40 Jahre Mahnen und Warnen

1974 wurde in Berlin Europas erste wissenschaftliche Umweltbehörde gegründet

  • Susanne Schwarz
  • Lesedauer: 3 Min.
Das Umweltbundesamt hat sich vom Umweltministerium emanzipiert - und tritt gern mal Klimawandelskeptikern auf die Füße.

22. Juli 1974: Das Umweltbundesamt (UBA) nimmt seine Arbeit auf. Mit etwa 170 Mitarbeitern zieht es nach Westberlin. Es ist das erste seiner Art in ganz Europa: eine Behörde, die sich mit wissenschaftlichen und organisatorischen Fragen des Umweltschutzes befassen soll.

Nicht überall nimmt man die Behörde positiv auf. Das Außenministerium der DDR beispielsweise kritisiert die Eröffnung heftig - allerdings nicht wegen der thematischen Ausrichtung, sondern aus politischen Gründen: Dass eine Institution der Bundesrepublik ihren Hauptsitz in Berlin hat, wird als Verstoß gegen das Viermächteabkommen verstanden. »Anschlag gegen die Entspannung« titelt das »Neue Deutschland« am 13. Juli 1974.

Recht schnell kann das UBA seine Existenzberechtigung unter Beweis stellen: 1975 deckt es auf, dass in der Bundesrepublik rund 50 000 wilde Müllkippen existieren. Wenig später werden 20 000 davon geschlossen. Die Behörde stellt in der Folge Kriterien auf, wie eine Mülldeponie auszusehen hat, damit sie ökologisch zumindest tolerabel ist.

Das UBA trägt auch maßgeblich dazu bei, dass es ab 1978 den »Blauen Engel« gibt - das erste Siegel, mit dem umweltfreundliche Produkte ausgezeichnet werden können. Im selben Jahr warnt das Amt als eine der ersten offiziellen Stellen schon vor der Bedrohung durch den Klimawandel. In der Folge initiiert die Behörde viele Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz, etwa das Verbot von bleihaltigem Benzin 1988 oder das Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz 1996.

Frei von Kritik bleibt aber auch das UBA nicht: So stößt sich die Wirtschaft regelmäßig an der Arbeit der Behörde. Dass das Amt Unternehmen zur Finanzierung von Umweltkosten drängt, gefällt nicht jedem.

Im Mai 2013 kommt es zu einem medialen Aufschrei, als die Behörde die Broschüre »Und sie erwärmt sich doch« herausgibt. Das UBA benennt darin Journalisten und Wissenschaftler, die den Klimawandels abstreiten. Das Amt vergreife sich im Ton, so Reinhard Schlieker auf heute.de. Das Vorgehen erinnere »an Reichskulturkammer und DDR-Regime« und schränke die Meinungsfreiheit ein, schreibt Henryk Broder in der »Welt«. Das Online-Journal klimaretter.info dagegen kommentiert, das UBA weise nur darauf hin, dass einige Kommunikatoren falsche Informationen über den Stand der Wissenschaft verbreiteten - »das hat nichts mit Meinung zu tun«.

Vier Präsidenten haben das UBA begleitet: In den ersten 21 Jahre leitet ihr Gründer Heinrich von Lersner die Behörde. 1995 folgt Andreas Troge, in dessen Amtszeit der Umzug der Behörde nach Dessau fällt. Er ist als ehemaliger Umweltreferent des Bundesverbands der Deutschen Industrie und damaliges CDU-Mitglied bis heute der konservativste Präsident des UBA.

Unter seinem Nachfolger Jochen Flasbarth, der das Amt ab 2009 leitet, emanzipiert sich das UBA vom Umweltministerium, zu dessen Geschäftsbereich es gehört, und profiliert sich mit eigenen Positionen. Flasbarth, zuvor Chef des Naturschutzbundes Deutschland sowie Abteilungsleiter im Umweltministerium unter Jürgen Trittin (Grüne), wird 2013 Staatssekretär im Umweltministerium unter Barbara Hendricks (SPD). Er ist damit an der Gestaltung der Energiewende direkt beteiligt. Seit 2014 leitet mit der SPD-Politikerin Maria Krautzberger erstmals eine Frau das UBA. Die ehemalige Staatssekretärin in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will den Arbeitsschwerpunkt der inzwischen rund 1500 UBA-Mitarbeiter auf den Klimaschutz und die Restaurierung des europäischen Emissionshandels legen.

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal