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Rot wie Blut

Das Lagertor des KZ Buchenwald erhält nach einer Restaurierung wieder seine ursprüngliche Farbgebung

  • Sebastian Haak, Weimar
  • Lesedauer: 3 Min.
Das Lagertor von Buchenwald war lange in grauer und grüner Farbe gestrichen. Jetzt sieht es wieder so aus, wie es die KZ-Häftlinge erblickten. Die neue, alte Farbgebung erzählt viel über den Ort des Schreckens.

Mit einem Skalpell haben die Restauratoren den ursprünglichen Farbton des Schriftzugs »Jedem das Seine« wieder frei gelegt. Wenn Ulf Gerlach die dafür nötigen Handbewegungen nachmacht, lässt sich erahnen, wie aufwendig das war. Jetzt liegt die innere Tür des großen Lagertors von Buchenwald auf zwei Stahlschienen in einer Werkstatt im thüringischen Luisenthal, unweit von Oberhof. Die weiße Farbe, in der die übrigen Stahlstreben der Tür nun gestrichen sind, lassen die Sentenz und ihre ursprüngliche Farbgebung nur umso unwirklicher erscheinen. Die drei Worte, die auch wegen ihrer Prägnanz zu einem weltweit berüchtigten Symbol für die Ideologie der Nationalsozialisten geworden sind, sind rot. Wie Blut.

Ein weißes Tor, in dessen Mitte der rote Schriftzug: Für die Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald ist diese Farbgebung von zentraler Bedeutung; so zentral, dass Fragen um die ursprüngliche Farbgebung seit Wochen den eigentlichen Grund dafür überlagert haben. Das Tor wurde Ende Januar in Buchenwald ausgebaut und von Gerlach und seinen Mitarbeitern unter der Leitung von Bernhard Mai restauriert. Gerlach ist Restaurator und Geschäftsführer der Werkstatt »Drachenschmiede«, in der neben der Innentür auch die zwei Flügel des Tores von Buchenwald liegen. Auch sie sind inzwischen wieder weiß lackiert. Mai ist ebenfalls Restaurator, gleichzeitig Professor an der Fachhochschule Erfurt und von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora federführend mit der Instandsetzung der Stahlkonstruktion betraut worden. Es ist die erste umfassende Restaurierung des Tors seit dessen Einbau - und sie war aus Sicht der Stiftung dringend nötig. Dabei ist nicht nur der Befund, dass der »Jedem-das-Seine«-Schriftzug unter den Nationalsozialisten rot war, für die Historiker der Gedenkstätte ungemein wichtig. Auch dass Mai erzählt, seine Untersuchungen hätten ergeben, die dem Appellplatz im Lagerinneren zugewandte Seite der Buchstaben sei zwischen 1938 und 1945 insgesamt acht Mal überstrichen worden, um den Rotton deutlich lesbar zu halten, während die Kehrseite der Zeichen nur ein einziges Mal behandelt worden sei, ist für sie wichtig. Forscher wie Harry Stein sagen, dass die SS offenbar großen Wert darauf gelegt habe, den Schriftzug für die Lagerinsassen sehr präsent zu halten. Die Schrift unterstreiche die menschenverachtende Geisteshaltung des NS-Regimes, das ganz klar zwischen denen trennte, die irgendwie »dazu gehörten« und denen, die es auszugrenzen, zu vernichten galt. Die Häftlinge, die jeden Morgen auf dem Appellplatz standen und die roten Buchstaben sahen - sie sind so angeordnete, dass sie von dort aus »richtig herum« zu lesen sind -, gehörten zu letzterer Gruppe.

Das KZ Buchenwald und »Jedem das Seine«

Im Konzentrationslager Buchenwald hielten die Nationalsozialisten zwischen 1937 und 1945 insgesamt mehr als eine Viertel Million Menschen gefangen. Etwa 56 000 von ihnen starben während der Haft an den katastrophalen Bedingungen im Lager oder wurden von der SS getötet. Die Inschrift »Jedem das Seine«, die die SS im Frühjahr 1938 am Lagertor anbringen ließ, ist weltweit zu einem der wichtigsten Symbole für den Schrecken der NS-Konzentrationslager geworden.

 

Der Ausspruch »Jedem das Seine« ist eigentlich ein alter römischer Rechtsgrundsatz, der durch seine Verwendung in Buchenwald von den Nationalsozialisten ins Gegenteil verkehrt wurde. Er steht im NS-Kontext nicht für Gerechtigkeit, sondern für die Ausgrenzung und Vernichtung von Menschen. Die Art und Weise, wie der Schriftzug im Lagertor von Buchenwald gestaltet ist, erzählt aber auch vom Widerstand gegen das NS-Regime: Entworfen wurde die Ausgestaltung der Sentenz vom Bauhaus-Schüler Franz Ehrlich, der aus politischen Gründen in Buchenwald inhaftiert war. Ohne, dass die SS es bemerkte, griff er bei der Gestaltung der Buchstaben auf typografische Vorlagen anderer Bauhäusler zurück - und schmuggelte so einen Teil von angeblich »entarteter Kunst« in ein NS-Konzentrationslager.

Sebastian Haak

 

Wann genau das Tor das erste Mal in den Grau- und Grüntönen gestrichen wurde, in denen es Besucher der Gedenkstätte in den vergangenen Jahrzehnten erblickten, ist auch nach den Untersuchungen Mais nicht abschließend klar. Sicher, sagt er, sei nur: Das »Maschinengrün«, mit dem das Tor zuletzt behandelt worden war, sei irgendwann nach der Wende aufgetragen worden.

In der neuen Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte - sie soll 2016 eröffnet werden - wird die neue, alte Farbgebung des Tores nun eine zentrale Rolle spielen. »So wie das Tor jetzt aussieht, hat es eine noch viel stärkere Präsenz«, sagt Stein. Gerade für die pädagogische Arbeit der Stiftung eigne sich dieses Symbol nun umso mehr. Wie Besucher auf das weiß-rote Symbol des Schreckens reagieren, kann man sehr bald beobachten. Ab Mittwoch wird das Tor wieder auf dem Lagergelände eingebaut.

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