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  • Corona und die Sportwelt

Ganz oben ist die Luft zu dünn

Berlins Volleyballer sind gegen Russlands Spitzenteam Kasan chancenlos

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.

Zwischen »optimal« und »komplett unterlegen« lagen für den Berliner Anton Brehme gerade einmal 26 Stunden. In dieser Woche feierte der Jungnationalspieler mit seinem neuen Verein, den BR Volleys, seine Premiere in der Champions League. Er habe es kaum erwarten können, sagte er zufrieden nach dem 3:0-Auftaktsieg am Dienstag gegen Sloweniens Meister ACH Ljubljana. Einen Tag später hatte er dann erkannt, dass die Luft ganz oben in der Königsklasse für ihn doch noch zu dünn zum Atmen ist. Die deutliche 0:3-Niederlage gegen Zenit Kasan vom Mittwochabend erklärte Brehme später so: »Wir wollten mit voller Power aufschlagen, aber dabei sind uns viel zu viele Fehler passiert. So hatten wir keine Chance. Denn Kasan ist uns im Angriff deutlich überlegen. Man muss aber auch sagen, dass das wohl das beste Team in ganz Europa ist.«

Immer wieder lief der gegen Ljubljana noch stets grinsende Brehme nun fluchend übers Feld. Mit jedem verlorenen Satz wurde der Ärger nur noch größer. »Ich hab ihr Spiel mit meinem Block manchmal ganz gut gelesen, bin beim richtigen Gegner hochgesprungen, doch dann machen die noch irgendeine kleine Bewegung mit der Hand oder dem Arm und kommen so doch an mir vorbei. Darüber ärgere ich mich. Die sind eben erfahrener, aber ich hoffe, irgendwann spiele ich mal so wie sie«, sagte Brehme. Es habe ihm dennoch Spaß gemacht, sich mit den Besten zu messen: »Ich würde am liebsten noch mal drei Sätze dranhängen, weil ich so viel lernen kann.« Beim Rückspiel Anfang Februar in Kasan wird er aller Voraussicht nach noch einmal die Gelegenheit zum Nahstudium bekommen, solange Corona dem Ganzen nicht einen Strich durch die Rechnung macht.

Pandemiebedingt hat Europas Dachverband CEV bereits das Format geändert, setzt auf nur noch zwei Turniere in jeder Vorrundengruppe. Das erste durften diese Woche die Berliner in eigener Halle ausrichten. Doch auch für die anderen Teams verringern sich dadurch die Reisetätigkeiten. Der dritte Gruppengegner Jastrzebski Wegiel musste allerdings selbst auf die Fahrt aus Polen nach Berlin verzichten, weil drei Spieler positiv auf Corona getestet worden waren. Alle drei angesetzten Partien gingen somit automatisch mit 0:3 verloren.

Es war eine deutliche Erinnerung auch an die BR Volleys, sich keinem unnötigen Risiko auszusetzen. Denn nur wenn man nächstes Jahr in Russland antreten kann, ist die Chance, als einer der besten Gruppenzweiten hinter Kasan ins Viertelfinale einzuziehen, noch gegeben. »Wir passen alle auf«, versicherte Manager Kaweh Niroomand, der selbst bereits eine Covid19-Erkrankung durchgemacht hat. »Ein Problem ist aber, dass viele unserer ausländischen Spieler ihre Familien nicht hier haben. Unser Zuspieler Sergei Grankin ging zuletzt gar nicht mehr raus, weil er niemanden gefährden wollte. Auch die anderen gehen nur mal zum Einkaufen und Trainieren aus dem Haus. Für die Psyche ist das auf Dauer eine hohe Belastung. Vor allem, wenn sie auch zu Weihnachen alle hierbleiben müssen, weil wir am 27. Dezember schon wieder spielen.«

Grankin ist ein ganz spezieller Fall: Der russische Star der Berliner war wochenlang verletzt, kam also nicht mal fürs Training oder Spiele in der Bundesliga in die Halle. Mittlerweile setzt ihn Trainer Cedric Enard schon wieder für wenige Spielminuten ein, aber noch ist die Sicherheit des Russen nicht wieder zurückgekehrt.

Auch deswegen hatten die Berliner in den vergangenen Wochen einige herbe Enttäuschungen verkraften müssen. Erst wurde gegen die Außenseiter Bühl und Bestensee in der Liga sowie im Pokal verloren, dann setzte es eine krachende 0:3-Niederlage gegen den Erzrivalen Friedrichshafen. Erst als einige verletzte Spieler wieder zurückkamen, begannen die Berliner wieder zu gewinnen.

Drei Siege in Folge feierten sie zuletzt, sahen sich wieder auf dem Weg zur Topform - dann kam Zenit Kasan. »Da ist auf jeden Fall was drin«, war sich Anton Brehme vor dem Spiel sicher. Die Ernüchterung folgte mit jedem Ass der Russen und jedem Block selbst gegen die besten Berliner Angreifer. »Das war zu erwarten. Kasan ist eine Weltklassemannschaft, die jederzeit den Druck erhöhen kann, wenn man selbst ein wenig nachlässt und im Aufschlag zu viele Fehler macht«, analysierte Manager Niroomand das jähe Ende des kurzen Höhenflugs.

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