Rapunzel im Hinterhof

Spaß und Verantwortung

Hochhäuser haben keine Hinterhöfe. Das fiel mir neulich zum ersten Mal auf, als ich morgens in einer Wohnung im 15. Stock aufwachte - und diese kurz darauf verließ. Anstelle eines (mit Menschen oder Mülltonnen gefüllten) Hinterhofes erwartete mich vor der Tür des denkmalgeschützten Hauses eine gut gepflegte grüne Wiese, auf der ein paar Stadthasen hoppelten.

Im Gegensatz zu Füchsen, an deren Auftauchen im Stadtbild ich mich längst gewöhnt habe, überraschen mich frei herumhüpfende Kaninchen noch immer: Sie haben für mich eine fast »Alice im Wunderland«-artige Mystik an sich. Geschöpfe aus einer anderen Welt, die einem in dieser seltsam ungeschützt vorkommen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich sie grundsätzlich für gefährdet halte (durch die Füchse): In meiner Kindheit wurden einmal die Kaninchen meiner Cousine von einem Fuchs direkt aus ihrem Verschlag im Neuköllner Hinterhofgarten geholt und verspeist. Meine Tante fand am nächsten Morgen nur noch zwei große Stücke weißen Fells.

Die Häschen hießen Bello und Madame Peterle - ursprünglich hatte meine Cousine sie Annabelle und Peter genannt, in beiden Fällen hat sich im Nachhinein aber eine Gender-Verwechslung herausgestellt. Nachdem sie die Überreste von Bello und Madame Peterle entsorgt hatte, tröstete meine Tante ihr weinendes Kind, indem sie erzählte, dass die beiden über Nacht auf eigene Faust davongehoppelt seien - auf große Reise in eine andere Hasen-Dimension. Erst vor zwei Jahren fand meine nun längst erwachsene Cousine heraus, was damals wirklich passiert war. Dies entfachte eine ernsthafte Diskussion über Kindererziehung und die Vermittlung des schwierigen Themas »Tod« innerhalb unserer Familie.

Die Westberliner Hasen sind aber nicht die einzigen märchenhaften Geschöpfe, die einem im Berliner Stadtbild begegnen. Als ich an jenem Morgen meine »niedrig gelegene« Wohnung in der fünften Etage betrat, genoss ich es plötzlich, in fremde Fenster schauen zu können - im Hochhaus hatte ich nur die riesige Bücherwand und einige Eiermann-Schreibtische in der oberen Etage des gegenüberliegenden Hochhauses erkennen können. Wahrscheinlich gehörte sie einem führenden Zeitungsredakteur im Kulturressort. An meinem mir plötzlich fast provinziell vorkommenden Kreuzberger Fenster stehend, trank ich einen Kaffee - da betrat plötzlich eine junge Frau in einem Adidas-Track-Suit den gegenüberliegenden Balkon.

Sie hatte schwarze Haare, die bis weit über ihren mit schwarzen Sweatpants bedeckten Po reichten. Sie hatte eine Bürste mit nach draußen gebracht und fing an, ihr Haar Strähne für Strähne zu bürsten. Es war ein grauer, windiger Morgen, und während sie unermüdlich ihre gelüftete Mähne kämmte, wehte der Rest ihrer Haare immer wieder in die Richtung der zu bearbeitenden Strähne, was dem Unterfangen eine gewisse Unendlichkeit verlieh - der Entwirrung der schwer zu händelnden Materie folgte die erneute Verwirrung.

Gute 20 Minuten brauchte Rapunzel, um ihr Fell zu zähmen, und verzog dabei, obwohl sie sich unbeobachtet fühlte, keine Miene - sie bürstete stoisch weiter. Selbst von meinem ungeputzten Fenster aus sah man einzelne Haarreste im Wind davonfliegen - auf der Reise in eine andere Dimension.

Mit meinem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee lief ich zur Balkontür auf der Ostseite meiner Wohnung. Auf einem mit Unkraut bewachsenen Blumenkasten saß ein Eichhörnchen - eine Spezies, die erst seit wenigen Jahren - seit der Walnussbaum im Hinterhof den fünften Stock erreicht hat - meinen Balkon erklimmen kann. Es schaute mich mit großen Augen an, während es meinen frisch gepflanzten Waldmeister verspeiste. Auf dem Dachbalken dahinter hatten zwei Tauben Sex - »Turteltauben«, dachte ich spontan. Meine über 60-jährige Nachbarin spielte in Dauerschleife einen Ton-Steine-Scherben-Song. Ich hatte sofort einen Ohrwurm: »Halt dich an deiner Liebe fest« hallte es bis zum Abend in meinem Kopf wider.

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