Sparkurs bedeutet Kinderarmut

UNICEF: 2,6 Millionen Kinder in Industriestaaten seit 2008 unter Armutsgrenze gerutscht / Sozialforscher Butterwegge warnt: Relative Armut nicht unterschätzen

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Bankenrettung hinterlässt ihre Spuren: Als Folge der von vielen Industrieländern betriebenen Sparpolitik wächst die Kinderarmut, warnt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen.

Es sind Meldungen, die vielen noch in Erinnerung sein dürften: Als sich 2009 die Wirtschaftskrise in Griechenland verstärkte und auf ihren ersten vorläufigen Höhepunkt zusteuerte, berichtete das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) von verzweifelten Müttern, die ihre Kinder in griechischen SOS-Kinderdörfern zurückließen, da sie die Versorgung ihres Nachwuchs mit dem Notwendigsten nicht mehr sicherstellen konnten.

Was ein Signal an die Politik der Industrienationen hätte sein können, sich vom weit verbreiteten Sparzwang als Folge der Bankenrettung abzuwenden, erweist sich fünf Jahre später als folgenloser Weckruf: Seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich die Zahl der von Armut betroffenen Kinder in der Staaten der Europäischen Union und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OSZE) um 2,6 auf 76,5 Millionen erhöht, warnt Unicef in seiner am Dienstag vorgestellten Studie »Kinder der Rezession«.

Die Daten spiegeln wider, welche Länder bis heute besonders hart unter der Krise leiden. Zu den größten Verlierern gehören neben Griechenland, Italien, Spanien sowie Kroatien mit Estland, Lettland und Litauen auch die Länder des Baltikums, wo die Krise schon vor 2008 wütete. Wirtschaftlich hat sich davon insbesondere Lettland inzwischen zwar erholt, dies allerdings stark auf Kosten der Sozialsysteme.

Besonders schlimm sind aber nach wie vor die Bevölkerungen Südeuropas dran: In Griechenland ging das Einkommen von Haushalten mit Kindern auf den Stand von 1998 zurück. Ähnlich erging es Spanien und Irland: Hier haben die Familien so viel Geld zur Verfügung wie zuletzt vor zehn Jahren. In 23 von 41 untersuchten Ländern führt UNICEF den Anstieg der Kinderarmut unmittelbar auf die Folgen der Bankenrettung und der damit einhergehenden Kürzungen in den Sozialsystemen zurück: »Die Untersuchung zeigt, dass der Umfang der sozialpolitischen Maßnahmen ein entscheidender Faktor der Armutsvorbeugung war«, erklärt UNICEF-Experte Jeffrey O’Malley. In jenen Staaten, wo an den Sozialsystemen besonders stark gekürzt wurde, wuchs entsprechend die Armut an.

Allerdings gibt es auch Fortschritte: In 18 Staaten sank die Zahl der Fälle von Kinderarmut, darunter in Australien, Chile, Finnland, Norwegen, Polen und der Slowakei. Unter Strich bleibt es in alle untersuchten Ländern zusammengerechnet allerdings bei einen Anstieg der Not, die sich überdies noch sehr ungleich verteilt. »Während der Krise sind Arme noch ärmer geworden«, sagt O’Malley. Für Deutschland verzeichnete das Kinderhilfswerk für die Jahre 2008 bis 2012 nur einen leichten Rückgang der Kinderarmut um 1,3 Prozent.

Ins Bild passen da die Zahlen des Statistischen Bundesamtes, wonach 2013 über 13 Millionen Menschen in Deutschland als armutsgefährdet galten. Auch im Hinblick auf die seit Jahren auf hohem Niveau stagnierende Zahlen kritisierte Linkspartei-Chefin Katja Kipping, die Bundesregierung ändere trotz »wohlfeiler Worte« nichts am Armutsrisiko, von dem vor allem Alleinerziehende betroffen sind.

Frank-Michael Pietzsch, Vorsitzender des Sozialverbands Volkssolidarität, forderte angesichts der Situation einen nationalen Armutsgipfel, dessen Ziel es sein müsse, ein Sofortprogramm gegen Armut zu erarbeiten. Es sei nicht hinnehmbar, »dass in einem der reichsten Länder der Welt vor allem Alleinerziehende, Alleinlebende und Arbeitslose in relativer Armut leben«, so Pietzsch.

In diesem Zusammenhang warnte Christoph Butterwegge, Armutsforscher an der Universität Köln, davor, die Folgen relativer Armut zu unterschätzen: »Kinderarmut in einem reichen Land kann viel erniedrigender sein als in einem armen Land.« Es finde eine Stigmatisierung der Betroffenen statt. Armut sei sehr mit sozialer Ausgrenzung verbunden, worunter besonders Kinder litten.

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