Die Flugzeuge sind wieder da

Sonntagmorgen

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 2 Min.

Es war so ruhig, auf einmal. Sonst sieht man einen Schatten im Flurfenster, und dann hört man sie auch schon, alle fünf bis sieben Minuten. Die Flugzeuge über Berlin-Pankow. Dort ist die Welt morgens um sechs nicht mehr in Ordnung. Dann muss man aufstehen und das offene Fenster schließen, wenn man weiterschlafen will. Sie fliegen so tief, dass man die Namen der Airline erkennen kann. Den Passagieren kann man leider nicht zuwinken, wenn man auf dem Balkon sitzt und schweigen muss, weil man sein eigenes Wort nicht versteht. Dass man wieder reden kann, merkt man daran, dass der Esel vom »Kinderbauernhof Pinke Panke«, der sich genauso darstellt, wie er heißt, sein atemloses »Iah« über die Panke schickt.

Oder man liegt im Bürgerpark (der heißt tatsächlich so) auf seiner Decke und starrt das glänzende Metall an, das über einem wegdonnert - als wäre man Teil eines Gemäldes von Neo Rauch. Manche sagen, man könnte auch sehen, wie die Maschinen ihr Kerosin vor der Landung versprühen. Starten ist natürlich noch lauter, kommt ganz auf die Windverhältnisse an.

Das geht dann abends bis 23.30 Uhr, sagt man, ab 22 Uhr ist es ruhiger, und dann kommt irgendwann die sogenannte Postmaschine. Sie fliegt unter anderem die Berliner Zeitungen nach Frankfurt am Main, solange es noch Zeitungen gibt. Vor allem aber: solange es Flugzeuge gibt. Denn oft kommt dann auch noch eine Maschine um 0.30 Uhr hinterhergeflogen, mitten hinein ins Nachtflugverbot. Vorteil: Der Esel schläft dann schon.

Die Klangkaskaden führen zu keiner Verbilligung der Mieten. Im Gegenteil: Die wurden schon um 2010/11 erhöht, als man in Pankow damit rechnete, dass es bald ruhiger würde, wenn der Flughafen Tegel im benachbarten Reinickendorf schließt und der BER weit draußen in Schönefeld öffnet. Hahaha. Seitdem hat sich der Flugverkehr über Pankow fast verdoppelt.

Doch wer da wohnt, merkt das nicht. Schon nach einer Woche hat der Zugezogene die Flugzeuge vergessen. Sind einfach da, wie Fliegen aus Metall. Als ich in die Ecke Pankow/Wedding zog, ärgerten mich die LKW, die über das damals noch existente Kopfsteinpflaster vor dem S-Bahnhof Wollankstraße fuhren bzw. krachten, und die zwei Kampfhunde, die den ganzen Tag in der Wohnung über mir bellten.

Die Flugzeuge über Pankow bemerkt man nur dann, wenn sie nicht fliegen. Vergangenen Samstag sagte ich zu meiner Frau beim Frühstück auf dem Balkon: »Das Gute an Corona ist, dass die Flugzeuge verschwunden sind.« Fünf Minuten später flog das erste über das Haus.

Christof Meueler

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