Das Unreformierbare reformieren

Die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala gilt als unbeirrte Erneuerin und wird in ihrem Heimatland als »Störenfried« gelobt

  • Martin Ling
  • Lesedauer: 4 Min.

Nigeria ist berühmt für seine Zuschreibungen per Volksmund: Das Akronym der staatlichen Energiebehörde NEPA wird mit »never expect power anytime« (Rechne niemals mit Strom) landläufig umschrieben, denn auf durchgehende Stromversorgung sollte man angesichts fortwährender Stromausfälle dort nicht setzen. Ngozi Okonjo-Iweala, die neue Chefin der Welthandelsorganisation (WTO), firmiert unter »troublemaker« - als Störenfried, wobei das Wort in Nigeria positiv besetzt ist. Eine Person, die sich von den widrigen Umständen nicht unterkriegen lässt, sondern unbeirrt Kurs hält. Und wenn man sich die beiden Titel ihrer Bücher vor Augen führt, wird klar, der Name ist Programm: »Fighting corruption is dangerous« (Korruptionsbekämpfung ist gefährlich) und Reforming the unreformable (Das Unreformierbare reformieren). In beiden Büchern schildert sie ihre Erlebnisse als Finanzministerin in Nigeria, beide erschienen im Verlag der Harvard-Universität, wo sie ihren Abschluss in Volkswirtschaft gemacht hat.

Okonjo-Iweala ging zweimal aus den USA nach Nigeria zurück, um dort etwas zu bewegen. Mit den Mitteln, die sie in den USA und bei der Weltbank gelernt hat, dem sogenannten Washington Consensus, eines Dreiklangs aus Staatsdefizitreduzierung, Privatisierung und Liberalisierung und mit durchwachsenem Erfolg. Nach 21 Jahren bei der Weltbank berief sie Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo 2003 nach Abuja, machte ihr den Job als Finanz- und Wirtschaftsministerin schmackhaft, den sie bis 2006 bekleidete. Bezahlen ließ sie sich auch in krisensicheren US-Dollar und nicht nur in der nigerianischen Schwachwährung Naira wie die meisten ihrer Ministerkollegen das akzeptieren mussten, von untergeordnetem Personal ganz abgesehen. Das kam nicht überall gut an. Gut ankam, dass sie in dieser Zeit einen Schuldenerlass über 18 Milliarden Dollar für Nigeria aushandelte. Daraufhin wurde sie vom »Euromoney Magazine« 2005 zur weltbesten Finanzministerin gekürt. Weniger beliebt machte sie sich mit dem Versuch, in Nigeria ohne Abstimmung gegen korrupte Strukturen vorzugehen. Obasanjo schob sie ins Außenministerium ab, Okonjo-Iweala schmiss nach wenigen Monaten hin und ging zurück zur Weltbank. Dort war sie insgesamt 25 Jahre tätig, viele Jahre davon als leitende Direktorin. Dabei war sie federführend bei Reformprogrammen von Entwicklungsländern und damit beschäftigt, Entscheidungsträger im Globalen Süden davon zu überzeugen, auch unbequeme strukturelle Änderungen einzuleiten. Das sei ihr oft gelungen, spricht sie sich selbst Überzeugungskraft zu.

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Ihrer langen Zeit in den USA verdankt sie auch ihre US-Staatsbürgerschaft, die sie neben ihrer nigerianischen hält. Sie gehört damit zu den durch den Roman ihrer Landsfrau Chimamanda Ngozi Adichie berühmt gewordenen »Americanahs«, in die USA migrierte gebildete Afrikaner und Afrikanerinnen, die dort Karriere machen. Mit ihrer afrikanischen Kleidung und Kopfbedeckung bekennt sich die 66-jährige Okonjo-Iweala offen zu ihren afrikanischen Wurzeln.

Ihre zweite Rückkehr nach Nigeria folgte 2011, als sie Präsident Goodluck Jonathan in sein Kabinett holte: wiederum als Finanzministerin. Von dort aus warf sie ihren Hut ins Rennen um die Nachfolge des Weltbank-Chefs Robert Zoellick, hatte aber gegen Barack Obamas Wunschkandidaten, den fachfremden US-amerikanischen Gesundheitsexperten Jim Yong Kim keine Chance. Unter Donald Trump hätte es Okonjo-Iweala auch nicht an die Spitze der WTO geschafft, Trump wollte Reformen nicht näher definierter Art, aber keine Reformerin aus Afrika. Erst Joe Biden machte den Weg für sie frei.

Neben vielen anderen Ämtern und Posten hat sie auch den Vorsitz der internationalen Impf-Allianz Gavi inne, der auch die Gates-Stiftung angehört, dazu Regierungen und Pharmakonzerne, die vor allem in Entwicklungsländern den Zugang zu Impfstoffen deutlich verbessert haben, ohne an Profitmangel zu leiden. Das müsse sich nun bei Corona wiederholen, sagt Okonjo-Iweala: »Es muss gleichen Zugang zu Medizin geben, und die WTO könnte Teil der Lösung sein.« Die Organisation müsse die Regeln so gestalten, dass sich ein Kompromiss findet zwischen dem Zugang aller zum Impfstoff, und den Patentrechten der Hersteller. »Es kann kein Weiter-so geben«, sagt Okonjo-Iweala über die WTO. Ihren von John F. Kennedy entlehnten Spruch: »Bete nicht für ein leichtes Leben. Bete, dass Du stärker wirst«, kann die Mutter von vier erwachsenen Kindern sicher auch bei der WTO gebrauchen.

Unter den ursprünglich acht Bewerbern für den Chefposten der Welthandelsorganisation galt Ngozi Okonjo-Iweala wegen ihrer Kompetenz von Anfang an als Favoritin. Aber auch ihre Erfahrung zeigt, dass Kompetenz nicht immer ausreichend ist.

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