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Von Revolutionären zu Staatsfeinden

2011 stärkten Ultras die Proteste in der arabischen Welt, nun gelten sie als Terroristen.

  • Von Ronny Blaschke
  • Lesedauer: 6 Min.

Anfang 2011 ziehen Hunderte Fußballfans durch die Straßen von Kairo. Wie Millionen Ägypter protestieren sie für ein Leben in Würde, für freie Wahlen, bessere Arbeitsbedingungen. Die Ultras sind seit Jahren geschult im Straßenkampf gegen die Polizei. Und das wird deutlich auf dem Tahrir-Platz, im Zentrum der Rebellion: Ultras errichten Barrikaden, sammeln Steine, geben Rückzugssignale für erschöpfte Demonstranten. »Alles war sehr gut strukturiert«, sagt der Politikwissenschaftler Jan Busse von der Universität der Bundeswehr in München, der sich intensiv mit Fußballfans in Ägypten beschäftigt hat. »Das Ganze hat Ähnlichkeiten mit einer Guerilla-Taktik.«

Am 11. Februar 2011 beugt sich Ägyptens Präsident Husni Mubarak dem Druck und tritt nach fast dreißig Jahren Herrschaft zurück. International werden auch die Ultras als Revolutionäre gefeiert, in Dokumentationen, Liedern, Graffitis. Aber: Viele Strukturen des alten Machtapparates bleiben in Kairo erhalten, bis heute. Und so stellt sich die Frage auch im Fußball: Was ist nach einem Jahrzehnt noch übrig von den Revolutionen in Nordafrika?

Im Grunde währt der Aufbruch damals nur kurz. Am 1. Februar 2012, ein Jahr nach dem Sturz von Mubarak, spielt in der Hafenstadt Port Said der gastgebende Fußballklub Al Masry gegen Al Ahly aus Kairo, den beliebtesten Verein Ägyptens mit vielen regierungskritischen Ultras. Am Einlass werden die Fans kaum kontrolliert. Nach dem Schlusspfiff werden Stadionlichter früh abgeschaltet. Anhänger des Gastgebers werfen Brandsätze auf die Ultras von Al Ahly, attackieren sie mit Stöcken, Messern, Flaschen. Die Polizei lässt sie gewähren. Fans stürzen von hohen Tribünen und treffen in engen Ausgängen auf verschlossene Tore. Mehr als siebzig Menschen sterben, die meisten zwischen 15 und 20 Jahre alt. Wollte das Militär den rebellischen Ultras eine Lektion erteilen, die eskaliert ist? Planten Gefolgsleute von Mubarak die Destabilisierung der neuen Regierung?

Die Aufarbeitung dieser Katastrophe verdeutlicht über Jahre, wie sehr Politik, Militär und Justiz in Ägypten miteinander verflochten sind. Etliche der 73 Angeklagten beschweren sich über willkürliche Festnahmen, einseitige Ermittlungen, unglaubwürdige Beweise. Landesweit kommt es 2012 und 2013 zu Straßenschlachten. In Kairo überfallen Ultras einige Polizeiwachen und legen die U-Bahn lahm. »Hochrangige Militärs und Polizisten mussten sich nicht verantworten«, sagt Jan Busse. »Die Straflosigkeit für Sicherheitskräfte ist ein gängiges Phänomen in Ägypten.« Etliche Ultras aus Port Said werden hart bestraft, doch die genauen Umstände der meisten Todesfälle sind bis heute ungeklärt. Auch das: Nachwirkungen der Revolution.

Streit um die Muslimbrüder

Die Nachfolger von Mubarak nutzen die Geschehnisse von Port Said als Argument dafür, die Mobilisierung der Ultras dauerhaft einzuschränken. Ligaspiele finden fortan ohne Zuschauer statt. Trotzdem haben Fangruppen weiter großen Zulauf. Das führt zu internen Spannungen unter den Ultras. Ein Streitpunkt: der Einfluss der Muslimbruderschaft, die bis Sommer 2013 in Ägypten an der Macht ist. Es kommt weiter zu Demonstrationen und Straßenschlachten mit der Polizei, Dutzende Fans sterben. Wenige Jahre nach der Revolution verbietet das Militär alle Formen des Protests. Ultras gelten nicht mehr als Kleinkriminelle, sondern als »Agenten, die Ägypten zerstören wollen«.

Nach dem Militärputsch 2014 wird der General Abdel Fatah El-Sisi Präsident Ägyptens. Reformen bleiben aus, Arbeitslosigkeit und Inflation steigen. Doch Sisi sendet Signale der Annäherung: Am 8. Februar 2015, vier Jahre nach dem Sturz Mubaraks, will die Regierung für ein Spiel wieder Fans zulassen. Das Innenministerium begrenzt die Zuschauerzahl für das Spiel zwischen ENPPI aus Kairo und Al Zamalek SC aus Gizeh auf 10 000.

Doch es finden sich weit mehr Menschen vor dem Stadion der Luftverteidigung in Kairos Osten ein. Die Atmosphäre vor der 30 000 Menschen fassenden Arena ist aggressiv, die Polizei schießt Tränengas in die Menge. Massenpanik, Schlägereien, brennende Autos, am Ende sind 20 Menschen tot, die meisten von ihnen Mitglieder der Gruppe White Knights, die bei der Revolution 2011 eine beachtliche Rolle gespielt hatte. Wieder ist die folgende juristische Aufarbeitung politisch aufgeladen, wieder legt der Fußball die ideologischen Gräben der Gesellschaft offen. Die Staatsanwaltschaft bezeichnet die Ultras als Terroristen und Staatsfeinde. Die White Knights hingegen beschuldigen Mortada Mansour, den Vereinsvorsitzenden von Al Zamalek SC. Der Jurist und Parlamentsabgeordnete Mansour ist ein treuer Anhänger Mubaraks, stets spricht er sich mit drastischen Worten gegen die Ultras aus, für ihn war der Beginn der Revolution 2011 der »schlimmste Tag der ägyptischen Geschichte«.

Fortan reicht die staatliche Repression immer tiefer in den Alltag hinein. Mindestens 2000 Menschen kommen seit 2011 bei Aufständen und Zusammenstößen ums Leben, darunter wohl mehr als 150 Fußballfans. Organisationen wie Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen gehen davon aus, dass rund 60 000 Menschen aus politischen Gründen in Gefängnissen sind. »Journalisten, Juristen und Menschenrechtler können willkürlich verhaftet werden«, sagt der Ägypter Hussein Baoumi, der für Amnesty International die Entwicklung von Tunis aus beobachtet. »Viele Aktivisten haben Reiseverbote erhalten und ihre Bankguthaben wurden eingefroren.« Selbst im Ausland, sagt er, werden die Initiativen vieler Exilanten vom Geheimdienst beobachtet.

Etliche Ultra-Gruppen lösen sich 2018 offiziell auf, mutmaßlich, um ihre jungen Mitglieder und Familien vor den Geheimdiensten zu schützen. Einige Anhänger schauen sich Spiele im Basketball, Handball oder Volleyball an. Oder sie reisen mit ihren Klubs zu Auswärtsspielen der afrikanischen Champions League. Oft lassen sie ihre Erfahrungen in Lieder und Blogeinträge einfließen. Ihr Austausch in sozialen Medien lässt politische Themen eher außen vor. Doch viele Fans hätten Solidaritätsaktionen für Freunde in Haft gestartet, sagt der ägyptische Fan Abdallah, der sich seit Jahren mit Jugendkulturen beschäftigt: »Im Gefängnis haben 200 Ultras der Gruppe White Knights einen Hungerstreik organisiert, als Protest im Knast. Man kann rebellische Ideen nicht komplett zerschlagen.«

Hymnen der Protestbewegung

Ägypten, Tunesien, Marokko: Die Umstände sind unterschiedlich, doch fast überall in Nordafrika dient der Fußball jungen Männern auch als Ablenkung von Arbeitslosigkeit - und als Bühne für Protest. Deutlich wird das in Algerien: Dort kündigt der schwer kranke Langzeitherrscher Abdelaziz Bouteflika Anfang 2019 die Kandidatur für eine fünfte Amtszeit an. Auch Hunderte Fußballfans demonstrieren dagegen. Darüber hinaus komponieren algerische Ultras eigene Lieder. Keine Anfeuerungsrufe von dreißig Sekunden, sondern Songs mit mehreren Strophen, einige sind vier Minuten lang. »Die Ultras gingen in Tonstudios und finanzierten mit CD-Verkäufen ihre Arbeit«, sagt der Journalist Maher Mezahi, der den Fußball im Maghreb beobachtet. »Diese Lieder haben auch Korruption thematisiert. Sie waren manchmal vulgär, doch sie wurden von Millionen Menschen gesungen. Sie wurden zu den Hymnen der Protestbewegung.« Abdelaziz Bouteflika beugt sich dem Druck und gibt das Präsidentenamt auf. In der algerischen Hauptstadt Algier prangen die Graffitis der Ultras an vielen Häuserwänden. Doch viele Mitstreiter Bouteflikas bekleiden weiterhin wichtige Ämter.

Wohin man auch schaut: Die politische Lage bleibt fragil. In Syrien wurden nach bald zehn Jahren Bürgerkrieg auch regimekritische Nationalspieler auf Linie gebracht. In Bahrain wurden Sportler, die sich an Protesten beteiligt hatten, gefoltert. Und im Libanon spiegelt sich die konfessionelle Komplexität auch in den Fankurven. »Die Regierungen fürchten sich vor organisierten Gruppen, also wollen sie jede Mobilisierung im Keim ersticken«, sagt der Menschenrechtler Hussein Baoumi. »Und die Ultras sind bekannt für ihre Mobilisierungskraft.« Der Begriff Arabischer Frühling wird eher im Westen genutzt. In Ägypten oder Algerien fallen Worte, die weniger Optimismus verbreiten.

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