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Geflickte Risse

Die Staatsbibliothek Berlin bangt um Bücher und Zeitungen aus den Lagern der jüdischen Displaced Persons

  • Von Thomas Klatt
  • Lesedauer: 5 Min.

Rostige Klammern, geflickte Risse, fleckige Blätter. Es sind jüdische Publikationen aus der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als 400 Werke davon liegen bereits in der Staatsbibliothek Berlin. Und es sollen stetig mehr werden - Bücher und Zeitungen aus den Lagern der jüdischen Displaced Persons vor allem des US-amerikanischen Sektors. Es sind religiöse Werke, erste Berichte über den Holocaust, Lehrbücher für die Ausreise nach Palästina, Listen von Überlebenden auf der Suche nach Familienangehörigen. Um diese einzigartige Sammlung vor dem Verfall zu sichern und sie Forschern und Forscherinnen und Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen weiterhin zur Verfügung stellen zu können, werden nun Spenden für die Restaurierung gesucht.

Nach dem 8. Mai 1945, nach dem Sieg über die Nazis, lebten schätzungsweise sieben bis acht Millionen heimatlose Menschen im ehemaligen Herrschaftsgebiet der Nazi-Diktatur: Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, KZ-Häftlinge, Verschleppte, Verfolgte. Die Alliierten nannten sie alle ohne Unterschied erst einmal Displaced Persons, kurz DPs. So wurden Opfer wie Täter zusammengepfercht.

»Es gab ja auch Menschen aus Osteuropa, zum Beispiel Litauer, die sich auf die Seite der deutschen Nationalsozialisten geschlagen hatten, die mitgewirkt hatten an der Vernichtung jüdischer Menschen«, erklärt Gwendolyn Mertz, Geschäftsführerin des Vereins »Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin: «Und dann trafen sich jüdische und nicht-jüdische DPs in denselben Lagern. Und zum Teil standen die noch ein halbes Jahr vorher auf anderen Seiten. Das war den jüdischen DPs nicht zuzumuten.»

Erst der so genannte Harrison-Report der USA über die Missstände in den DP-Lagern brachte ab Sommer 1945 eine gewisse Verbesserung der unhaltbaren Lage. So wurden vor allem in der US-amerikanischen Besatzungszone rein jüdische DP-Lager eingerichtet, etwa in Berlin in Schlachtensee und Mariendorf oder das Lager Föhrenwald bei Wolfratshausen in Oberbayern. Anfang 1947 waren an die 200 000 Jüdinnen und Juden in eigenen Lagern mit Selbstverwaltung untergebracht. Dort waren die Bewohner und Bewohnerinnen zwar vor judenfeindlichen Angriffen sicher. Aber nun gab es ganz andere Schwierigkeiten.

«Es war ein großer Hunger nach geistiger Nahrung. Aber es war anfangs kein Papier da. Und es waren keine Lettern da, zumindest keine hebräischen», weiß Petra Figeac, Bibliothekarin und Fachreferentin für Judaistik, Hebraistik und den christlichen Orient und Ägyptologie in der Berliner Staatsbibliothek. So wurde beispielsweise die Zeitschrift «Undzer hofenung», die ursprünglich in Hebräisch gesetzt werden sollte, in lateinischen Lettern gedruckt. Zum Teil wurden die deutschen Druckereien requiriert oder gar konfisziert, um im Nachkriegsdeutschland die ersten jüdischen Zeitungen und Bücher produzieren zu können. Anders als die deutsche Bevölkerung, die nach 1945 von den Verbrechen der Nazis und ihrer Helfer nichts mehr wissen und sich vor allem vergnügen wollte, konnten die jüdischen Überlebenden die Schrecken ihrer Vergangenheit nicht vergessen.

«Es gab in München und in anderen Lagern historische Kommissionen, die sich genau überlegt haben: ›Was sammeln wir?‹ Die Aufrufe gestartet haben: ›Das guckt euch an und vergesst es nicht‹!», sagt Petra Figeac. So entstand zum Beispiel eines der ersten Bilderbücher der Shoa «Unser churben im Bilde». Churben, darin steckt das hebräische Wort für Schwert oder auch Zerstörung. Churben, das meinte einst die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, nun aber eben auch den Holocaust. In dem einzigartigen Bildband sind Fotos aus den Ghettos zu sehen, zerstörte und brennende Synagogen. Deutsche Besatzungssoldaten schneiden gläubigen Juden Schläfenlocken und Bärte ab. Aber es gibt auch Fotos des Widerstandes von Partisanengruppen. Herausgegeben vom Zentralkomitee der befreiten Juden in der Britischen Zone, Verlag Unsere Stimme, Bergen-Belsen Dezember 1946.

«Ich kriege immer wieder noch Gänsehaut. Wow, 1946, in Deutschland, auf deutschem Boden, solche Werke», sagt Bibliothekarin Figeac mit Blick auf das einmalige Zeitdokument. In manchen jüdischen DP-Lagern entstanden Lagerzeitungen, in München etwa die «Zionistische Stimme». Oftmals mit Suchanzeigen nach überlebenden Familienmitgliedern. US-Militärrabbiner Abraham Klausner sammelte in München die «She’erit Hapleta», den «Rest der Geretteten». Er notierte in fünf Bänden etwa 50 000 Namen. Vielen war aber gewiss, dass ihre Liebsten ermordet worden waren. Vergast, verbrannt, ohne Grab, sollten die Toten wenigstens in gedruckter Form geehrt bleiben. «Es sind zum Teil die Bücher wie Grabstätten. Also hat man ein virtuelles Grab in die Bücher hineingedruckt. Jedes Exemplar ist daher so wichtig», erklärt Figeac.

Die meisten dieser Drucke in den jüdischen DP-Lagern waren religiöse Schriften, so genannte Survivor’s Hagadóth oder Survivor’s Talmudím. Daneben findet sich bis heute die Literatur der Zionisten, Bücher etwa über Landwirtschaft zur Vorbereitung auf die Allijah, also auf die Auswanderung nach Israel. Seltener auch schöngeistige Literatur, Schalom Alejchems «Kleine Menschen mit kleinen Begriffen» etwa aus dem Berliner Menorah-Verlag. Fast alle Werke aber sind heute in einem schlechten Zustand.

«Diese Sachen sind zwar erst rund 70 Jahre alt. Aber es war Gebrauchsliteratur, etwas, das man schnell produziert hat. Das Hauptproblem besteht heute darin, dass sie auf sehr schlechtem säurehaltigem Papier gedruckt worden sind. Das ist heute sehr stark verbräunt und sehr brüchig. Und spätestens zu dem Zeitpunkt, wo man versucht diese Papiere anzufassen, zerbröseln sie wirklich», klagt die Berliner Restauratorin Britta Schütrumpf.

Nicht nur, dass die gedruckten Werke aus den jüdischen DP-Lagern dringend restauriert werden müssen. Auch weiß man immer noch viel zu wenig über ihre ehemaligen Leser: «Man hat damit gearbeitet. Darin zu finden sind Widmungen, Kritzeleien, Davidsterne in vielfacher Form. Dass es einem kalt den Rücken runter läuft, wenn man begreift, was man da in Händen hält. Auch die Dinge, die als Lesezeichen hineingelegt worden sind. Da sind etwa getrocknete Pflanzen und Blumen. Was war das für ein Mensch? Wer hat das gesammelt?»

Deswegen sucht die Staatsbibliothek zu Berlin nicht nur nach Spendern zum Erhalt der Werke, sondern auch nach Hinweisen zur weiteren Erforschung der jüdischen Literatur, die so kurz nach der Schoa entstanden ist.

Die Druckwerke sollen nicht nur digitalisiert werden, sondern auch im Originalzustand erhalten bleiben. Denn es sind Dokumente mit unschätzbarem Wert, sagt Bibliothekarin Figeac: «Vor allem sind wir mit dieser Literatur ein Scharnier zwischen Deutschland und Israel. Es ist absolut unsere Aufgabe, diese Literatur zu bewahren, über sie zu forschen. Die Menschen, deren Drucke wir hier in der Staatsbibliothek bewahren, saßen auf gepackten Koffern und wollten nach Palästina, wollten den Staat Israel aufbauen. Wenn man das studiert, studiert man die Vorgeschichte des Landes Israel.»

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