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Die Wahrheit

Witold Pilecki gehörte zu den ersten Häftlingen in Auschwitz und ihm gelang es, Informationen nach Großbritannien zu schmuggeln

  • Von Ingrid Heinisch
  • Lesedauer: 5 Min.

Am 18. März 1941 hätte die Welt eine erste Ahnung davon erhalten können, was im deutsch-faschistischen Konzentrationslager Auschwitz geschah, das zum Synonym für den größten Genozid aller Zeiten werden sollte. An diesem Tag erreichten die ersten gesicherten Nachrichten über diesen Ort des Terrors im deutsch besetzten Polen Großbritannien. Sie handelten nicht vom systematischen Mord an den europäischen Juden. Dieses Verbrechen bahnte sich erst an, wurde gerade von der deutschen Bürokratie akribisch vorbereitet.

Informiert wurde über entsetzliche Zustände, die den Verantwortlichen in England schlicht und einfach unglaubwürdig erschienen. Sie wussten von Dachau und anderen deutschen Konzentrationslagern, wussten, wie die Nazis ihre politischen Gegner dort behandelten. Aber dieser Report sprengte jede Vorstellungskraft. Eine polnische Übertreibung - so mögen sie den Report interpretiert haben. Manche britische Politiker in London schienen auch genervt zu sein von den Warnungen und Forderungen der polnischen Exilregierung in Großbritannien.

Das Konzentrationslager Auschwitz bestand damals noch kein Jahr. Die dort inhaftierten Polen waren entweder bei dem Versuch, die Grenze nach Tschechien zu überwinden, um sich dem Widerstand im Ausland anzuschließen, gefangen genommen worden, oder wegen ihrer Widerstandstätigkeit in Polen in der Armia Krajowa.

Zu jenen ersten Häftlingen in Auschwitz gehörte Witold Pilecki. Er war Offizier in der polnischen Armee, als seine Heimat von der deutschen Wehrmacht überrannt und besiegt worden war. Er schloss sich - wie fast alle seiner Kameraden - sofort dem Widerstand im Innern an. Mit seinen Vorgesetzten verabredete er ein wagemutiges Unternehmen: Er wollte sich ins KZ Auschwitz einschmuggeln, um dort den Widerstand zu organisieren - und vor allem Nachrichten über die Verbrechen der Deutschen zu sammeln, nach außen zu schmuggeln und diese weltweit bekannt zu machen.

Der polnische Widerstand wusste von Anfang an, was in Auschwitz geschah. Auch dass das Vorgehen der deutschen Okkupationsmacht gegen die polnische Zivilbevölkerung alle Terrormaßnahmen der Deutschen um ein bisher nicht gekanntes Ausmaß übertraf. Der eliminatorische Antisemitismus und Antislawismus der Nazis wurde vor allem in Polen offenbar. Aus dem Konzentrationslager zu fliehen, war für Einheimische nicht besonders schwierig. Man konnte sich während eines Außenkommandos relativ leicht absetzen, sich bei Bauern in der Umgebung verstecken und von dort aus Kontakt zu Widerstandsorganisationen aufnehmen. Pilecki gelang wie geplant die Flucht. Aber worauf er nicht vorbereitet war, was er sich nicht vorstellen konnte: wie brutal die Wachmannschaften die Häftlinge behandelten, insbesondere Angehörige der polnischen Intelligenz. In seinem Bericht schildert er seine ersten Eindrücke: »Der Anfang wurde damit gemacht, dass ein gestreifter Mann mit einem Knüppel in der Hand fragte: ›Was bist du von zivil?‹ Die Antwort Priester, Richter oder Anwalt hatte zu diesem Zeitpunkt Prügel und Tod zur Folge. Vor mir in der Fünferreihe stand ein Kamerad, der auf die Frage antwortete: ›Richter.‹ Eine fatale Antwort. Einen Augenblick später lag er am Boden und wurde getreten und geschlagen. Eins war also klar: Man würde sich darauf konzentrieren, die polnische Intelligenz zu eliminieren.«

Pilecki gelang es mit Hilfe eines Freundes, den Widerstand in Auschwitz zu organisieren. Widerstandsaktionen hatte es zwar von Anfang an gegeben, jedoch spontan und individuell. Pilecki aber war der Erste, der systematisch vorging. Er gründete konspirative Fünfergruppen. Sie dienten dem Schutz der Widerstandskämpfer - falls jemand »aufflog«, konnte er unter Folter höchstens vier Mitverschworene verraten. Im Januar 1941 gab es bereits mehrere Gruppen, die auch bereits erste Nachrichten über die Misshandlungen der Häftlinge durch die SS aus dem Lager nach außen schmuggelten. Und eine Vorahnung davon gaben, dass die polnische Elite ausgelöscht werden sollte, letztendlich alle Polen. Außer denjenigen, die man als Arbeitssklaven missbrauchen konnte.

Deshalb entstanden immer mehr Arbeitskommandos, die das Lager weiter ausbauen sollten. Man brauchte die Häftlinge als Arbeitskräfte, die diesen Ausbau verlässlich vorantrieben. Andererseits warteten für jeden erschlagenen Häftling in Auschwitz mindesten fünf, wenn nicht zehn, in irgendwelchen Gestapo- oder Polizeigefängnissen, die dorthin überstellt werden sollten, wie es im SS-Deutsch hieß. Es gab also nicht wirklich einen Grund für die SS-Bewacher, ihre Brutalität zu zügeln.

Pilecki und seiner Bewegung gelang es schon im Dezember 1940, die erste Nachricht über die Zustände in Auschwitz hinauszuschmuggeln. Aber erst für den 18. März 1941 ist verbürgt, dass diese die britische Regierung erreichte. Nur dass sie dort niemand ernst nahm. Auf keinen Fall waren die politisch Verantwortlichen bereit, einen Aufstand in Auschwitz zu unterstützen.

Pilecki hatte geplant, nicht nur den Widerstand innerhalb des Lagers zu organisieren, sondern dann mit Hilfe der alliierten Streitkräfte einen Aufstand zu wagen und das Lager zu befreien. Fast drei Jahre hielt er in Auschwitz durch, immer frustrierter, weil seine Widerstandstätigkeit zwar erfolgreich war, aber seine Hoffnung auf Hilfe von außen von Tag zu Tag schwand.

Im April 1943 flohen er und ein Kollege mit wichtigen Dokumenten aus Auschwitz. Er hoffte, wenigstens die Führung der Heimatarmee davon überzeugen zu können, einen Befreiungsversuch zu wagen. Es gelang ihm nicht. 1944 nahm er am Warschauer Aufstand teil. Dann schrieb er in seinem Versteck einen Bericht über alles, was er in Auschwitz erlebt hatte, und über seine Widerstandstätigkeit dort. Der Bericht wurde später ein wichtiges Beweismittel in den Prozessen gegen Lagerkommandant Rudolf Höß und andere SS-Leute aus Auschwitz.

Pilecki blieb in Polen, obwohl ihm ziemlich schnell klar werden musste, dass er in den neuen sowjetischen Befreiern keine Freunde finden würde. Wie auch, hatte er doch im sowjetisch-polnischen Krieg (1919-1921) auf polnischer Seite gekämpft.

Womit er wahrscheinlich nicht gerechnet hatte, war, dass sich einer seiner wichtigsten Mitstreiter im Widerstand in Auschwitz gegen ihn stellen würde: Józef Cyrankiewicz, der spätere Premierminister Polens. 1947 wurde Pilecki des Hochverrats angeklagt. Das Todesurteil stützte sich wesentlich auf die Aussagen von Cyrankiewicz.

Und so wurde Pilecki zu einem Symbol des polnischen Traumas, das heute mehr denn je lebendig ist: den Deutschen wie auch immer widerstanden zu haben, um dann den Sowjets schutzlos ausgeliefert zu sein.

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