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Katastrophenethik im 21. Jahrhundert

Der Theaterdiscounter zeigt das von Studierenden der UdK entwickelte Stück »Seuche«

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 4 Min.

Immer mal wieder entstehen im Kontext des Schauspielstudiengangs der Universität der Künste (UdK) bemerkenswerte Projekte. »Seuche«, uraufgeführt am letzten Wochenende im Theaterdiscounter, ist ein solches. Zehn Schauspielstudentinnen und -studenten entwickelten unter der Leitung des Regisseurs und Schauspielers Fabian Gerhardt eine Art Lehrstück über den Umgang von Menschen mit inneren und äußeren Bedrohungen. Ihre Sprache ist dabei nicht brechtisch verkunstet. Sie scheint vielmehr erst im Augenblick des Sprechens im Kopf zu entstehen und wirkt - für Theaterverhältnisse - erstaunlich frisch und lebendig.

Das dürfte in der Zusammenarbeit mit dem Studiengang Szenisches Schreiben der UdK begründet sein. Der brachte in den letzten Jahren mit Marianna Salzmann, Jakob Nolte oder Thomas Köck einige bemerkenswerte Autor*innen hervor. Lars Werner und Giorgi Jamburia begleiteten die Proben und entwickelten das Material zu dem Stück weiter, das jetzt uraufgeführt wurde.

Zu Beginn sieht man sieben Figuren auf einer mit Stühlen umstellten rechteckigen Spielfläche liegen. Vielleicht schlafen sie, vielleicht sind sie tot, vielleicht auch nur betäubt. Mit LEDs sind Linien auf den Boden gezeichnet; sie markieren Wände - Gefängnismauern, wie sich schnell herausstellt.

Es entspinnt sich das naheliegende Spiel von Kontaktaufnahme, Situationserkundung und Konflikt. Weil die Situation recht zügig als eine Art Quarantäne etabliert wird, finden sich Parallelen zu Boccaccios Pest-Bewältigungserzählkreis »Dekameron«. Dem Erzählen und Reflektieren, durchaus eine Strategie zum Lösen komplexer Probleme, wird in »Seuche« aber auch das Handeln an die Seite gestellt. In diesem Falle das Handeln in recht zynischer Form. Schnell bildet sich eine Gruppe der Tatkräftigen heraus, die entscheidet, was zu tun ist. Sie reißt die Herrschaft an sich, auch weil sie über Ressourcen verfügt - jemand wie Marx schrieb da noch von »Kapital«.

Weil das Gros der Multiplayerspiele der heutigen Spiele-Industrie den Narrationen von Macht und Ausbeutung - radikale Sonderform davon sind Krieg und Terror - folgt, ist die szenische Ausformung von hierarchischen Ordnungen selbst unter Schicksalsgenossen fast zwingend. Woher soll anderes Handeln denn kommen, wenn es nicht einmal imaginiert werden kann?

Eine Figur, die ausschert, die zwischen Macht und Ohnmacht pendelt, sieht das Stück immerhin vor. Und als Post-Foucault’sche Pointe ist die äußere Macht, der sich der selbst ernannte Führungszirkel auf der Quarantänestation unterwirft, selbst eine Leerstelle - ein verlassener Videokontrollraum in einem abgetrennten Bereich der Station.

Das Ensemble erzählt diese Episoden virtuos. Die Figuren weisen individuelle Züge auf, kristallisieren sich aber auch als menschliche Archetypen heraus: der Straßenkämpfer und Kneipenschläger, dessen Spezialität die Gewalt ist; die Intrigantin, die sich immer mit dem Stärkeren verbündet; der Sonderling, der, wenn man ihn näher kennenlernt, besondere poetische Tiefen offenbart; die Außenseiterin, die als moralische Instanz fungiert; die immer gute Helferin, die sich beim Helfen in Widersprüche verstrickt und alles andere als frei von Eigennutz ist; der Machtmensch, den sein Instinkt in jeder Situation, sei sie noch so bizarr, in eine erhobene Position spült. Hinzu kommen in diesem Panorama des zeitgenössischen Menschen Mischformen des Zaudernden und Zögernden, des zaghaft sich Verweigernden, auch des zaghaft sich Solidarisierenden.

Ein bisschen schimmert da eine Hoffnung à la Albert Camus durch. Der französische Literat und Widerstandskämpfer hatte in seinem Roman »Die Pest« die Solidarität als Mittel zum Überleben betont. Wer solidarisch war, wer kooperativ handelte, hatte bei ihm bessere Überlebenschancen - ungeachtet dessen übrigens, ob der kooperativ Handelnde in der Vergangenheit moralisch »gut« oder moralisch »böse« agiert hatte. In Anlehnung an Camus entwickelt »Seuche« suchend und tastend so etwas wie eine Katastrophenethik im 21. Jahrhundert.

Weil die knapp zwei Stunden konzentriert durchgespielt werden und Szenen- und Raumwechsel gut gesetzt sind, bleibt die Aufführung immer lebendig und ist alles andere als blasses Kopftheater.

Die Zuschauer sind an allen vier Kanten der Spielfläche positioniert. Sie sind nah dran, ohne jedoch aufdringlich ins Spiel hineingezerrt zu werden. Ein rundum bemerkenswerter Abend.

Theaterdiscounter, Klosterstraße 44, Mitte. Nächste Vorstellungen: 4., 5., 8., 9. Juli, jeweils 20 Uhr.

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