Spuren des Vergangenen

Der Fotograf Fazal Sheikh hat die Folgen des israelisch-palästinensischen Konflikts dokumentiert

  • Von Felix Koltermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist eines der Themen mit der größten politischen Sprengkraft in Israel: die Auseinandersetzung mit dem ersten arabisch-israelischen Krieg aus palästinensischer Perspektive. Was für die Israelis bis heute als der heroische Unabhängigkeitskrieg firmiert, wird im palästinensischen Narrativ als »Naqba«, große Katastrophe, bezeichnet. Damit wird auf die Zerstörung Hunderter Dörfer und die Vertreibung Hunderttausender Palästinenser aus ihrer Heimat in den Jahren 1948 und 1949 Bezug genommen. Der US-amerikanische Fotograf Fazal Sheikh hat dies zum Thema seiner Arbeit gemacht und unter dem Titel »Erasure« dazu ein Fotobuch im Göttinger Steidl-Verlag veröffentlicht.

Das Buch kommt in einem schweren, rotbraun getönten Schuber daher. »Erasure« ist eine Trilogie, bestehend aus den drei Bänden »Memory Trace«, »Independence / Nakba« und »Desert Bloom« sowie dem Heft »Notes« mit detaillierten Bildunterschriften und Kontextualisierungen zum Band »Desert Bloom«. »Independence / Nakba« besteht aus 65 Dyptichen. Für die 65 Jahre, die zwischen dem ersten arabisch-israelischen Krieg und Sheiks Aufenthalt in der Region liegen, wird je ein/e Palästinenser/in und ein/e Israeli porträtiert. Fotografisch greift Sheikh dabei auf schlichte schwarz-weiße Porträts in Form von Kopfbildern in Frontalansicht zurück. Der Band »Memory Trace« dagegen widmet sich den im ersten arabisch-israelischen Krieg zerstörten palästinensischen Dörfern. Über Fotos von Ruinen, verlassenen Gärten, einzelnen Porträts von Vertriebenen und kurzen Texten zum Schicksal der Dörfer wird diese vergessene Geschichte lebendig.

Der umfangreichste und visuell überzeugendste Teil des Projekts ist die Serie »Desert Bloom«. Sie besteht aus Dutzenden von Luftaufnahmen der Negevwüste im Süden Israels, einst Heimat arabischer Beduinen und heute eine wichtige Landressource Israels. Auf den Bildern wechseln sich akkurat gezogene Ackerfurchen mit Gesteinsformationen und Wegen ab. Hier wird deutlich, wie militärische und planerische Eingriffe in die einstige Naturlandschaft zu einer extremen Transformation der Region geführt haben. Den Preis dafür zahlt vor allem die Beduinenbevölkerung, die seit Jahrhunderten in der Negev gesiedelt hat. Ihres Nomadenlebens weitestgehend beraubt, lebt sie heute vor allem in sogenannten »Unrecognized Villages«.

Besonders deutlich wird der politische Konflikt in der Negevwüste am Fall des Beduinendorfes Al-Araqib. Unzählige Male wurde es vom Staat zerstört und von den Bewohnern wieder aufgebaut. Das Dorf steht dem Ambassador Forest im Weg, der dort vom Jewish National Fund geplant wird. Auch deutsche Gelder sind daran beteiligt. Die politische Sprengkraft der Vision des ersten israelischen Staatspräsidenten, David Ben Gurion, die Wüste zum Blühen zu bringen, wird hier besonders stark deutlich. Sheikh zeigt mit einer Vielzahl von Bildern die Veränderung der Landschaft an diesem Ort. Zusammen mit dem israelischen Wissenschaftler Eyal Weizman hat Sheikh die Geschichte von Al-Araqib auch in einem eigenen Band unter dem Titel »The Conflict Shoreline: Colonizations as Climate Change in the Negev Desert« verarbeitet.

Nach Israel kam Fazal Sheikh, der sich bis dato vor allem mit Porträts von Flüchtlingen einen Namen gemacht hatte, auf Einladung des französischen Fotografen Frédéric Brenner. Dieser hatte für sein Projekt »This Place« elf internationale Fotografen eingeladen, in Israel und der Westbank zu arbeiten. Darunter waren so bekannte Namen wie Joseph Koudelka, Stephen Shore oder Thomas Struth. Zwischen 2009 und 2012 arbeiteten Sheikh und seine Kollegen an ihren Projekten. Für Brenner bestand das Ziel des Projekts darin, »eine nicht dual konnotierte Perspektive zu entwickeln, die über das Dafür und Dagegen, über Opfer- und Täter-Blickwinkel und über die politischen Narrative hinausgeht«, wie Sheikh dem »nd« im Gespräch mitteilt. Die begleitende Ausstellung hatte im vergangenen Jahr in Prag Welt- und Europapremiere und tourt seitdem um die Welt. Demnächst ist sie auch in den USA zu sehen.

Fazahl Sheikhs Projekt ist eine der politischsten Arbeiten von »This Place« und setzt exemplarisch Brenners Vision in die Tat um. Ohne Scheu greift er mit der Naqba eines der Tabuthemen des Konflikts auf und entwickelt dafür eine überzeugende Form der visuellen Umsetzung. Damit setzt er sich von anderen Arbeiten wie denen von Thomas Struth und Jeff Wall ab, die eher an der Oberfläche kratzen. Schade ist nur, dass die vom Verlag verantwortete Buchgestaltung etwas altbacken daher kommt. Aber es ist trotz allem ein überzeugendes Buch, das einen nicht nur mit seinen hervorragenden Fotografien in den Bann zieht, sondern dem Leser auch ein unterbelichtetes politisches Thema näher bringt.

Fazal Sheikh: Erasure, Steidl-Verlag, 438 S., geb., 98 €. Eyal Weizman/Fazal Sheikh: The Conflict Shoreline: Colonization as Climate Change in the Negev Desert, Steidl-Verlag, 96 S., 30 €.

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