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Vom Kleingärtnerverein zum Kiezklub

Folge 45 der nd-Serie »Ostkurve«: Der VfL Halle 96 besticht durch seine alternative Fankultur

  • Von Max Zeising, Halle
  • Lesedauer: 6 Min.
Die hallesche Alternative: Lange vor dem HFC gegründet, stand der VfL Halle 96 meist im Schatten des großen Nachbarn. Aber dem studentisch geprägten Verein geht es nicht nur um sportlichen Erfolg.

Geht man durch Halles Innenstadt, fallen einem die vielen kleinen Cafés und Bars sofort ins Auge. Und gerade jetzt, da das neue Semester an der Universität vor der Tür steht, werden diese auch wieder mit Leben gefüllt. Halle ist eine Studentenstadt. An der Martin-Luther-Universität sind etwa 25 000 Menschen eingeschrieben. Jeder zehnte Hallenser ist Student. Kein Wunder also, dass sich hier seit der politischen Wende eine alternative studentische Kultur entwickelt hat. Auch im Fußball. So gibt es beim Oberligisten VfL Halle 96 eine kleine linke Fanszene. »Hier kommen die Leute hin, die eine Alternative zum Halleschen FC suchen«, sagt VfL-Anhänger Christian Kirchert. »Wir sind eine pluralistische Gruppe, haben aber einen gemeinsamen Grundkonsens: Rassismus, Antisemitismus und Homophobie unterstützen wir nicht.«

Nach dem Drittligisten Hallescher FC ist der VfL Halle 96 die »zweite Kraft« in der Stadt. Ein echter Kiezklub, eine kleine Kopie des FC St. Pauli und des 1. FC Union Berlin. Diese beiden Vereine sind auch jeweils die zweiterfolgreichsten ihrer Städte. Und wie es sich für einen Kiezklub gehört, hat auch der VfL eine ganz besondere Fankultur, mit der sich dessen Anhänger ganz bewusst vom »Aushängeschild« der Saalestadt abgrenzen wollen. Denn beim HFC sieht Christian Kirchert immer wieder Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit. Rassistische Beleidigungen wie »Ihr Juden!« seien keine Seltenheit. »Nicht alle HFC-Fans sind Neonazis, aber es gibt rechte Tendenzen von der Tolerierung rassistischer Sprüche bis hin zur Unterstützung von Naziparteien.«

Der HFC wehrt sich gegen diese Anschuldigungen. »Unsere Fans sind tendenziell eher unpolitisch. Zwar gibt es einen Hang zu Provokationen, Aggressionen und Pyrotechnik. Aber rechte Tendenzen sind mir aus der letzten Zeit nicht bekannt«, sagt Vereinspräsident Michael Schädlich. Allerdings waren auch beim letzten Heimspiel gegen Dynamo Dresden wieder Anhänger in Thor-Steinar-Klamotten zu sehen.

Die alternative Fanszene beim VfL existiert noch gar nicht so lange. Christian Kirchert kann sich noch an Zeiten erinnern, in denen der Klub ein »Rentner- und Kleingärtnerverein« war. Zwar wurde er lange vor dem HFC gegründet, spielte aber in der DDR unter dem Namen BSG Empor Halle nur eine unbedeutende Rolle. Der größte Erfolg war der Aufstieg in die zweitklassige DDR-Liga Anfang der 1980er-Jahre. Erst mit dem sportlichen Aufschwung kurz vor der Jahrtausendwende sei eine wirkliche Fankultur entstanden, meint Kirchert. 1999 stieg der VfL in die damals drittklassige Regionalliga auf. 1997 und 1999 wurde man zudem Landespokalsieger und qualifizierte sich für den DFB-Pokal. In dieser Zeit war man sogar erfolgreicher als der große Nachbar und zog viele Studenten an.

Im letzten Jahrzehnt ging es sportlich aber wieder bergab. Auch die Fanszene hatte darunter zu leiden. »Zu Regionalligazeiten war der ganze Block voll. Davon ist nur der harte Kern übriggeblieben«, sagt Kirchert. Heute kämpft der VfL in der fünftklassigen Oberliga um jeden Zuschauer. Das Stadion am Zoo war vergangene Saison zu nicht einmal vier Prozent ausgelastet. 4200 Zuschauer passen rein, zu den Heimspielen kamen durchschnittlich aber nur 134. »Wir wissen auch nicht, wie wir mehr Fans anziehen können«, zeigt sich Christian Kirchert ratlos. Man habe schon viel versucht, freien Eintritt für Erstsemester zum Beispiel. Aber nur beim Derby im Achtelfinale des Landespokals gegen den Halleschen FC, das knapp 0:1 nach Verlängerung verlorenging, war das Stadion in der vergangenen Saison voll - aufgrund der zahlreichen HFC-Fans.

Vielleicht kann ja ein erneuter sportlicher Aufschwung helfen. Seitdem Lars Holtmann, selbst noch Student an der Uni Halle, im Herbst 2011 das Traineramt übernommen hat, geht es in der Oberliga Stück für Stück aufwärts. Nachdem man 2012 dem Abstieg nur entgehen konnte, weil sich zwei andere Mannschaften zurückzogen, wurde man 2013 Achter und 2014 Vierter. Aktuell steht der VfL auf Platz drei der Tabelle. »Ein Aufstieg wäre uns Fans gar nicht so wichtig, wir haben auch in der Oberliga Spaß«, meint Christian Kirchert. Das sieht Vereinspräsident Frank Sänger naturgemäß anders: »Mein Traum ist es, mittelfristig wieder in der Regionalliga zu spielen.« Sänger sitzt für die CDU im halleschen Stadtrat. Mit der alternativen Fanszene hat er aber keine Probleme: »Es gab noch keine negativen Vorkommnisse.«

Über die Arbeit des Trainers findet Sänger nur lobende Worte: »Was der veranstaltet, ist schon große Klasse. Der VfL trainiert intensiver als der HFC.« In der Tat hat Lars Holtmann den Fußball beim VfL modernisiert. Er orientiert sich dabei stets an den Entwicklungen im Profibereich. Vor einigen Wochen war er sogar auf dem Internationalen Trainerkongress des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer in Mannheim, wo die neuesten Erkenntnisse im taktischen Bereich anhand des Erfolgs der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM vorgestellt wurden. Zudem hilft die Tatsache, dass nicht nur die Fans und der Trainer aus dem studentischen Milieu kommen, sondern auch einige Spieler. Es ist eine homogene Truppe.

Auch wenn Holtmann das Wort »Aufstieg« selbst nicht in den Mund nimmt, so ist doch eine klare Tendenz seiner Arbeit erkennbar. Eine Tendenz, unter der so mancher Leistungsträger der vergangenen Jahre zu leiden hat. Symbolfiguren wie Stefan Karau und Patrick Selle, die das Gesicht des Klubs lange geprägt hatten, wurden Ende vergangener Saison aussortiert. Die beiden waren stets kämpferische Vorbilder, doch sie waren dem Trainer spielerisch nicht mehr gut genug. »Mit dieser Entscheidung des Vereins sind wir nicht glücklich«, kritisiert Christian Kirchert. Beim seinem letzten Spiel wurde Karau, der auch Kapitän war, von den Fans gebührend verabschiedet. Dass der offensivstarke Rechtsverteidiger bei den Anhängern so beliebt war, mag auch an seinem fußballerischen Werdegang gelegen haben. Karau kam ursprünglich aus der Jugend von Sachsen Leipzig - einem Verein, der ebenfalls eine alternative Fankultur zu bieten hat. Nun wechselte er zu Chemie Leipzig - dem inoffiziellen Nachfolgeverein der pleitegegangenen Sachsen. »Karau gegen Lok, ab jetzt bei uns im Block«, stand bei seinem Abschiedsspiel auf einem Transparent.

Das passte: Denn der 1. FC Lok Leipzig ist neben dem HFC der zweite Erzfeind von VfL Halle und Chemie Leipzig - und spielt ebenfalls in der Oberliga. Im November kommt es im Leipziger Bruno-Plache-Stadion zum Duell. Dann werden es die 30 bis 40 Fans, die sich immer im VfL-Block befinden, schwer haben, Stimmung zu machen. Zum letzten Heimspiel von Lok Leipzig gegen Rudolstadt - nicht gerade ein Klassiker - kamen immerhin 2200 Zuschauer.

Aber auch wenn die Zuschauerzahlen beim VfL höher sein könnten - die Stimmung im Fanblock ist stets angenehm. »Wir nehmen uns selbst nicht ernst«, sagt Christian Kirchert. So hört man Gesänge wie diesen: »1000 Mann, die Hütte voll, der VfL ist da.« Oder: »Unsere S-Bahn fährt ohne L.O.K.«, wird beim Duell gegen die Leipziger wieder zu hören sein. »Wir sind Affen, hochbegabte Affen, schlafen im Gehege oder im Stadion am Zoo«, ist dagegen ein Klassiker bei jedem Heimspiel. Manchmal wird es auch politisch. Vor der WM war »Deutschland? Vorrundenaus!« auf einem Transparent zu lesen.

Man sieht: Beim VfL gibt es einige Besonderheiten. Und mit Andreas Jahnecke hat der Klub auch noch ein echtes Unikat. Der Presse- und Stadionsprecher redet viel und gern, gibt vor jedem Spiel mindestens dreimal die Aufstellungen bekannt. Die Torschützen feiert er, als hätte die Mannschaft gerade die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Jahnecke bringt das Besondere des VfL auf den Punkt: »Es ist ein Verein mit einer langen Tradition, der aber in der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen wird. Das macht ihn so sympathisch.«

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