Aber in der DDR!

Stephan Kaufmann evaluiert die Bestandteile einer guten Kritik

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Zuweilen schafft ein journalistischer Text Anlass zu einem weiteren - indem er Reaktionen hervorruft, die über seinen Gegenstand hinaus auf etwas Allgemeines blicken lassen. So zum Beispiel das in dieser Zeitung am vergangenen Wochenende veröffentlichte Interview mit der Sozialwissenschaftlerin Bafta Sarbo. Sie beschreibt einen Zusammenhang zwischen Rassismus und der herrschenden Wirtschaftsweise: Da Rassismus im Kapitalismus funktional sei, sei ein Ende des Rassismus ohne eine Veränderung der Produktionsverhältnisse nicht möglich. Sarbos Äußerungen trafen in den sozialen Medien auf vielerlei Widerspruch. Und bemerkenswert ist, dass dieser Widerspruch die Anforderungen nicht erfüllt, die an Kritik gestellt sind. Das legt den Gedanken nahe, dass viele Menschen gar nicht wissen, wie Kritik eigentlich geht.

So fällt zum Beispiel der Einwand, die Interviewte sei selbst Rassistin, nicht unter Kritik, denn er ist kein Argument in der Sache. Er zielt nicht auf die erklärten Zusammenhänge, sondern auf die Erklärerin selbst, auf ihre Person, und will sie unglaubwürdig machen. So aber lassen sich Argumente nicht widerlegen, ebenso wenig wie durch Äußerungen, die Argumente seien »nicht differenziert genug«. Das ist kein Gegenargument, sondern bloße Behauptung, die sich im Übrigen fast immer anbringen lässt.

Eine verwandte Form der Pseudokritik ist auch, einer Erklärung das Fehlen bestimmter Faktoren vorzuwerfen. So komme in Sarbos Äußerungen die Auseinandersetzung um »Critical Whiteness« nicht vor. Man kann allerdings ein Argument kaum widerlegen, indem man ausgerechnet darauf hinweist, was nicht in ihm vorkommt. Wer kritisieren will, muss sich auf das Gesagte beziehen, nicht auf das Ungesagte. Auch der Hinweis auf fehlende politische Schlussfolgerungen oder Lösungsvorschläge ist bloße Nörgelei, aber keine sachliche Kritik.

Andere wiederum versuchten, Sarbos Zusammenhang von Rassismus und Kapitalismus zu entkräften, indem sie darauf hinwiesen, dass es kapitalistische Länder ohne allzu verbreiteten Rassismus gebe. Selbst wenn dies als Feststellung zuträfe - wer am Starnberger See nur reiche Menschen trifft, kann daraus auch nicht schließen, dass der Kapitalismus keine Armut braucht. Der Verweis auf »Empirie« kann nur der Einstieg in die Widerlegung einer Theorie sein, nicht die Widerlegung selbst.

Das beliebteste »Argument« gegen einen Zusammenhang von Kapitalismus und Rassismus - ebenso wie gegen den Zusammenhang von Kapitalismus und Umweltzerstörung oder Armut - ist jedoch der Hinweis, im Ostblock habe es all das ebenfalls gegeben. Die Feststellung ist zwar zutreffend. Doch findet hier ein klassischer Fehlschluss statt: Denn die Aussage »Die Logik des Kapitalismus bringt Rassismus/Klimawandel/Armut hervor« ist nicht identisch mit der Aussage, diese Dinge gebe es nur im Kapitalismus. Es gilt: Kritik am Kapitalismus kann durch den Einwand »Aber in der DDR!« nicht gekontert werden.

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