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  • Kommunistisches Manifest

»Herrlich, wie am ersten Tag«

Vor 170 Jahren erschien das Kommunistische Manifest.

  • Martin Hundt
  • Lesedauer: 4 Min.

Der erste Satz des »Manifests der Kommunistischen Partei« ist eine der berühmtesten Metaphern der Weltliteratur: »Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus.« Ob dieser allerdings schon auf dem Londoner Kongress des Bundes der Kommunisten vom November/Dezember 1847 verwendet wurde, der die lange Programmdiskussion im Bund abschloss und Karl Marx beauftragte, die Ergebnisse in einem Manifest zu formulieren, ist unbekannt. Im Grunde wissen wir wenig über dies außerordentlich wichtige Ereignis, denn das Parteitagsprotokoll, das vielleicht Friedrich Engels schrieb, ist verloren gegangen.

Tatsache ist aber, dass gewählte Delegierte aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien, der Schweiz und Belgien sowie bevollmächtige Londoner Bundesmitglieder für Dänemark, Schweden, die Niederlande, Polen und die USA in London zusammenkamen und ein Statut beschlossen, in dem mehr innerparteiliche Demokratie enthalten war, als in denen sämtlicher »kommunistischen und Arbeiterparteien« des 20. Jahrhunderts. Und ebenso, dass sie nach gründlicher Debatte den Beschluss fassten, ihr Programm in mehreren Sprachen zu veröffentlichen, um dem aufgezwungenen Geheimbundcharakter zu trotzen.

Sinn und Zweck des Bourgeoissozialismus

Ein Teil der Bourgeoisie wünscht den sozialen Mißständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern.

Es gehören hierher: Ökonomisten, Philantrophen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter, Winkelreformer der buntscheckigsten Art. Und auch zu ganzen Systemen ist dieser Bourgeoissozialismus ausgearbeitet worden.

Als Beispiel führen wir Proudhons Philosophie de la misère an.

Die sozialistischen Bourgeois wollen die Lebensbedingungen der modernen Gesellschaft ohne die notwendig daraus hervor gehenden Kämpfe und Gefahren. Sie wollen die bestehende Gesellschaft mit Abzug der sie revolutionierenden und sie auflösenden Elemente ... Die Bourgeoisie stellt sich die Welt, worin sie herrscht, natürlich als die beste Welt vor. Der Bourgeoissozialismus arbeitet diese tröstliche Vorstellung zu einem halben oder ganzen System aus. Wenn er das Proletariat auffordert, seine Systeme zu verwirklichen und in das neue Jerusalem einzugehen, so verlangt er im Grunde nur, daß es in der jetzigen Gesellschaft stehenbleibe, aber seine gehässigen Vorstellungen von derselben abstreife.

Eine zweite, weniger systematische, nur mehr praktische Form dieses Sozialismus suchte der Arbeiterklasse jede revolutionäre Bewegung zu verleiden, durch den Nachweis, wie nicht diese oder jene politische Veränderung, sondern nur eine Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse, der ökonomischen Verhältnisse ihr von Nutzen sein könne. Unter Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse versteht dieser Sozialismus aber keineswegs Abschaffung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse, die nur auf revolutionärem Wege möglich ist, sondern administrative Verbesserungen, die auf dem Boden dieser Produktionsverhältnisse vor sich gehen, also an dem Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit nichts ändern, sondern im besten Fall der Bourgeoisie die Kosten ihrer Herrschaft vermindern und ihren Staatshaushalt vereinfachen.

Seinen entsprechenden Ausdruck erreicht der Bourgeoisiesozialismus erst da, wo er zur bloßen rednerischen Figur wird ...

Der Sozialismus der Bourgeoisie besteht eben in der Behauptung, daß die Bourgeois Bourgeois sind - im Interesse der arbeitenden Klasse.

Aus dem »Manifest der Kommunistischen Partei«, Kapitel III, Abschnitt 2 »Der konservative oder Bourgeoissozialismus«

Für ein Gespenst sind 170 Jahre keine Zeit. Und so sollte es nicht verwundern, dass das Gespenst des Kommunismus weiterlebt, nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt umgeht. Nicht zuletzt, weil gerade dieses »Manifest« von Marx und Engels erstmals die Globalisierung voraussagte. Schon in ihrer Einleitung forderten Marx und Engels allerdings auch, dem Märchen vom Gespenst endlich »ein Manifest der Partei selbst« entgegenzustellen. Also statt Gespenstern, Unklarheiten und Verleumdungen nun endlich unvoreingenommene, wissenschaftlich begründete historische und ökonomische Analysen, eindeutige Festlegungen über die politische Taktik und die Ziele der Partei.

Natürlich trägt das »Manifest« von der ersten bis zur letzten Zeile Marx’ Handschrift. Es ist ein literarisches Werk von hohem Rang und ist zu Recht in das UNESCO-Register »Memory of the World« aufgenommen worden. Zugleich aber war es eindeutig ein Parteiauftrag, das Ergebnis einer langen, komplizierten Diskussion, in der auch Engels eine große Rolle spielte, was er im Alter selbst etwas vergessen hatte. Von ihm stammten solche Vorarbeiten wie der »Entwurf eines kommunistischen Glaubensbekenntnisses« (erst 1970 wieder aufgefunden) und die »Grundsätze des Kommunismus« (Erstveröffentlichung 1914). Und von ihm kam auch zuerst der Vorschlag, die bisherige Katechismusform wegzulassen und das Parteiprogramm »Manifest« zu nennen.

Viele einzelne Feststellungen und Forderungen des »Manifests« sind historisch überholt, aber der revolutionäre Grundgestus, das unerhörte Geschichtsverständnis, die wissenschaftliche Herangehensweise sind »herrlich, wie am ersten Tag« (Goethe, »Faust«). Ich kannte manchen Parteiveteranen, der es sich zur festen Regel gemacht hatte, jährlich einmal wieder das »Manifest« zu lesen, alle beteuerten, jedes Mal etwas Neues darin gefunden zu haben.

In seinem letzten Lebensjahr wurde Engels vom italienischen Sozialisten Giuseppe Canepa gefragt, wie man kurz die Grundidee der künftigen sozialistischen Epoche ausdrücken könne, in der nicht mehr, wie Dante schrieb, die einen herrschen und die anderen leiden. Engels antwortete mit einem Satz aus dem »Manifests«: »An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.« Also Entfaltung der Individuen als Bedingung (!), als unerlässliche Voraussetzung aller gesellschaftlichen Entwicklung, der Bildung von Kollektiven und Gemeinschaften jeder Art. Das knüpfte an den Humanismus der Klassik an; Goethe schrieb: »Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit.«

Die freie Entwicklung eines jeden, das heißt Individualität als oberstes Ziel, war sowohl 1847/48 als auch 1894, wünschenswert deutlich formuliert, die höchste Forderung der frühen Vorkämpfer einer klassenlosen Gesellschaft. Das ist im 20. Jahrhundert leider oft anders, in einem falschen kollektivistischen Sinne gelesen worden. Sich heute des »Manifests« und des Kongresses zu erinnern, der es in Auftrag gab, sollte in erster Linie bedeuten, diesen Grundgedanken richtig zu verstehen.

Die Grundforderung des »Manifests« wurde dem Londoner Kongress von Marx nicht etwa oktroyiert, sie war unter den Bundesmitgliedern lange herangereift. Schon im Juni 1845 sagte in einer Diskussion im Londoner Kommunistischen Arbeiterbildungsverein Karl Schapper, Präsident des Kongresses von Ende 1847: »Wir sind Vorkämpfer für die Freiheit des Individuums, wie unsre Vorväter es für die Religionsfreiheit waren ...« Das war eine deutliche Bezugnahme auf die Reformation, in der Luther von der »Freiheit eines Christenmenschen« sprach, in der »Gewissensfreiheit« ein zentraler Begriff war.

Ironie der Geschichte: Das »Manifest« sollte eigentlich nur für ein Jahr gelten, denn laut Statut musste jeder jährliche Kongress ein neues, aktualisiertes Programm erlassen. Dazu ist es nicht gekommen, dem Bund war bis zu seiner Auflösung 1852 kein weiterer Kongress mehr vergönnt. Aber sein bestes Erbe ist und bleibt unzweifelhaft das »Manifest«.

Prof. Dr. Martin Hundt, Jg. 1932, jahrzehntelang Mitarbeiter an der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), war 1990 Mitbegründer der Internationalen Marx-Engels-Stiftung (IMES) in Amsterdam.

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