Alles, was Flügel hat, fliegt

Zum Tod des Musikers und Künstlers Arik Brauer

  • Von Berthold Seliger
  • Lesedauer: 6 Min.

Es war im Viscardi-Gymnasium zu Fürstenfeldbruck in den 70er Jahren, als ich das erste Mal von Arik Brauer hörte. Es muss die achte Klasse gewesen sein, wir hatten einen linken Deutschlehrer (»links« im Bayern der 70er Jahre hieß: ein SPD-Mann …), und auf seinem Lehrplan standen Zeitungsanalysen, Brechts Kalendergeschichten und Liedermacher. Er kam mit Schallplatten von Franz Josef Degenhardt und Arik Brauer in den Unterricht. Wir hörten und diskutierten »Tonio Schiavo«, »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern«, »Die Jause« oder »Sein Köpferl im Sand«. Die Platte von Arik Brauer war von einer opulenten Aufmachung, wie wir sie noch nicht gesehen hatten: Man konnte sie zweimal aufklappen, und auf den drei Seiten befand sich ein im doppelten Wortsinn fantastisches Gemälde. Eine Art Vulkan öffnete sich in wilden Rottönen, das Feuer loderte, und merkwürdige Gestalten in Larvenformen mit menschlichen Gesichtern schwebten ebenso wie fröhliche Drachen und grünliche Traumfiguren vor dem dunklen Hintergrund.

Arik Brauer hatte eine helle, fast liebliche Gesangsstimme, sie strahlte eine grundsätzliche Freundlichkeit aus, was vom weichen Wiener Dialekt noch verstärkt wurde. Und er war ein exzellenter Sänger, der neben seinem Kunststudium an der Akademie der bildenden Künste Wien, wo er einige Jahrzehnte später selbst Professor wurde, auch Gesang studiert hatte. Seine Lieder auf der titellosen Platte von 1971 handelten von Außenseitern der Gesellschaft, von Architektursünden, Obdachlosigkeit, Krieg, Antisemitismus und Spießbürgerei. Musikalisch in einer an Kurt Weill und jiddischem Klezmer geschulten, leicht jazzigen Version des traditionellen Wienerlieds eingebettet, zeichnen sich Brauers Lieder durch einen tiefgründigen, mitunter sarkastischen Humor aus - man könnte sagen, sie waren in einem durchaus weltverändernden Sinn »hinterfotzig«, wie es auch die Texte Helmut Qualtingers sind.

Arik Brauers bekanntestes Lied ist »Sein Köpferl im Sand«, ein »beinhartes Protestlied«, wie er eingangs ironisch bemerkt. Es beschreibt die selbstgefällige Haltung des Biedermeierbürgers mit einem kleinen Haus und einem guten Posten, auf dem er sich »nicht die Hände verstaucht«, Hauptsache, er kann »jeden Sundog a Virginia rauchen«. Und dann kommt dieser aberwitzige, schnell gesungene, fast schon gerappte Refrain, ein echter Ohrwurm, den man nicht mehr aus dem Kopf bekommt (und den man sich mit dieser Melodie und dem prägnanten Arrangement anhören muss!): »Hinter meiner, vorder meiner, links, rechts güts nix/ Ober meiner, unter meiner siach i nix/ Spür nix, hear nix und i riach nix/ Denk i nix und red i nix und tu i nix/ Waun da Wind wahd in de Gossn/ Waun da Wind wahd am Land/ Waun da Wind wahd, do steckt da/ Sein Köpferl im Sand.« Ganz gleich, was dem braven Spießbürger im Leben begegnet, sei es Obdachlosigkeit, Hunger, Armut, Krieg - der Bürger steckt sein Köpferl in den Sand.

Arik Brauer kannte die Gesellschaft und die Menschen, von denen er in seinen Liedern erzählte, sehr genau. Geboren 1929 im Wiener Arbeiterbezirk Ottakring als Sohn eines aus Litauen stammenden jüdischen Schuhmachers, der in Wien orthopädische Schuhe für die Versehrten des Ersten Weltkriegs anfertigte, erlebte er die Naziherrschaft in Wien unmittelbar mit. Er musste 1938 seine ursprüngliche Schule verlassen - den antisemitischen Klassenlehrer, einen zunächst illegalen Nationalsozialisten, und dessen Prügel und andere Strafen hat er in dem Lied »Surmi Sui« porträtiert: »Wenn ich mich jetzt an meinen Lehrer erinner/ Er war so bös und schlecht/ Wenn ich mich an sein Charakter erinner/ Er war so dumm und ungerecht/ Pfui, pfui Surmi Sui«.

Seit dem Pogrom am 9. November 1938 musste sein Vater sich verstecken - er wurde 1944 in einem Konzentrationslager in Lettland ermordet. Arik überlebte, er arbeitete drei Jahre in der Tischlerei der Wiener Synagoge und sah, wie die Menschen vom Nordbahnhof deportiert wurden. »Die Wiener haben schon gesehen, wie ganze Familien, Nachbarn und Verwandte abtransportiert wurden. Widerstand gab es keinen. Es wurde weggeschaut und verdrängt«, erzählte Brauer letztes Jahr in einem Interview. Die Wiener steckten ihre Köpferl in den Sand …

Arik durfte als »Geltungsjude« bei den Bombenangriffen der Alliierten keinen Bunker aufsuchen und wurde bei einem Angriff in den Eingang der Synagoge geschleudert. »Die Polizei kam, um Tote und Verletzte zu bergen, und ich half mit. Kurz darauf kam eine uniformierte Einheit, die die Bergung gestoppt hat mit dem Hinweis, die Zeit sei zu kostbar, um tote Juden aus dem Schutt zu holen.«

Nach dem Ende des Faschismus trat Brauer als 16-Jähriger in die Freie Österreichische Jugend (FÖJ) ein, die als »antifaschistisches, demokratisches und überparteiliches Jugendorgan« gegründet worden war; vom Parteikommunismus wandte er sich jedoch angesichts der Stalinisierung bald wieder ab.

Ebenfalls mit nur 16 Jahren nahm Brauer sein Studium an der Akademie auf, und es begann eine lebenslange Freundschaft mit Ernst Fuchs, Anton Lehmden, Wolfgang Hutter und Rudolf Hausner, die die sogenannte »Wiener Schule des fantastischen Realismus« begründet haben - die freilich »nie als ›Schule‹ gegründet wurde, da hat nie jemand ein Manifest geschrieben«, wie Brauer betonte. Aber sein Ruhm als Maler von über 2000 fantastischen Gemälden, in denen ähnlich wie bei Chagall oder Modigliani eine starke erzählerische Komponente zu verzeichnen ist, dürfte mindestens so groß sein wie der als Liedermacher. Sein Album von 1971 war auch kommerziell sehr erfolgreich und wurde mehrfach mit Gold ausgezeichnet; ein Auftritt bei der Samstagabendshow »Wünsch dir was« mit einer etwas holprigen geplaybackten Version von »Köpferl im Sand« kann man bei Youtube ansehen. Häufig wird er als einer der »Väter des Austropop« bezeichnet, wogegen sich der Liedermacher zeitlebens wehrte. Er wollte seine Lieder lieber als kritische Werke verstanden wissen: »Diese Liedtexte sind teilweise zu unserem großen Leidwesen aktuell geblieben.«

Arik Brauer fuhr Anfang der 50er mit dem Fahrrad durch Europa und Afrika (»I fahr weg mitm Radl und drah mi net um«, singt er in »Reise nach Afrika«): »Ich bin bis weit hinein in die Sahara, getrieben von der Sehnsucht, die Welt zu sehen.« Er lebte als Sänger und Tänzer in Israel, heiratete dort 1957 seine Frau Naomi Dahabani, schlug sich einige Jahre mit ihr als israelisches Gesangsduo Neomi et Arik Bar-Or in Paris durch; man kann sie 1960 als Duo im Spielfilm »Les Distractions« (»Riskanter Zeitvertreib«) von Jacques Dupont sehen, in der Hauptrolle Jean-Paul Belmondo, kurz nach Godards legendärem »Außer Atem«.

In Paris erlebte Arik Brauer auch seine erste erfolgreiche Ausstellung. Er arbeitete seit den 70er Jahren als Bühnenbildner für die Wiener Staatsoper, das Opernhaus Zürich und die Pariser Oper, lebte einen Teil des Jahres in Israel im Künstlerdorf En Hod, beschäftigte sich mit Architektur (»Glaub nicht an das Winkelmaß«) und freute sich über zahlreiche Ausstellungen seiner Werke in aller Welt. Zuletzt ehrten ihn 2019 das Jüdische Museum Wien mit der anrührenden Ausstellung »Alle meine Künste« und die Kunsthalle Erfurt mit »Phantastisch-Realistisch. Ein Lebenswerk«.

Durch all sein Tun zog sich eine große Freundlichkeit und eine starke Haltung. Vor nicht allzu langer Zeit bekannte er: »Was ich machen wollte, habe ich ungefähr schon gemacht. Ich bin ein glücklicher Mensch.« Wer kann so etwas am Ende seines Lebens schon von sich sagen?

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