Was geht? Das geht:

Wir feiern die neue Bleib-zuhause-Kultur: Heute mit Matthias Egersdörfer

  • Jürgen Roth
  • Lesedauer: 3 Min.

Was soll man tun, wenn man jetzt so viel zu Hause bleiben muss?

Nein, man möchte partout nicht vom Herrn EKD-Ratsvorsitzenden H. Bedford-Strohm, als sei er ein Vertreter eines skandinavischen Ramschmöbelhauses, auf ARD-alpha angeduzt und aufgefordert werden, nun die Bibel zur Hand zu nehmen, da sie sei »ein Buch« sei, »in dem die Gefühle, die du jetzt hast, alle da sind«.

Was geht? Das geht.
Runter vom Sofa und rein ins Internet: "nd" gibt einen Überblick, was in Zeiten der Coronakrise kulturell los ist.

Und, nein, man möchte auch nicht mit der Beichte eines nachlesbar psychedelisch gewordenen Sportredakteurs der »Nürnberger Nachrichten«, eines Mannes namens Hans Böller, behelligt werden, in der er einem den Übertritt zur entfesselt autoritären Staatspartei des Herrn M. Söder ans Herz legt, weil der »Landesvater« »schöne, klare Worte« spreche, »sympathisch, ehrlich, völlig uneitel«, und man sich deshalb »einbezogen in eine Gemeinschaft« fühle, und dafür sei er, dieser Hans Böller, ihm, dem Herrn Söder, »dankbar«, einem Mann, der derzeit den guten König mimt und dabei vor schierer Freude an seiner grenzenlosen Macht beinah’ vergeht, einem mittelfränkischen Wadenbeißer und Knochenbrecher, an dem sich im Sekundentakt ablesen lässt, was der perverse Eros der Herrschaft aus Menschen macht.

Nein, in Zeiten, in denen sie allerorten den Arsch offen haben, muss man sich an Matthias Egersdörfer halten und festhalten, denn Egersdörfer, dieses vom Weltgeist nicht vorgesehene krumme und gnadenlos multibegabte Gewächs aus dem Nürnberger Flachsinnsland, ist ein Trost und ein Geschenk an die noch Denkenden und Fühlenden in dieser nicht vornehmlich von einer Katastrophe heimgesuchten, sondern systemisch katastrophischen, total kaputten Gesellschaft.

Auf seiner Website und simultan auf Facebook tauchen jeden Tag Fotos und Texte auf, privatarchäologische Funde wie eine anrührend nihilistische Briefmarkensammlung oder eine U-Bahnstreifenkarte, die Egersdörfer dazu veranlasst, die Menschheit darüber aufzuklären, dass bereits Albrecht Dürer die exakt zwei Stationen anfahrende Nürnberger U-Bahn regelmäßig benutzte, weil des Zeichners Radiergummi 3,5 Kilogramm wog, und so ein Trumm schleppst du ja nicht durch die Gegend.

Heute quaken dich überall diese widerwärtigen »Influencer« voll, die eindrucksvoll demonstrieren, in was für einem Scheiß wir zu leben gezwungen sind. Egersdörfer kapert deren Format und tut, was nur ein genuines Genie vermag: Er funktioniert das neokleinbürgerlich-konsumterroristische, anspruchsarme Medium des Handyfilmchens um und bestückt es mit unfassbar bezaubernden, zum Heulen liebevollen Improvisationen (wo er’s nur hernimmt), die er im Schlafanzug, im »Schlofers«, und mit verwegen postnächtlicher Haartracht am Küchentisch aufzeichnet.

Ach, schwärmen könnt’ ich stundenlang: über die kunstvolle Pointenverweigerung, über den kleinen Figurenkosmos, den Egersdörfer peu à peu entwickelt (die Busenberta, die Frau Schlitzbier, die Familie mit den »Bankerten, den dreckerten«, diesen »Drecksbatzen«), über das Meisterstück über die verlegte blaue Socke.

Die Welt, wie sie ist, ist »grauenhaft« (Egersdörfer). Der Sinn des Lebens aber heißt Matthias Egersdörfer. Okay, nicht allein Matthias Egersdörfer. Doch ohne ihn geht’s gar nicht.

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