Wege aus der Hoffnungslosigkeit

Éric Hazan erinnert an vergangene Aufstände - damit kommende erfolgreich sein können

  • Von Christopher Wimmer
  • Lesedauer: 3 Min.

In Frankreich erschien »Die Dynamik der Revolte« von Éric Hazan bereits 2015 - acht Jahre nachdem der Autor in seinem Verlag La Fabrique Éditions, dem aktuell wichtigsten linken französischen Verlag, seinen Essay »Der kommende Aufstand« herausgegeben hatte. Dieser war in seiner Radikalität auch in Deutschland ein Ereignis. Die »FAZ« sprach gar vom »wichtigsten linken Theoriebuch unserer Zeit«. Die nun endlich auch auf den deutschen Buchmarkt gelangte »Dynamik der Revolte« liest sich wie eine Einordnung und historisch-theoretische Begründung des »kommenden Aufstandes«. Hazan plädiert dafür, sich die revolutionäre Vergangenheit wieder anzueignen, um aus deren Fehlern zu lernen und für kommende Revolutionen gerüstet zu sein.

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Éric Hazan: Die Dynamik der Revolte. Über vergangene und kommende Aufstände.
Unrast, 128 S., br., 12,80 €.

Ganz im Sinne von Walter Benjamin betrachtet der Autor die Geschichte emanzipativer Aufstände nicht als eine Kette von Niederlagen und Katastrophen, sondern als lebendige Quelle von Lehren und Beispielen für die Gegenwart. Er beschreibt Hoffnung und Gelingen revolutionärer Bewegungen. Der Schlüsselsatz im Buch lautet daher auch: »Die Bildung revolutionärer Kräfte läuft über die Wiederaneignung unserer Vergangenheit.«

Der historische Streifzug führt den 1936 geborenen Hazan von der Französischen zur Russischen Revolution, über die Novemberrevolution in Deutschland und die Aufstände in Hamburg, Sachsen, Thüringen 1923 hin zum Aufstand in Shanghai 1927 und den Spanischen Bürgerkrieg bis zu den Revolutionen des »Arabischen Frühlings« von 2011 bis 2014.

Es geht Hazan darum, in all den Aufständen und Revolten jene »glücklichen Momente« zu finden, »in denen die Macht jede Ausdrucksform verliert«. Für ihn ist es klar, dass die Revolte, will sie erfolgreich sein, diesen Moment der Unbestimmtheit der Macht aufrechterhalten und gegen jede Form von Herrschaft und Hierarchie kämpfen muss. Deutlich macht er dies am revolutionären Zyklus 1917 bis 1919 in Russland und Deutschland. Sowjets bzw. Räte konnten zumindest für einen kurzen Augenblick linke Gegenmacht von unten aufbauen. Als die Bolschewiki bzw. die SPD die Führung übernahmen, wurden diese wieder eingehegt und der neuen Macht untergeordnet.

Jedes Mal, so Hazan, wenn eine siegreiche Revolution eine neue (provisorische) Regierung einsetzte, begann diese Regierung, die Revolution zu kontrollieren und zu okkupieren - das Ende war meist blutig. In Deutschland war es der Sozialdemokrat Gustav Noske, der auf die Aufständischen schießen ließ. In Russland drohte Leo Trotzki den rebellierenden Matrosen in Kronstadt 1921, sie »wie die Hasen« abzuschießen - und machte diese Drohung auch wahr. Dies müsse eine Warnung für künftige Revolutionäre sein.

Hazan betont, man solle sich nicht von der Beschwörung eines apokalyptischen Chaos einschüchtern lassen. Sowohl nach dem Aufstand der Pariser Kommune als auch in Spanien 1938 oder während der Erhebung der Zapatistas in Mexiko erfanden die Menschen neue Formen des (gesellschaftlichen) Zusammenlebens: Zeiten des Glücks der Herrschaftslosigkeit.

Derzeit brennen wieder weltweit die Barrikaden. Von Chile über Hongkong bis Iran erheben sich Menschen gegen die bestehenden Zustände. Auch in Hazans Heimatland okkupieren seit über einem Jahr Menschen wöchentlich den öffentlichen Raum, die Gelbwesten. All jenen, die sich zwischen Tränengas und Wasserwerfern der Staatsmacht auf Straßen und Plätzen einfinden, ist dieses Buch gewidmet.

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