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Gefährliche Würstchen

Heidi Benneckenstein, Mitglied einer Neonazifamilie, ist aus der rechten Szene ausgestiegen. Die Frage, »was deutsch ist«, treibt sie aber noch immer um

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 7 Min.

Wo bleibt das Positive? In Zeiten des allgemeinen Rechtsrucks gehen sie meist unter: Die Geschichten, die Mut machen und den Glauben stärken, dass nicht immer nur alles schlechter wird. Wer solche Geschichten liebt, klammert sich gerne an Strohhalme, und die deutsche Verlagsbranche wäre nicht die deutsche Verlagsbranche, wenn sie nicht auch solche Strohhalme in großer Farb- und Größenauswahl zur Verfügung stellte.

Einer der schönsten und klammerstärksten Strohhalme dieser Art ist »Ein deutsches Mädchen - Mein Leben in einer Neonazi-Familie« (Klett-Cotta), der Ausstiegsbericht einer jungen Frau aus der rechtsextremen Szene. Die Autorin, Heidi Benneckenstein, wuchs von frühester Kindheit mit der Naziideologie auf, wurde als politische und intellektuelle Elitesoldatin gedrillt. Dass sogar eine solche Fanatikerin wieder in die Gemeinschaft der Demokratinnen und Demokraten zurückkehren konnte, sollte doch geeignet sein, die Zuversicht zu stärken, inmitten von faschistischen Buchmessen und Kristallnachtwitzen auf deutschen Comedy-Bühnen.

Benneckenstein schildert ihre Geschichte sehr persönlich, ohne vorauseilende Bewertung. Die Jugend steht im Schatten des militärisch auftretenden, stets Streit suchenden Vaters und der konsequenten Ablehnung all dessen, was jüdisch oder amerikanisch ist. Die wohlgenährte Angst vor einem plötzlich ausbrechenden Krieg mit Amerika durchschauert ihre Nächte. Die Familie ist das Gegenteil der tumben ostdeutschen Modernisierungsverlierer, an dem sich die Medien heute meist noch abarbeiten: Benneckenstein kommt nicht aus einem deprimierenden Dorf in Sachsen, sondern aus dem deprimierenden Dorf München. Ihr Vater ist kein arbeitsloser Außenseiter, die Familie kennt bescheidenen Wohlstand und Urlaub am Plattensee. Gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft sind sie perfekt getarnt, nur, als sie vor einem Schulausflug nach Dachau vom Vater ermahnt wird, alles in Frage zu stellen, wird eine Lehrerin kurz hellhörig.

Das faschistische Universum war hermetisch geschlossen. Bis zum 18. Lebensjahr kennt Benneckenstein nach eigenen Angaben ausschließlich Nazis. Sie trägt T-Shirts mit dem bekannten Slogan »Todesstrafe für Kinderschänder«, feiert den NSU-Verherrlichungs-Song »Döner-Morde«, erlebt eine paramilitärische Ausbildung bei Zeltlagern der »Heimattreuen Deutschen Jugend« (HDJ). Sie macht Wahlkampf für die NPD, feiert im Braunen Haus Jena und lernt Rechtsgrößen wie Ralf Wohlleben persönlich kennen. Als Mitglied der szeneintern hochgeachteten HDJ ist Benneckenstein dazu geboren, die rechtsradikale Elite anzuführen. Wie konnte sie aus diesem Universum fliehen? Und vor allem: Warum wollte sie es?

Die Gründe, die sie anführt, sind ebenfalls sehr persönlich. Sie erlebt die rechte Szene als zutiefst von Härte, Trauer und Lieblosigkeit gekennzeichnet. Eindrücklich beschreibt sie, wie normale, mündige Liebesbeziehungen verhindert werden, weil sie als ein Einstieg in die bürgerliche Welt betrachtet werden und die Szene schwächen. Sie ist mit rechtsradikalen Musikern zusammen, die am Telefon vollkommen überraschend in Tränen ausbrechen, weil sie mit ihnen Schluss machen will. Insbesondere den rechtsextremen Mann als solchen erlebt sie als stetige emotionale Enttäuschung: »Nach außen ein harter Hund, nach innen weinerlich und voller Selbstmitleid.«

Oft ist es ihre eigene Herkunft als Mitglied der Nazi-Elite, die es ihr in der Szene schwermacht. Ihren Eintritt in die NPD erlebt sie als Enttäuschung - die weltgewandte arische Kriegerin trifft auf »Nazi-Poser aus dem Osten«. Im Braunen Haus ekelt sie sich, weil Dusche und Toilette zu versifft sind; auch die Partys, die entweder mit pathetischem Geflenne oder sinnlosen Schlägereien enden, stärken ihren Widerwillen. »Wie sollten wir am Ende siegen können, wenn so viele jämmerliche Typen in unseren Reihen standen, Typen, die, wenn sie ihre Maske fallen ließen, kleine Muttersöhnchen waren.« Die Erkenntnis, dass Nazis Verlierer sind, hatte sie schon als Nazi - hier kommen erste Zweifel an der inneren Wandlung.

Nach eigenen Angaben sind es auch Gewalttaten gegen Ausländer oder der Terror der NSU, die ihre Ablehnung der Szene festigen. In München habe sie Streit eher mit Punks und Antifa-Aktivisten als mit Ausländern gesucht, die in der bayerischen Großstadt ein normaler Anblick waren; gegen sie sei sie nur selten und nur im Affekt ausfällig geworden. »Als ich zum ersten Mal von Rostock, Mölln und Solingen hörte, war ich geschockt. Rechte Gesinnung hin oder her, das ging zu weit.« Es fällt nicht nur hier schwer, die Autorin ernstzunehmen.

Bei allem persönlichen Abscheu beschönigt Benneckenstein die Gefahr der Szene nicht. Sie schätzt, »dass es in Deutschland immer noch mehrere tausend Kinder gibt, die in Familien aufwachsen, die sich dem nationalsozialistischen Erbe verpflichtet fühlen«, nennt die Szene »nicht groß, aber straff organisiert und perfekt vernetzt«. Es sind auch diese Stellen, die beim Leser Irritation hervorrufen: Immer scheint Benneckenstein bemüht, gleichzeitig Grusel und Beruhigung anzubieten. Ja, das sind letztlich alles peinliche Würstchen; doch ja, sie sind organisiert und gefährlich.

Die Rhetorik ist die einer Sektenaussteigerin. So gruselt man sich vor diesem seltsamen Universum und erlebt es doch als vollkommen exotisch, als nicht der realen Welt angehörig. In ihrer Darstellung sind Nazis stets das Andere. Der bürgerliche Leser fühlt sich in seinen Ansichten bestätigt: Das sind traurige Gestalten, neurotisch, in bizarre Obsessionen verrannt; eher therapie- und mitleidbedürftig; ihre Elite ist ein lächerlicher Geheimkult unverbesserlicher Spinner. Ärzte-Songs werden zitiert.

Stehen bleibt die Geschichte der charmanten Verirrung einer klugen, reflektierten Frau, die an ihren Ansichten gar nicht so viel ändern musste, um wieder in die Demokratie zurückkehren zu dürfen: Nazis sind Verlierer, doch müssen wir uns endlich alle der »Flüchtlingsfrage« stellen. Und der auch für die Autorin nach wie vor ebenso wichtigen Frage: »Was ist eigentlich deutsch?« Umgekehrt werden die Erlebnisse in ihrer Familie fast wieder gewöhnlich, wenn man ihren Neonazi-Hintergrund ausblendet: Die Großmutter, die Leute mit jüdischem Aussehen nach ihrer Herkunft fragt, ist eben keine bizarre Sektengestalt, sondern dürfte so oder ähnlich in nahezu jeder Familie zu finden sein.

Immer wieder fragt man sich, an wen sich dieses Buch richtet. Dem auf moralische Strohhalme erpichten Leser wird erklärt, dass die meisten Nazis eigentlich unglücklich sind und recht einfach geheilt werden können, wenn man ihnen nur mit Liebe und Verständnis begegnet; hätte es doch »mehrere Chancen gegeben, die Bahn, auf die ich mehr oder weniger freiwillig gesetzt worden war, zu verlassen«. Diesem Teil des Publikums erspart sie dann auch eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Übereinstimmungen zwischen nationaler Szene und bürgerlicher Mitte - der Blick der Autorin ist so sehr auf diese Szene fixiert, dass demokratischer Alltagsfaschismus gar nicht erst als Problem auftaucht.

Für Extremismusforscher bietet das Buch sicherlich eine Reihe interessanter Einzelerkenntnisse, die jedoch vom autobiografischen Abrechnungscharakter überdeckt werden dürften. Leute aus der rechten Szene hingegen werden in Benneckenstein nach der Lektüre nur eine elitäre Gestalt sehen, die eine musterhafte nationalsozialistische Erziehung und zahlreiche andere Privilegien eitel in den Wind schlug, weil ihr die Szene zu prollig war. Der »Nazi-Poser aus dem Osten«, der hier durchweg schlecht wegkommt, wird sich hiernach nur noch stärker als Verlierer wahrnehmen: Aussteiger kann werden, wem es ohnehin schon super geht.

Empfindliche Leser könnten eventuell auch Anstoß daran nehmen, von einer Ex-Nazi über Zuwanderungspolitik belehrt zu werden: »Ich halte beides für gefährlich - den Welcome-Idealismus und die hysterische Mobilmachung gegen alles Fremde.« Allgemeinplätze dieser Art findet man viele, über die Angst vor Zuwanderung und den Unmut der einfachen Leute. Persönliche Reue hingegen findet man selten - Benneckenstein stellt sich vor allem als fehlgeleitet und verblendet dar, als ein Opfer ihrer Erziehung. Auch dies eine Geschichte mit guter Tradition.

Man freut sich für die Autorin, aus einer widerlichen und brutalen Parallelwelt entronnen zu sein, und fragt sich doch, ob der Sprung, den sie da machte, wirklich so ein großer war. Es überwiegt der Eindruck, dass sie nur sehr wenige Überzeugungen aufgeben musste - was weniger gegen die Autorin als gegen die Gesellschaft spricht, die sie ohne weitere Fragen wieder aufnimmt. Ihr Fall als Elite-Nazi ist jedenfalls so selten, so besonders, dass er wohl keinen Modellcharakter für die Arbeit mit Aussteigern annehmen sollte. Denn: Wir können nicht allen helfen.

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neo-Nazi Familie. Klett-Cotta-Verlag, 252 S., br., 16,95 €.

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