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Ein Recht auf Faulheit gibt es nicht, predigte Gerhard Schröder - Guillaume Paoli, Mitbegründer der Glücklichen Arbeitslosen, erkennt in so einem Satz: Denkfaulheit

Lang ist es her. Die windigen Geschäfte von Lemann Brothers liefen prächtig, die Türme des World Trade Center ragten stolz in den Himmel von Lower Manhattan, und »Hartz IV« war in Deutschland noch gar kein Begriff. Da zitierte die »Bild«-Zeitung den sozialdemokratischen Bundeskanzler Gerhard Schröder mit den Worten: »Es gibt kein Recht auf Faulheit in dieser Gesellschaft.« Man schrieb den 6. April 2001.

Der Satz, mit dem Schröder die Massen auf die bevorstehende Umsetzung seiner neoliberalen Agenda einschwor, kann gleichsam als Handstreich gegen die eigene politische Sozialisation gelesen werden, als Abkehr von einer Sozialdemokratie also, die diesen Namen tatsächlich verdient. Denn war es nicht der Sozialist und Marx-Schwiegersohn Paul Lafargue, der 1880 in einem fulminanten antikapitalistischen Essay eben jenes »Recht auf Faulheit« polemisch eingefordert hatte? Und war es nicht Eduard Bernstein, Urvater von Schröders SPD, der Lafargues Schrift ins Deutsche übertragen hatte?

»Als die Bourgeoisie noch gegen den von der Kirche unterstützen Adel kämpfte«, heißt es in Lafargues 1883 im Gefängnis Sainte-Pélagie verfassten Vorwort, »befürwortete sie freie Forschung und Atheismus, kaum aber hatte sie ihr Ziel erreicht, so änderte sie Ton und Haltung. Und heute sehen wir sie bemüht, ihre ökonomische und politische Herrschaft auf die Religion zu stützen.« Die Religion einmal abgezogen, ließe sich Schröder und den Seinen dieselbe Kehrtwende nachweisen. Dem Verdikt, es gebe kein Recht auf Faulheit, folgten Sanktionen gegen die vermeintlich Faulen. Arbeitslos zu sein - vor der Ära Schröder war das nicht unbedingt ein Verbrechen. Seit der Umsetzung von Hartz IV ist »Faulheit« eine Todsünde laut Staatsdoktrin.

Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Glücklichen Arbeitslosen? Die noch in der Ära Kohl formierte Initiative hatte vor dem Hintergrund der öffentlichen Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen einen Möglichkeitsraum aufgetan, mittels Manifesten und spontanen Aktionen: Wenn dank Technologie und Automation immer weniger menschliche Arbeitskraft benötigt wird, so las man im »Müßiggänger«, dem »Kontemplationsblatt der Glücklichen Arbeitslosen«, warum darf man das nicht als Geschenk begreifen? Endlich tun, wozu man schon immer Lust, aber noch nie Zeit hatte - was soll daran verwerflich sein? Leisten könne sich das die reiche deutsche Gesellschaft allemal.

»Unser erster konkreter Vorschlag«, hieß es 1996 im ersten Aufruf der Glücklichen Arbeitslosen, »ist sofort umsetzbar: die Beendigung aller Kontrollmaßnahmen gegen Arbeitslose, Schließung sämtlicher Statistik- und Propagandabüros (das wäre unser Beitrag zum Sparpaket) und automatische, unbefristete Zahlung der Unterstützung inklusive der gesparten Summen.« Eingetreten ist das komplette Gegenteil: verschärfte Kontrollen, Umwandlung der Ämter in Agenturen, Prekarisierung zwecks Schönung der Statistik.

Wer hätte die Forderungen der sorglosen Schmarotzer auch bezahlen sollen? »Unseretwegen«, schrieben die seinerzeit, »mag das Einkommen der Glücklichen Arbeitslosen sehr wohl vom privaten Sektor finanziert werden, sei es durch Sponsoring, Adoption, extra Kapitalertragssteuer oder Erpressung. Wir sind nicht wählerisch.« Gleichgesinnte riefen den 2. Mai zum »Internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen« aus. Ein wackeres Häuflein versammelt sich an diesem Tag seither zu einer Demonstration in Berlin, um Michael Steins »Gebet gegen die Arbeit« zu intonieren: »Arbeit!/ Geißel der Menschheit!/ Verflucht seist du bis ans Ende aller Tage …«

Stein starb 2007. Die »Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der Glücklichen Arbeitslosen«, von Guillaume Paoli 2002 unter dem Titel »Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche« herausgegeben, sind nur noch antiquarisch erhältlich. Die Initiative hat sich längst aufgelöst, genauso wie der Club der polnischen Versager und ähnliche Gruppen, die in den damals noch vorhandenen Freiräumen Berlins das Leben feierten und die Maloche verdammten. Glück und Arbeitslosigkeit - 13 Jahre nach Schröders Satz klingen die beiden Worte unvereinbarer denn je.

Die Vögel zwitschern, als gäbe es kein Morgen, als mir Guillaume Paoli, einstige Stimme der verblichenen Initiative, dieser Tage im sonnigen Volkspark Friedrichshain gegenübersitzt. Ursprünglich als »Statement von drei Leuten« gedacht, habe die Sache mit den Glücklichen Arbeitslosen unbeabsichtigt rasch Fahrt aufgenommen, sagt er. Hunderte von Briefen aus der ganzen Republik seien eingetroffen, deren Schreiber ebenfalls arbeitslos waren - und zufrieden damit. »Leute, die wir überhaupt nicht kannten, gründeten Ortsgruppen und diskutierten plötzlich mit Gleichgesinnten.«

Warum ist das Ganze dann so dornröschenhaft eingeschlafen? Zum einen wegen Schröder, »dessen Ziel es war, uns zu bekämpfen und jedem Einzelnen, der keine Arbeit findet, dafür die Schuld persönlich zuzuweisen. Wer aber die Arbeitslosigkeit zur individuellen Sünde erklärt, verschleiert, dass es sich in Wirklichkeit um ein strukturelles Problem handelt.« Zum anderen, weil die Glücklichen Arbeitslosen sich nicht vereinnahmen lassen wollten. »Es entstand damals dieses Gerede über die Kreative Klasse, das sehr bald dazu führte, dass die sogenannte Kreativität zur dominanten Ideologie geworden ist«, sagt Paoli. »Hervorgebracht hat sie das falsche Idealbild eines freischwebenden Menschen, der mobil ist, heute dies machen kann, morgen jenes, und dabei in prekären Verhältnissen lebt. Mit diesem Lob der Selbstausbeutung wollten wir uns nicht gemein machen.«

Auch eine »Kollaboration mit dem Arbeitsamt« sei nicht in Frage gekommen. Angebote dieser Art habe es durchaus gegeben: »Wir hätten Arbeitslosenexperten werden können, lebenslang. Aber wir wollten uns nicht in diese Spezialisierungsecke stellen lassen und ständig zu Gast in Talkshows sein.« Stattdessen hat Guillaume Paoli dem Drängen seines Arbeitsberaters nachgegeben und auf dem Papier eine »Ich-AG« gegründet - als »Demotivationstrainier«. Unter dem Intendanten Sebastian Hartmann war er später fünf Jahre lang am Leipziger Centraltheater angestellt, als Hausphilosoph. Jetzt ist er wieder mal arbeitslos. Na und? Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Ein Werktag, zwölf Uhr mittags.

»Aber die Grundfrage, die wir damals gestellt haben«, sagt Paoli, »ist nicht gelöst. Es gäbe da noch einiges zu tun«. Je weiter die Globalisierung und die mit ihr einhergehende Nivellierung weltweiter Einkommensunterschiede fortschritten, desto mehr lohne es sich für Unternehmen, in Software und Maschinen zu investieren, die Arbeitsplätze vernichten. Hauptanliegen der Glücklichen Arbeitslosen sei »das Anstoßen eines Umdenkens« gewesen, wichtigstes Ziel die »Entwicklung anderer Werte für das Gemeinnützige«. Dieses Umdenken wäre »das Denken einer anderen Verteilung: Der Mensch hat ein Recht darauf, ohne Bedingungen Geld zum Leben zu bekommen.«

Ein »Recht auf Faulheit« also? Paoli antwortet zweifach, einmal philosophisch, einmal pragmatisch. Die philosophische Variante: »Wenn es ein Recht auf Arbeit gibt, gibt es auch ein Recht darauf, nicht zu arbeiten. Sonst ist es eine Pflicht zur Arbeit, ein Zwang.« Die pragmatische: »Einer ist immer fauler als jemand anders. Sobald du dir etwas mehr Zeit nimmst, wirkst du faul auf Leute, die das nicht tun. Faulheit als Kategorie kann ich deshalb nicht anerkennen.«

Schon in ihrem ersten Text brachten die Glücklichen Arbeitslosen die Moralkeule, die immer dann geschwungen wird, wenn es um die Tugend der Tüchtigen und die Schande der Faulen geht, in Verbindung mit dem Kirchenzepter. »Wie damals auch, als die Priester ihr Seelenmonopol bedroht sahen«, heißt es da, »ist die Moral nur dazu da, die sich ausweitenden Risse zwischen Weltanschauung und Realität zu flicken.« Die heute herrschende Weltsicht heißt: Faulheit ist Sünde. Die Realität: Es gibt im Technologiezeitalter keine sinnvolle Lohnarbeit mehr für alle.

»Nur ein erhabenes Lachen«, schlussfolgerten die Glücklichen Arbeitslosen 1996, »kann Moral ernsthaft außer Kraft setzen.« 18 Jahre später beschließt Guillaume Paoli unser Gespräch über den sündhaften Müßiggang wieder mit einem Lachen: »Aber Denkfaulheit, da bin ich dagegen. Die derzeit in der Politik und Medien dominierende Denkfaulheit sagt nämlich in den immer gleichen Floskeln immer wieder nur: So wie es ist, ist es, und etwas anderes ist nicht vorstellbar.« Wenn das nicht die wahrhafte Sünde ist!

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