Ein Festival zu Hitlers Geburtstag

Ostritz plant doppelten Protest gegen große Naziveranstaltung an der polnischen Grenze

  • Von Hendrik Lasch, Ostritz
  • Lesedauer: 4 Min.

Zum Führergeburtstag gibt es einen Balladenabend, am Tag danach lässt man es mit Rechtsrockbands wie »Lunikoff Verschwörung« oder »Kategorie C« krachen: Am 20. und 21. April werden Nazis aus Deutschland, aber auch aus Polen und anderen Ländern Osteuropas im ostsächsischen Ostritz erwartet. Auf dem Gelände des Hotels »Neißeblick« direkt an der Grenze zu Polen findet ein Festival mit dem Namen »Schild und Schwert« statt, das der Thüringer Neonazi Thorsten Heise organisiert. Geplant sind auch ein Kampfsportevent unter dem Titel »Kampf der Nibelungen«, der Verkauf von Szeneartikeln und politische Reden. Erwartet werden bis zu 1000 Teilnehmer.

Ostsachsen ist bewährtes Terrain für große Treffen der rechten Szene. Im »Niederschlesischen Feriendorf« in Jänkendorf bei Niesky richtete die NPD in den Jahren 2010 und 2011 das Pressefest der »Deutschen Stimme« aus, jeweils mit vierstelligen Besucherzahlen, sagt Markus Kemper vom Mobilen Beratungsteam des Kulturbüro Sachsen. In Orten wie Mücka, Rothenburg und Görlitz habe es seither viele kleinere Events gegeben, bei denen teils auch die Verbindung von Musik und Sport erprobt wurde. 2015 gab es in der Region ein »Volksfußballfest«, 2016 erneut in Jänkendorf ein »Sport- und Familienfest« und im August 2017 im Hotel »Neißeblick« ein Spektakel namens »Rock nach dem Sport«.

Das Hotel war 2012 bereits Schauplatz eines NPD-Landesparteitages. Besitzer ist der hessische Bauunternehmer Hans-Peter Fischer, ein Ex-NPD-Mitglied. Im Interview der »Sächsischen Zeitung« erklärte er, die wirtschaftlich schlechte Lage des Hotels »zwinge« ihn zur Vermietung an »alle interessierten Gruppen«. Auf den Einwand, die beim Festival auftretenden Bands stünden wegen rassistischer Texte teils auf dem Index, sagte Fischer salopp: »Das ist dann aber nicht mein Problem.«

Zu dem Festival dürften viele Angehörige der regionalen Szene kommen, die dort seit Jahren verwurzelt ist. Kemper verweist darauf, dass der »Nationale Jugendblock« in Zittau in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum feiert; die Kameradschaft »Schlesische Jungs« aus Niesky besteht seit 20 Jahren und habe erst im Januar eine neue Immobilie bezogen. In Ostsachsen gebe es sieben solcher »Treffobjekte«. Allerdings soll das Festival weniger eine regionale als eine internationale Veranstaltung sein. Unter anderem hat der polnische Ableger der »Blood & Honour«-Bewegung eine am gleichen Wochenende nahe Wroclaw geplante Veranstaltung namens »Nacht der Identität« abgesagt und wirbt statt dessen für »Schild und Schwert«. Auch Nazis aus ganz Ostdeutschland und darüber hinaus dürften kommen. Die Veranstalter empfehlen eine Anreise mit dem Zug - obwohl der Zielbahnhof, wie es heißt, »unter polnischer Verwaltung« stehe.

In Ostritz selbst will man sich gegen das Nazifestival zur Wehr setzen. Zwar wird es nicht zu unterbinden sein, obwohl Behördenvertreter bei einem Ortstermin auf große Mengen unverzollter Ware stießen. Es gilt gar als politische Versammlung, was Kulturbüro-Mitarbeiter Kemper für fragwürdig hält. Auch wenn einige Reden unter anderem von NPD-Politikern wie dem Europaabgeordneten Udo Voigt geplant sind, handle es sich überwiegend um eine Mischung aus Musik und Kommerz. Kemper rät den Behörden in solchen Fällen zu einer »maximalen verwaltungstechnischen Intervention« sowie zu »versammlungsrechtlich strenger Prüfung«.

Weil mit einem Verbot aber nicht mehr zu rechnen ist, setzt man in Ostritz auf Gegenveranstaltungen - und fährt dabei zweigleisig. Der Markt der nur gut 2500 Einwohner zählenden Kleinstadt an der Neiße wird Schauplatz eines Friedensfestes. Die Organisatoren, darunter das »Internationale Begegnungszentrum« im Kloster St. Marienthal, setzen auf bunte Vielfalt, wollen aber explizite politische Aussagen vermeiden. Über die Motive für das Fest wird auf dem örtlichen Wochenmarkt informiert. Mit Michael Kretschmer hat erstmals ein sächsischer Ministerpräsident die Schirmherrschaft über eine derartige Veranstaltung übernommen.

Klar politisch artikuliert sich eine Veranstaltung namens »Rechts rockt nicht«, die von linken, antifaschistischen Gruppen ausgerichtet wird. Sie will die »Hoheit über den öffentlichen Raum in Ostritz« gewinnen, sagt Mitorganisatorin Mareike Kayser. Das gilt auch in akustischer Hinsicht, ergänzt ihr Mitstreiter Mathias Fröck: Die Bühne werde so ausgerichtet, dass Reden und Musik »bei den Nazis zu hören sein werden«. Neben Reden etwa von Politikern der LINKEN und der Grünen sowie von zivilgesellschaftlichen Initiativen aus der Region sind Auftritte von Musikern geplant, unter ihnen »Banda Internationale« aus Dresden und »Strom und Wasser« um Heinz Ratz, in denen jeweils auch Migranten spielen. Auch Sebastian Krumbiegel wird auftreten. Anmelder Mirko Schultze, Görlitzer Landtagsabgeordneter der LINKEN, sucht lokale Sorgen vor einer Eskalation zu zerstreuen: Die Veranstaltung werde bunt und friedlich sein, versichert er - und am späteren Abend auch leise. Die Polizei plant einen Großeinsatz.

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