrädern verstrahlt werden kann. Mehr Glück in der Gemeinschaft geht nicht. Nicht auf dem noch frostigen flachen Land, wo zwischen kleinen Städten und Dörfern der Wind pfeift.

So bescheiden in Sachen Glück war man nicht immer. Dass dem Landfrauenverein Nordwestmecklenburg, als er sich am 17. Juni 1991 gründete, eine nahezu historische Aufgabe bevorstehen würde, ahnte zwar noch kaum jemand, doch für die 23 Gründungsmitglieder ging es um alles oder nichts. Gudrun Helmig, die damals noch nicht dabei war, kennt die Geschichte. Es war die Zeit, als sich die kollektiven Landwirtschaftsbetriebe im Osten aufzulösen begannen, als ein Großteil der Bauern, die Land besaßen, es aus dem Verbund herauslösten, um es zu verkaufen - das Häuschen musste neu gedeckt, neue Fenster, ein neuer Zaun, ein schickes Auto mussten angeschafft werden. Die Ersten, die im Auflösungsprozess des Volkseigenen Gutes Elmenhorst auf der Strecke blieben, waren die Frauen. Sie hatten in der Tierzucht, der Gärtnerei oder in der Lehrlingsausbildung gearbeitet, nun entließ der Direktor sie mit dem Spruch, sie sollten sich um ihre Männer und Kinder kümmern, damit wären sie beschäftigt. »Die waren empört, die wollten sich wehren«, erzählt Gudrun Helmig, »wir Frauen aus der DDR haben einen starken Arbeitswillen.« Beim Arbeitsamt habe ihnen eine aus dem Westen stammende Referentin dann geraten, als starke Interessenvertretung einen Landfrauenverein zu gründen. Als Gudrun Helmig ein Jahr später dazustieß, sollten dieser ersten Gruppe freilich nur noch zwei Jahre beschieden sein. In alle Himmelsrichtungen habe es die Frauen auseinandergeweht - einige seien in Lübeck in der Gemüseverarbeitung von »Erasco« und »Kühne« gelandet, andere Putzfrauen oder Tagesmütter geworden.

Arbeitsämter, Landfrauenvereine - die alten Länder besaßen die Instrumente, die fortan auch der Osten brauchte, dieser ganz besonders. »Aber zwischen den Landfrauenverbänden im Osten und im Westen gibt es doch einen Unterschied«, sagt Gudrun Helmig. »Landfrauen im Westen sind Bäuerinnen. Abgesehen von einigen Wiedereinrichtern, gibt es hier davon nicht so viele.« Ein knappes Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR scheint die Erinnerung an den Stand der Genossenschaftsbäuerinnen und -bauern erloschen. »Als Bäuerin oder Bauer wird man geboren. Bauernstand ist Ehrenstand, man hat einen Hof«, erklärt Gudrun Helmig. »Den Beruf des Landwirts erlernt man. Unsere Mitglieder sind meist Frauen, die in der Landwirtschaft gearbeitet haben oder einfach auf dem Land leben.«

Frauen wie die 62-jährige Ursula Kunkel. Über 20 Jahre lang war die gelernte Industriekauffrau Wirtschaftsleiterin der Kindereinrichtung beim Kreisbetrieb für Landwirtschaft. Sie wurde arbeitslos, löhnte in einem Autohaus, fiel erneut in die Arbeitslosigkeit, erhielt eine ABM, schlug sich als Putzfrau und Zimmermädchen durch. Fragt man sie, wie sie sich dabei gefühlt hat, antwortet sie: »Letztlich hatte ich Glück«. Glück, damit meint sie: ein Auskommen. Jetzt, beim Landfrauenverein, werden ihre Erfahrung und ihr Wissen gebraucht.

Oder Frauen wie die 65-jährige Siegrid Tusch. Die ausgebildete Erzieherin, einst Fachberaterin für Kinderkrippen, absolvierte beim Landfrauenverein im Rahmen einer ABM eine Hauswirtschaftsausbildung. »Wir DDR-Frauen«, erzählt sie, »hatten ja nicht so viel Ahnung von gesunder Ernährung und moderner Haushaltstechnik. Ich dachte mir, das brauchst du immer.« Während sich Frauen früher mit einer solchen Ausbildung auf die Ehe vorbereiteten, befähige diese heute auch zur Arbeit in Hotels, bei Pflegediensten oder in landwirtschaftlichen Betrieben: »Wenn auf einem Hof die Bäuerin ausfällt, springt eine Betriebshelferin ein. Sie führt den Haushalt, versorgt den Garten, erntet Obst und Gemüse, konserviert …« Siegrid Tusch lacht: »Die guten werden weggeheiratet.«

Noch während sich die erste Landfrauengruppe Nordwestmecklenburgs peu à peu wieder zerstreute, hatte Gudrun Helmig begonnen, den Verein weiter aufzubauen. Eigens deshalb hatte man ihr eine ABM bewilligt. Über mehrere Förderwege konnte sie sich, mit Unterbrechungen, fast zehn Jahre lang dieser Aufgabe widmen. Unter ihrer Leitung entwickelte sich der Landfrauenverein Nordwestmecklenburg zum Träger zahlreicher Projekte, die den Frauen der Region geförderte Arbeitsmöglichkeiten und eine neue berufliche Perspektive eröffneten. Zunächst bot der Verein Kurse an, in denen arbeitslos gewordene Erzieherinnen und Hebammen eine Ausbildung zu Tagesmüttern erhielten - Neuland waren für sie vor allem die rechtlichen Rahmenbedingungen, in denen sie sich bewegen würden. Ein weiteres Projekt hieß GRETA, Grevesmühlener Tagesbetreuung. Vor und nach den Öffnungszeiten der regulären Kindereinrichtungen war GRETA an vier Standorten präsent. 19 (!) Jugendklubs, die heute geschlossen sind, betrieb der Verein als Träger. 2001, zum zehnjährigen Jubiläum, zählte er 300 Mitglieder. Über die Jahre verdankten ihm 600 Frauen eine ABM, so dass man heute sagen kann: Er hat den halbwegs geordneten Übergang von Frauen aus den Genossenschaften in eine andere Gesellschaftsform gemanagt und das wirtschaftliche Überleben nicht weniger Familien gesichert. Zum Glück.

Als Gudrun Helmig 1992 die Aufgabe übernahm, einen arbeitsfähigen Verein zu schaffen, war keineswegs klar, ob sie die Richtige dafür war. Die Wahrheit ist, sie wusste es selbst nicht. Sie hatte gute Voraussetzungen. Im Marschgepäck unter anderem dies: 1948 noch als Bauerntochter geboren, war sie eine der DDR-Landfrauen, denen die Landwirtschaft im Blut lag. Heuernte, Kartoffellese, im Winter die Pferde bewegen waren gleichsam feste Termine in ihrem inneren Kalender. Des Weiteren war sie ausgestattet mit Ehrgeiz, Ausdauer, Disziplin und schönen Erinnerungen. Nachdem der Vater 1961 als einer der Letzten der LPG beigetreten war und die Familie sie in eine Bäckerlehre gegeben hatte, hatte sie an drei Abenden in der Woche in der Volkshochschule die Klassenstufen bis zum Abitur nachgeholt, sich zur Rinderzüchterin qualifiziert. Um dann später im mecklenburgischen Zierow Rinder- und Pferdezucht zu studieren, wo sie auch den Mann kennenlernte, mit dem sie drei Söhne bekam und mit dem sie bis heute verheiratet ist. Immer noch schwärmt sie davon, dass die junge Familie im Internat ein eigenes Zimmer bewohnte, acht Mark für Essen und Bettwäsche zahlte, 140 Mark Stipendium und noch mal 40 Mark »Leistungsstip« bekam. Und davon, dass sich in der Seminargruppe gleich sechs Paare gefunden hatten, die zusammen nicht nur zum Wintersport fuhren.

Nicht zuletzt empfahl sie sich mit intimen Kenntnissen der oft widersprüchlichen genossenschaftlichen Realität. Die Frau, die mit 15 Moped fuhr, mit 16 Motorrad und mit 18 Trecker, hatte in der KAP Grevesmühlen (Kooperativen Abteilung Pflanzenproduktion) die Verantwortung für das Sozialwesen und die Betriebswohnungen übertragen bekommen. Sie wusste um den Unfrieden, den diese Wohnungen stifteten, denn während diejenigen, die ein Haus besaßen, allein dafür aufkommen mussten, kosteten die Wohnungen, in denen jedes dritte Jahr auf Rechnung der Genossenschaft Flur, Bad und Küche gemalert wurden, pro Monat lediglich 15 Mark Miete. Sie wusste um das »böse Blut«, das die Sonderversorgung der »Erntekapitäne«, der Propagandalieblinge, bei den Frauen der FKK-Fraktion - Forke, Karre, Kiepe - hervorrief, »die schufteten nicht nur sechs Wochen lang, sondern das ganze Jahr über in den Ställen«. Und als die Tierproduktion Warnow liquidiert worden war, wo sie unter anderem stundenweise als Milchkontrolleurin gearbeitet hatte, wusste sie, warum im Kreis kaum jemand Interesse zeigte, die bisherige Produktionsform zu »retten« oder wieder Bauer zu werden: Um Land und Technik zu erwerben, hätte man sich hoch verschulden, die Nachbarn und Freunde entlassen und die Betriebsnachfolge sichern müssen. Ein zu hohes Risiko. Jeder achte Landwirtschaftsbetrieb geht jährlich in Deutschland pleite.

Längst zweifelt niemand mehr daran, dass Gudrun Helmig für den Landfrauenverein die Richtige war. Sie beschwor die Frauen: Macht die Fahrerlaubnis, qualifiziert euch, seid euch für keine Arbeit zu schade, vielleicht kann daraus ja etwas werden. Trotzdem ging es, wie sie selbst sagt, nach dem zehnjährigen Jubiläum bergab. 2003, als der staatlich geförderte Beschäftigungssektor heruntergefahren wurde, verabschiedete der Verein die letzte ABM-Kraft. Die Frauen sollten sich nun »eigenständige Erwerbsquellen« geschaffen haben. Vielen hat der Verein dazu verholfen, vielen nicht. Da nichts mehr bei ihm zu holen war, sank die Zahl der Mitglieder sank wieder.

Inzwischen leitet Gudrun Helmig den Verein ehrenamtlich. Die Idee, in einem Vereinshofladen regionale landwirtschaftliche Produkte zu vermarkten, scheiterte, weil man nicht bedacht hatte, »dass man sich auf dem Land die Eier vom Nachbarn holt«. Denen, die selbst gekochte Marmelade an Mitbringsel suchende Touristen verkaufen wollen, rät der Verein: kein Schlamm in der Auffahrt, den Hund an die Kette, eine Tasse Kaffee anbieten. Im Augenblick kämpft der Verein um ein Schulfach »Alltags- und Lebensökonomie«. Es sei der Kampf um die Kinder, sagt Gudrun Helmig, Frauen seien sehr besorgt, weil mittlerweile schon Jugendliche die Schuldnerberatung aufsuchen müssten. »Im Dorfkonsum gab’s keine Handys, keine Fertignahrung und keine Markenklamotten. Heute müssen junge Leute lernen, günstig einzukaufen und sich gesundes Essen zuzubereiten.«

Auch Helmigs haben Anfang der 90er ihre 8,8 Hektar zurückgeholt - Wiese, Wald, Weide- und Ackerland. Sie leben im Dörfchen Großenhof, in dem Haus, in dem Helmut Helmig vor über sechs Jahrzehnten geboren wurde. »Sie ist selten zu Hause«, klagt er. Er sollte froh darüber sein. Würde sie sich in Großenhof vergraben, wäre sie todunglücklich.

Helmigs halten Hühner und Enten, mit deren Verkauf sie die Rente aufstocken. Im Stall stehen Schafe und Lämmer. Gibt Gudrun Helmig den Lämmern die Flasche, pflegt sich ihr Gesicht zu öffnen, gesetzmäßig wie ein Sonnenaufgang und fast so überwältigend. Sie hat in Wismar Abnehmer für das Lammfleisch gefunden: mongolische Studenten.

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