100 Mark abgepaust auf Briefpapier

Neuerscheinung zur Geldfälschung in der DDR

  • Von Heidrun Böger, Leipzig
  • Lesedauer: 3 Min.

Es war der 30. September 1952, als der Verkäuferin Helga Witterich im HO-Warenhaus in der Leipziger Petersstraße etwas seltsam vorkam. Ein Mann mittleren Alters reichte ihr einen 20-Mark-Schein herüber. Die Verkäuferin sah kurz auf den Schein und hielt inne, irgendetwas stimmte nicht. Albrecht Hiltja, so sein Name im Buch, wurde festgenommen, damit war der größte Falschgeld-Betrug der DDR aufgeflogen. Der gelernte Konditor aus Niemegk bei Bitterfeld hatte 10 000 falsche 20-Mark Scheine hergestellt und 2500 davon abgesetzt.

Diese und andere Geschichten erzählt der promovierte Wirtschaftshistoriker Peter Leisering (60) in seinem Buch »Falschgeld in der DDR«, das gerade erschienen ist. Der Berliner Autor, der selbst Münzen sammelt, ist eher zufällig auf das Thema gestoßen, »denn so richtig konnte sich niemand vorstellen, dass Scheine und Münzen zu DDR-Zeiten gefälscht wurden.« Leisering hat dazu vor allem im Historischen Archiv der KfW-Stiftung und im Bundesarchiv in Berlin geforscht, wo auch die Unterlagen der ehemaligen Staatsbank der DDR liegen.

Etwa 250 000 Mark sind während 40 Jahren DDR gefälscht worden, nicht viel, wenn man bedenkt, dass das weniger ist als das, was heutzutage in einem Jahr an Falschgeld hergestellt wird. Peter Leisering: »Es gab aber bestimmt eine hohe Dunkelziffer.« Nicht jeder Verkäufer rannte wegen eines falschen Groschens gleich zur Polizei. Von der Viertelmillion Mark Falschgeld stammten vier Fünftel aus der Druckerpresse von Albrecht Hiltja, der eigentlich als Musiker arbeitete. Er tauschte es beim Kauf von Kleinigkeiten in Delitzsch, Halle, Bitterfeld und Leipzig ein. Bis man Hiltja erwischte, hatte man noch nicht ein Stück seiner Fälschung erkannt und war dann sehr überrascht, dass bereits 2500 Scheine abgesetzt waren.

Dass falsche Banknoten in der DDR kein allzu großes Problem darstellten, lag auch an dem Aufwand, den die Polizei bei der Aufklärung der Fälle trieb. Erschwert wurde die Polizeiarbeit dadurch, dass anfangs auch immer wieder einige der echten Geldscheine fehlerhaft waren.

Doch während heutzutage organisierte Banden dem Falschgeld-Geschäft nachgehen, waren es in der DDR vor allem Einzeltäter wie Albrecht Hiltja. Der musste im Vorfeld viel Geld für Papier, Farben und eine Druckpresse investieren. Für die Herstellung der falschen 20er, denen Experten eine gute Qualität bescheinigten, wurde der Musiker zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er neun absaß. Danach ließ er sich nichts mehr zuschulden kommen. Helga Witterich, die aufmerksame HO-Verkäuferin, erhielt eine hohe Belohnung.

Kurios der Fall des Leipziger Schülers Jochen, der kein Taschengeld bekam und in wochenlanger Arbeit einen 100-Mark-Schein auf gutem Briefpapier abpauste und damit ebenfalls im Warenhaus in der Petersstraße eine Klarinette kaufen wollte. Am 16. Oktober 1950 flog er auf. Der 16-Jährige bekam 14 Tage Jugendarrest und musste 20 Stunden Trümmerdienst ableisten.

Geschichten wie diese machen das Buch zu einem unterhaltsamen Lehrstück in Sachen DDR-Falschgeld. Wobei auch Münzen gefälscht wurden. Diese hatten zwar eine schlechte Qualität. Die Ganoven kauften damit aber an Automaten ein, denn die haben bekanntlich keine Augen. Mehrere Münzfälscher wurden gefasst.

Peter Leisering: »Falschgeld in der DDR«, Verlag Das Neue Berlin, 288 Seiten, Preis 16,99 Euro

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