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Bitte nicht plätschern!

Zum Tod des italienischen Filmregisseurs Bernardo Bertolucci

  • Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.

Es kommt darauf an, in der geballten Faust das Fingerspitzengefühl nicht zu verlieren - das wünschte sich einmal der linke Lyriker Thorwald Proll. Linke Kunst muss viel bedenken, darf aber trotzdem nicht zu lasch rüberkommen.

1976 lief ein Film in den Kinos, bei dem man den Eindruck hatte, der Regisseur Bernardo Bertolucci hätte hierüber genau nachgedacht. Und trotzdem war dies ein Film von pathetischer Schönheit in einem guten Sinn. »1900« handelte von Freundschaft und Klassenkampf, dauerte fünf Stunden und war mit den beiden Schauspielern Robert De Niro und Gérard Depardieu hervorragend besetzt. De Niro spielte den Sohn eines Großgrundbesitzers in der Emilia-Romagna und Depardieu den Sohn eines Landarbeiters. Sie sind gleich alt, beste Freunde, lieben dieselbe Frau (Dominique Sanda) und passen aufeinander auf.

Das klingt romantisch, ist es aber nicht, denn ihr Klassengegensatz ist die eigentliche Geschichte. Erst beherrschen die Faschisten terroristisch die Ländereien, dann kommen die Kommunisten und haben keine Chance. Aber für einen Moment scheint alles möglich, und das ist sehr ergreifend: Wenn sich die Landarbeiter unter roten Fahnen sammeln und durch die Landschaft laufen, einer anderen Gesellschaft entgegen, aus der dann doch nichts wird, weil die Partei keine Revolution will. Trotz aller Emphase bleiben die Eigentumsverhältnisse unangetastet.

Bertolucci trat 1968, dem Jahr der grandiosen Hoffnungen und Revolten, in die Kommunistische Partei Italiens ein. Er hat gerne Landschaften gefilmt, die sich weiten und ausbreiten wie die Gefühle, die sich nicht länger beherrschen lassen: »La Luna« (1979), »Der letzte Kaiser« (1987) oder »Himmel über der Wüste« (1990). Im westlichen Kino sind es stets die Gefühle, die außer Kon-trolle geraten - gegen »die Einheitsfront von Trust und Technik« (Adorno), die von Kollektiven selten angegangen und noch seltener überwunden wird. »Aber wir haben das Recht auf Illusionen, das Recht zu träumen«, sagte Bertolucci 2004 der »Zeit«.

Zehn Jahre zuvor hatte er dem »nd« erzählt, der Zusammenbruch des Realsozialismus, das seien »nur hilflose Erhebungen« gewesen. »Die Hilflosigkeit des Volkes bei der Revolution ersetzte die Hilflosigkeit der kommunistischen Ordnung. Und nun plätschert alles so dahin.«

Das Plätschern ist Gift für das Kino. Die größte Aufmerksamkeit erzielte Bertolucci, der als junger Mann bei Pier Paolo Pasolini Regieassistent gewesen war und das Skript für »Spiel mir das Lied vom Tod« entworfen hatte, nicht mit politischen, sondern mit sexuellen Skandalen. Erst um 1968 herum habe er Kontakt zum Publikum gefunden, bekannte er einmal, das habe er seinen Therapeuten zu verdanken. In seinen Filmen geht es oft um familiäre Spannungsverhältnisse, teilweise inzestuöser Art. Es wird gern und viel masturbiert, zur Entspannung.

Übrig bleiben Melancholie und Kitsch. 1993 lässt sich der Dalai Lama von Bertolucci die Hand halten, während sie gemeinsam seinen esoterischen Kinderbilderbuchfilm »Little Buddha« anschauen - kein Scherz. Die sogenannte sexuelle Revolution, als Mainstream-Ersatz für die politische, hatte Bertolucci schon 1972 verabschiedet: mit Marlon Brando als kaputter, alter Rock ’n’ Roll-Teenager-Ikone in »Der letzte Tango in Paris«. Dass Bertolucci dabei dessen junge Filmpartnerin Maria Schneider mit einer überfallartigen Sexszene zeitlebens traumatisierte, war ihm ziemlich egal.

Bernardo Bertolucci starb am Montag mit 77 Jahren in Rom.

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