Theater für Eingeweihte

Die Sophiensæle üben sich in politisch korrekter Zensur

  • Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

Fast drei Wochen ist es her, da verbannten die Sophiensæle aus politischen Gründen ein Theaterstück von der Bühne. Im Rahmen des Festivals »Freischwimmer« sollte »Leopardenmorde« zweimal gezeigt werden. Bei der ersten Aufführung saßen Mitarbeiter des Theaters im Publikum. Sie zeigten sich anschließend derart schockiert, dass sie die zweite Vorstellung tags darauf verboten. Der Grund: Das Künstlerkollektiv »k.u.r.s.k.« verwendet in seiner Inszenierung das rassistische N-Wort. Prima, mag der linke Mensch da frohlocken - und sich angesichts des im liberalen Teil der Gesellschaft verbreiteten Bewusstseins gegen Alltagsrassismus nicht weiter wundern, dass es außer durch die konservative Tageszeitung »Die Welt« (»Verbohrte Ideologen!«) kein Medienecho gab.

Am Montag griff dann aber die »Taz« das Thema noch einmal neu auf. War die Redaktion dieses Pflichtblatts der grün-alternativen Bürgerlichkeit bislang als kompromisslose Streiterin für postmoderne Moden wie »Critical Whiteness« (Kritisches Weißsein) und Trigger-Warnungen aufgefallen, bewertet ein Autor des Blattes diese Causa anders. Christoph David Piorkowski schreibt: »Die Verbannung der ›Leopardenmorde‹ aus dem Berliner Theater wirkt bevormundend und paternalistisch. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Bereinigung der Sprache hier als Distinktionstechnik einer Reformelite fungiert, die sich selbst einen rassismusfreien Status jenseits der weißen Norm attestiert.« Das lässt sich eigentlich nur mit einem antiquierten Altmännerausruf kommentieren: Hört, hört!

Denn unter deutschen Linken muss man ja schon sehr genau aufpassen, was man so schreibt. In Zeiten rechter RammböckInnen wie Trump, Petry und Hofer kursieren zahlreiche Deutungen, warum Rechtspopulisten sich über so viel Wählerzuspruch freuen dürfen. Wer darauf hinweist, dass die jahrelange linke Ignoranz gegenüber Verteilungs- und Eigentumsfragen bei gleichzeitiger Fixierung auf liberale Antidiskriminierungsarbeit und gendersensitive Sprachhygiene eine wesentliche Rolle spielen könnte, dem bellen die getroffenen Hunde entgegen, man wolle Rassismus mit Rassismus bekämpfen. Wer also darum bittet, Identitätspolitik nicht wichtiger zu nehmen als Klassenpolitik, der bekommt zu hören, er sei ein chauvinistischer Verteidiger des rassistischen weißen Mobs.

»Leopardenmorde« handelt von dem deutschen Kolonialisten George Ebrecht, der später ein strammer Nazi wurde. Regisseur und Autor Timo Krstin fragt sich in der Fassung von »k.u.r.s.k.«, wie viel von seinem Großvater in ihm selber steckt. Er liest unkommentiert Passagen aus dem autobiografischen Roman des besagten Opas vor. Aus Sicht der Sophiensæle war das Grund genug für ein Verbot, denn demnach wurde der Text mit »deutlich zu geringer kritischer Distanz« gespielt. Dass der Kontext eindeutig antirassistisch ist, war den Verantwortlichen egal.

Solche Vorfälle gab es in Berlin schon häufiger. In Kombination mit dem spät, dann aber von völlig unvermuteter Seite vorgetragenen Missfallen gegenüber dieser den Rechten in die Hände spielenden politisch korrekten Zensur zeigt dieses Beispiel aber vor allem eines: Allmählich entwickelt sich der Deutungskampf unter Linken in die richtige Richtung.

#ndbleibt – Aktiv werden und Aktionspaket bestellen
Egal ob Kneipen, Cafés, Festivals oder andere Versammlungsorte – wir wollen sichtbarer werden und alle erreichen, denen unabhängiger Journalismus mit Haltung wichtig ist. Wir haben ein Aktionspaket mit Stickern, Flyern, Plakaten und Buttons zusammengestellt, mit dem du losziehen kannst um selbst für deine Zeitung aktiv zu werden und sie zu unterstützen.
Zum Aktionspaket

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal