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Diktatur der Angst

Berlinale-Panorama: »Okul Tıraşı« zeigt das harsche Erziehungssystem eines türkischen Internats

Alles hier ist kalt. Die Klassenräume, die Duschen, die Betten, und die Menschen sind es auch. Ein Internat für kurdische Schüler im Osten Anatoliens: Berge, riesige Monolithen, umzingeln diese Institution, die die Kinder auf das Leben draußen vorbereiten soll. Ein Leben in der Türkei, das sagen ihnen die mal mehr, mal weniger subtil drapierten Fahnen. Unaufhörlich schneit es, was die klaustrophobische Stimmung noch verstärkt. Regisseur Ferit Karahan schafft mit »Okul Tıraşı« (Brother’s Keeper) einen Film, der von der Angst lebt. Da ist die Angst der Schüler vor Bestrafung und die Angst der Lehrer vor den Schülern und einem System, das ihnen abverlangt, Gehorsam zu lehren, wo doch Kindheit sein sollte.

Alles im Leben der Schüler ist auf Drill ausgerichtet: Essen, Schlafen; Lernen sowieso. Selbst zu lautes Atmen würde wohl bestraft und erklärt, warum sich jeder Lehrer mit einem Rohrstock bewaffnet, sobald er sich in der Schule bewegen muss. In diesem Haus ist kein Leben, da ist nur dressiertes Fleisch. Oberflächlich halten sich die Kinder natürlich an die Regeln. Die Strafen, sie zu brechen, sind hart, sonst funktioniert ja das System nicht. Aber jedes versteckte Stück Brot, jede geklaute Zigarette und jedes stibitzte Bettlaken aus der Wäscherei zeigt, es ist noch Energie in diesen kleinen Wesen. Und wo Regeln das Leben bestimmen, wird Lügen zur Pflicht.

Yusuf (Samet Yıldız) und sein Freund Memo (Nurullah Alaca) sind Fünftklässler und beste Freunde. Memo wacht eines Morgens auf und ist kaum noch ansprechbar. Yusuf kümmert sich darum, dass überhaupt jemand Notiz von seinem Zustand nimmt. Alle anderen sind zu sehr damit beschäftigt, den Unterdrückungsapparat fleißig aufrecht zu erhalten. Schüler werden wahlweise als Idioten, Tiere oder Bastarde beschimpft, sobald es auch nur ein Anzeichen von Widerstand gibt. Ihr ständiges Lügen ist dann auch nur eine logische Form der Rebellion. Während Memo also bewusstlos im Bett liegt, läuft der Laden einfach weiter. Und auch die Schüler untereinander haben von ihren Lehrern gelernt, was zu lernen ist: Statt ihrer Klassenkameraden, sind Herablassung, Misstrauen und Empathielosigkeit ihre besten Freunde geworden.

Das Menschenbild einer Gesellschaft wird wohl nirgends so deutlich wie in der Erziehung: Wenn man ihm keine Grenzen setzt, ist das Kind ein Manipulator, ein Egoist, den man, so hart es eben geht, zähmen muss, sonst tanzt er einem auf der Nase herum - und später dem System, das es zu erhalten gilt.

Es fehlen Fußmatten in der gesamten Schule, weshalb bei Schneematsch die Lehrer regelmäßig ausrutschen. Im Film werden diese Szenen zu einem Running Gag - für das Drama eigentlich ein total unpassendes Stilmittel, aber hier wirkt es. Wozu braucht eine Schule auch Fußabtreter, sie hat ja Schüler. »Wenn man die Kinder kon᠆trolliert, kontrolliert man die Zukunft«, sagt Regisseur Karahan, der den Film auf Basis eigener Erlebnisse in seiner Jugend gedreht hat.

Erst nach einer quälend langen Filmstunde kommen die Lehrer auf die Idee, Memo zu einem Arzt zu bringen. Zuvor war es wichtiger gewesen, einen Jungen wegen einer zerbrochenen Fensterscheibe zu ohrfeigen oder den Hausmeister wegen fehlender Winterreifen für das private Auto anzugehen - der dann so nebenbei erwähnt, dass man die teuren Teile auch auf Schulkosten bestellen könnte.

Langsam beginnt nun die eh schon ziemlich marode Fassade der Institution Schule zu bröckeln. Karahan gelingt es, einen Spannungsbogen zu halten, der sich erzählerisch nicht nur auf die Unterdrückung von Kreativität und Unabhängigkeit beschränkt, sondern nach und nach das System an sich entlarvt. Lehrer beklagen sich über zu viele Nachtschichten, es gibt keinen Handyempfang, was bei Notfällen wirklich sehr ungünstig ist, der Personalmangel und eine irrsinnige Bürokratie führen dazu, dass Memos Fall zum Katalysator wird. Auch die Lehrer sind gefangen in diesem Unterdrückungssystem, lügen, um sich ihre Position zu sichern. Da wo der Mangel verwaltet wird, ist Kleptokratie symptomatisch. Auch unter den Lehrern gibt es ein Klassen- und Herrschaftssystem, das Verlierer schafft.

Ferit Karahn hat einen Film über die Angst gemacht. Sie ist es, die Traditionen weiterleben lässt, die Missgunst und Verachtung sät, wo eigentlich Neugier, Fantasie und Urvertrauen die einzigen Gesetze sein sollten.

»Okul Tıraşı« (Brother’s Keeper). Türkei/Rumänien 2021, Regie: Ferit Karahan. Termine: 13.6., 21.30 Uhr, Freiluftkino Kreuzberg, 15.6., 21.30 Uhr, Atelier Gardens @BUFA

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