Die lauten Schweigenden

Wir müssen einen Umgang mit der Flut an Meldungen zu Krisen, Kriegen und Katastrophen finden.

  • Von Ayesha Khan
  • Lesedauer: 3 Min.
Teilnehmer der Demo verschiedener palästinensischer Gruppen laufen mit Palästina-Flaggen durch Neukölln
Teilnehmer der Demo verschiedener palästinensischer Gruppen laufen mit Palästina-Flaggen durch Neukölln

Wenn an Tagen wie diesen die Flut an Nachrichten über Krisen, Kriege und Katastrophen einfach nicht abebben will, müssen wir alle für uns Strategien für einen Umgang mit ihnen entwickeln. Die einen stürzen sich mutig kopfüber in das Haifischbecken (ein guter Vergleich für die Facebook-Kommentarspalten by the way), während die anderen noch damit beschäftigt sind, ihre Gefühle und Gedanken zu sortieren, gar selbst zu verstehen oder in Worte zu fassen. Und ich möchte hiermit allen ganz offiziell bescheinigen: Es ist okay.

Es ist okay, nicht immer up to date zu sein. Es ist okay, nicht immer alle Hintergründe zu kennen oder sich zu allen Konflikten auf der Erde konstruktiv äußern zu können. Es ist okay, auch mal die Klappe zu halten, wenn man die Klappe halten möchte.

Ich würde sogar sagen, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn die Menschen sich mehr als 30 Sekunden vor dem Sprechen oder Tippen Gedanken darüber machen würden, was sie gleich sagen oder schreiben werden. Das gilt natürlich besonders für einige Politiker*innen in Deutschland. Und eigentlich überall. Es gibt daher diesen Ausdruck im Englischen »read the room« - den Raum lesen, quasi die Situation und den Kontext erfassen und dann erst etwas sagen oder handeln.

Es ist schon erstaunlich, dass in diesem Land so viele Menschen eine Meinung zu bestimmten Dingen haben, aber dann anderswo schweigen. Und das ist kein What-aboutism. Ich verlange von niemandem, sich zu allen Themen gleichermaßen ausgewogen zu äußern, sondern ich rede von realen Situationen, in denen sich viele zurückhalten. Im öffentlichen Personennahverkehr, im Bus oder in der Bahn zum Beispiel.

Wie am letzten Wochenende, als eine Freundin aus Fulda im Bus von einem Mann rassistisch und anti-muslimisch angefeindet und laut beleidigt wird und sich niemand im Bus zu ihr stellt, sie unterstützt oder gar den Mann zur Rechenschaft zieht.

Wie damals, als ein Kollege in einem Großraumbüro meinte, ich sei zu frech gewesen und er könne jetzt einen antisemitischen »Witz« machen und mich fragen, wann für Leute wie mich wieder die Gasöfen brennen werden und Anwesende im Raum auflachten, aber als ich den Fall meldete, sich niemand dazu äußern wollte.

Ganz laut werden genau diese Schweigenden allerdings, wenn sie endlich über den »importierten Antisemitismus« sprechen können. Denn »der Israel-Palästina-Konflikt hat Antisemitismus in Deutschland sichtbar gemacht«, ein Zitat aus der RTL-Sendung, in der Daniel Donskoy interviewt wurde. Andere, besonders rechte Politiker*innen, aber auch irrelevante antideutsche Gruppen auf Instagram, sind da viel direkter.

Da wird die Ausweisung beziehungsweise Abschiebung aller Antisemit*innen gefordert. Es ist das »Ausländer raus« von 2021. Als hätte es die ganzen rechten Netzwerke oder antisemitischen Anschläge und Angriffe durch Nazis in den letzten Jahren nie gegeben. Als wäre Halle nicht geschehen. Als gebe es Antisemitismus seit 1945 nicht mehr. Wir haben ja »entnazifiziert«. Wehrsportgruppe Hoffmann, NSU, Gruppe S, Halle, Hanau, NSU 2.0? Einzelfall. Der ideologische Zusammenhang zwischen NS-Rassenlehre und den Motiven des NSU? Zufall.

Dass auch beim Thema Antisemitismus auf die »Anderen« verwiesen wird, verwundert nicht. An einer wirklich inhaltlichen Debatte scheint niemand interessiert. Es geht darum, schnell vom Thema abzulenken, den Diskurs zu verschieben, und ein bisschen geht es auch darum, auf den Rücken der Ausländer Wahlkampf zu machen. Aus Deutschen werden dann Andere und der Antisemitismus ist dann auch kein deutscher mehr. Das muss diese Vergangenheitsbewältigung sein, von der alle immer sprechen.

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