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  • 1. FC Union Berlin

»Warum schießt kein Geld Tore?«

Christoph Biermann, Autor des Buches »Wir werden ewig leben«, erklärt den Erfolg des 1. FC Union Berlin

  • Von Interview: Frank Willmann
  • Lesedauer: 6 Min.

Der 1. FC Union hat den zweitkleinsten Etat der Bundesliga, geht an diesem Sonnabend aber aussichtsreich ins Duell gegen Schalke und schleicht um einen Europapokalplatz herum. Warum schießt kein Geld Tore?

Meistens tut es das, aber manchmal gibt es erfreuliche Ausnahmen. Erfreulich deshalb, weil wir uns alle wünschen, das unten nicht einfach das an Punkten rauskommt, was oben an Geld reingesteckt wird. Union stellte in der letzten und auch in dieser Saison die Mannschaft mit den zweitkleinsten Personaletat. Wenn man sich die Tabelle anschaut, ist Union also ein dramatischer Über-Erreicher.

Sind Kompetenz und Arbeitsweise von Trainer Urs Fischer entscheidend für den Erfolg - maßgeschneidert für diesen Klub?

Ja, aber Urs Fischer wäre bei anderen Vereinen genauso maßgeschneidert. Er ist ein sehr guter Trainer, nur kein guter Trainerdarsteller. Sein langjähriger Co-Trainer Markus Hoffmann sagte immer, dass Urs sich nicht verkaufen will. Bei Union ist das kein Problem, bei anderen Vereinen wäre das möglicherweise anders. Bei Union kommt sogar gut an, dass einer verlässlich seine Arbeit macht, morgens als Erster kommt, abends als Letzter geht und um sich kein Gewese macht.

Fischer hat mit dem Angeln nur ein Hobby, liest höchstens mal die Bildschlagzeile. Ist das ein Schlüssel zum Erfolg?

Es ist eine Begabung, sich komplett fokussieren zu können und dabei keine Energie zu verlieren. Man muss sich Fischer als Mann auf Montage vorstellen. Seine Frau und seine erwachsenen Töchter leben in Zürich, er hockt in Berlin, seit Corona weitgehend ohne Privatleben. Bei ihm reduziert sich alles auf Wohnung - Weg zur Arbeit - Arbeit - Weg zurück, und am Wochenende auf einen Ausflug zum Auswärtsspiel. Seine Spieler sind total fasziniert, wie Fischer ihnen trotzdem mit dem immergleichen Energielevel begegnet.

Gibt er als Trainer seinen Spielern ein besonderes Gefühl der Zuwendung, des Verstandenwerdens?

Es ist nicht nur das Gefühl. Fischer versteht sie wirklich, weil er selbst lange Fußballprofi war. Er ist kein Kuscheltrainer, der ständig einem Spieler den Arm über die Schulter legt. Seine Zuwendung besteht vor allem darin, gerecht, klar und verlässlich zu sein. Mir ist außerdem aufgefallen, dass er viel Verantwortung an den Mannschaftsrat abgibt, damit Dinge intern geklärt werden.

Wie maßgeblich ist bei Union? Die gern ins Spiel geworfenen Mentalität?

Ach, die Mentalität! Das Zauberwort des deutschen Fußballerklärens. Aber sie spielt schon eine Rolle, wenn auch eher in einem kollektiven Verständnis oder in einem Verständnis für das Kollektive. In der Kabine hing letzte Saison der Slogan an der Wand: »Was wir machen, das machen wir zusammen.« Diese Mentalität war bei den Spielern sehr ausgeprägt, und das sehe ich in dieser Saison weiterhin. Ob es mit den Menschen zu tun hat, die im Team zusammenkommen? Vermutlich. Der Trainer pflegt diese Kultur auch sehr - und am Ende sind alle stolz darauf, dass sie wieder zwei, vier oder zehn Kilometer mehr als der Gegner gelaufen sind. Das steckt tief in der Mannschaft drin. Gut, nennen wir es Mentalität.

Wie gelang es, die einstige Flitzpiepe Kruse so gut einzugliedern?

Ich würde ihn nicht als Flitzpiepe bezeichnen, auch wenn er gerne pokert und sehr extrovertiert auftritt. Zweifellos ist er aber hundertprozentig da, wenn das Spiel angepfiffen wird. Er hat ein irrwitziges Talent, auf dem Platz Räume zu erkennen, was das betrifft, ist er ein Weltklassespieler. Als Mensch mag er nicht einfach sein, weil er seine Mitspieler und vor allem Vorgesetzten gern austestet. Aber eine gefestigte Mannschaft wie Union kann das aushalten, auch Urs Fischer. Ich habe sowieso das leise Gefühl, das der brave Urs Fischer als Spieler möglicherweise gar nicht so weit weg von dem war, wie Kruse heute ist. Aber das ist nur ein Verdacht.

Bundesligaspieler leben rund um die Uhr für den Traum. Bedeutet das, andere Lebensbereiche zu vernachlässigen?

Auf gewisse Weise schon, denn Fußballprofis führen ein oft reduziertes Leben. Mein Lieblingszitat diesbezüglich stammt von Grischa Prömels Freundin, die zu ihm sagte: »Du führst das Leben eines 75-Jährigen.« Grischa ist 26. Die Belohnungen für einen Profi können riesig sein, ob wirtschaftlich oder in Form von Beifall und Ruhm. Aber da ist immer auch irgendwer, der deinen Platz im Team haben will. Wenn du am Wochenende in einem hochenergetischen Erlebnis versuchst, Hochleistungen zu bringen, schreien dich Zehntausende an, verfolgen dich Fernsehkameras, und dir werden im Nachgang deine Fehler unter die Nase gerieben. Deshalb hilft es als Überlebenstechnik, möglichst große Ruhe und Ereignislosigkeit herzustellen.

Müssen gute Spieler also bildungsfern und weitestgehend interessenlos sein?

Nein, es gibt sogar Spieler, die etwas anderes brauchen, um diese schwierige Situation zu bewältigen. Ein Beispiel ist Unions Kapitän Christopher Trimmel mit seinem Interesse für Tätowierung, das bei ihm ein künstlerisches Interesse für Zeichnen und Gestalten ist. Diese Art Gegenwelt hilft ihm auch dabei, am Wochenende gut Fußball spielen zu können. Neven Subotic tut sein soziales Engagement gut. Er hat mir gesagt: »Wenn ich das nicht machen würde, würde ich auch keinen Fußball mehr spielen.«

Union beweist aktuell ohne seine fanatischen Fans, wozu sie fähig sind. Sind Zuschauer heutzutage noch nötig?

Wir sehen im Moment eine skelettierte Form von Fußball, also nur das Spiel. Was den Sport aber erst so groß und erfolgreich gemacht hat, ist das Publikum. Durch den abstrusen Umstand, dass Menschen glücklich sind, weil die Roten gewonnen haben und nicht die Blauen, und dass sie darüber Gemeinschaften bilden. Wenn es das nicht mehr gibt, ist der Fußball tot. Aber das ist er nicht, weil wir Zombies am Wochenende ja weiterhin vorm Fernseher hocken.

In den Medien benutzt man für Union gern das Wort Traditionsverein. Klingt für junge Menschen nach abgeschotteter Männersekte mit seltsamen, ewig gestrigen Regeln.

Ist denn Union ein Traditionsverein? Die gibt es doch erst seit 1966. Für mich ist ein Traditionsverein ein Klub, dem ein Haufen Menschen über viele Jahre das Herz geschenkt haben. In guten wie in schlechten Zeiten. Insofern ist Union ein Traditionsverein, den ich aber nicht als muffige, ewiggestrige Männersekte wahrnehme. Allerdings ist Union zweifellos auch kein slicker, supermoderner Entertainmentklub.

Gerade die älteren Zuschauer verbinden mit Union eine, Zeit, »in der noch nicht so viel glattgebügelt war« ...

Ich finde etwas anderes wichtiger: Unioner reden immer davon, dass im Mittelpunkt ihrer Existenz das Stadionerlebnis steht. Dieses Beharren ist auf eine Art und Weise unmodern. Bei vielen anderen Vereinen hat man nämlich das Gefühl, dass anderes im Vordergrund steht. In Union steckt etwas Modellhaftes: Wenn sich bei anderen Vereinen alles um das Erlebnis Stadionbesuch drehen würde, würde man dort das, was im Fußball an gesellschaftlicher Kraft transportiert wird, stärker mitbekommen.

Die Bundesliga ist öde, die Bayern bestimmen das Geschehen. Was tun?

Um einen spannenderen Wettbewerb zu bekommen, müssten die Gelder gleichmäßig verteilt werden. Weil Geld halt doch meistens Tore schießt. Der große Ungleichmacher in den europäischen Ligen ist das Geld aus der Champions League, dass nur einige Wenige beglückt. Alle Lösungen müssen dort ansetzen.

Christoph Biermann: Wir werden ewig leben. Mein unglaubliches Jahr mit dem 1. FC Union Berlin, Kiepenheuer&Witsch, 416 S., brosch.,18 €.

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