Klug, gewissenhaft, leise, sensibel

Zum Tod von Horst Haase

  • Von IrmTraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Von seiner Klugheit machte er kein Aufheben. Nachdenklich, gewissenhaft - und leise, so ist mir Professor Horst Haase in Erinnerung, der lange auch ein Autor dieser Zeitung war. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist er am 7. Mai gestorben. Und wie so oft kommt dann erst das Bedauern, dass irgendwann die Kontakte abgebrochen sind, weil man mit so viel anderem ausgelastet war. Dabei hätte man einander doch noch so viel zu sagen gehabt. Und bedankt hätte ich mich noch einmal gern für seinen Zuspruch, der mich bestärkte.

Als Sohn eines Bauarbeiters studieren zu können - Horst Haase war nicht der Einzige, dem sich in der DDR ungeahnte Chancen eröffneten und der lebenslang auch dankbar dafür war. Schon in der sowjetischen Besatzungszone wurden sogenannte Vorstudienanstalten speziell für Arbeiterkinder eingerichtet. Das kam ihm zugute. Nach einem Studium der Germanistik, Geschichte und Pädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin wurde er dort bereits 1951 wissenschaftlicher Assistent und konnte 1956 promovieren - über die Antikriegsliteratur in der expressionistischen Zeitschrift »Die weißen Blätter«. Mit 27 Jahren war er Dr. phil., 1963 habilitierte er sich über Johannes R. Becher und wurde bereits ein Jahr später Professor für Literaturgeschichte an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Schwierig für ihn, weil der von vielen geliebte und von einigen beschimpfte Professor Hans Mayer gerade in den Westen gegangen war. »Horst Haase verstand zu vermitteln«, bezeugt die Literaturwissenschaftlerin Christel Berger, die lange mit ihm zusammengearbeitet hat. »Zwischen 1964 und 1969 etablierte er in Leipzig eine großzügig angelegte Forschung zur Gegenwarts-Lyrik. Es bildete sich um ihn ein Kreis von Doktoranden und jungen Wissenschaftlern, die sich mit dem lyrischen Schaffen von Brecht und Becher, Benn und Enzensberger, Maurer und Hermlin, Kunert und Rühmkorf, Braun und Czechowski beschäftigten und die von Horst Haase vieles mit auf den Weg bekommen haben: Verständnis für Lyrik, Präzision und Disziplin bei der wissenschaftlichen Arbeit, freundschaftliche Förderung und Unterstützung.« Als er 1969 als Professor an das Institut für Gesellschaftswissenschaften in Berlin, die spätere Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, berufen wurde, trug er die Verantwortung für »Standard-Werke«, darunter die lange Zeit einzige Geschichte der DDR-Literatur, und hätte sich - sensibel, wie er war - doch vielleicht lieber vor allem mit seinen Lieblingsdichtern befasst.

Pflicht und Neigung - die schwierige Balance, er verhehlte sie nicht. Er stand zu den humanistischen Idealen der DDR, sah genau, was dem nicht entsprach. Er nahm es auf seine Seele, und er ließ sich nicht korrumpieren. Zur wissenschaftlichen Genauigkeit kam eine innere Geradheit, eine Anständigkeit, die ihm gewiss schon seit seiner Kindheit auf den Weg gegeben war. Als sein Institut nach der deutschen Vereinigung abgewickelt wurde, war er erst 61 - und zog sich nicht wie manch andere in eine »Schmollecke« zurück. Er engagierte sich in der 1993 gegründeten Leibniz-Sozietät und pflegte, umgeben von Büchern, eine Geistigkeit, der von außen Bedeutung nicht zugeschrieben werden musste. »Entwürfe, Fragmente, späte Texte. Zur Literatur im 20. Jahrhundert« war 2019, nach so vielen Schriften, seine letzte Publikation. Aus eigenem Antrieb blieb er ein Forscher, der manches noch einmal neu bedenken und für sich immer wieder literarisches Neuland erkunden wollte. So werden ihn auch »nd«-Leser in Erinnerung behalten.

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