Erlösung nur im Wahn

Berlinale Panorama: »Censor« beschäftigt sich mit der Zensur von Horrorfilmen unter der Thatcher-Regierung

Anfang bis Mitte der 80er Jahre trieb die ultrakonservative Tugendwächterin Mary Whitehouse in Großbritannien ihr Unwesen und sorgte mit ihrer »National Viewers’ and Listeners’ Association« dafür, dass neben Kinofilmen auch der neu aufkommende Heimvideo-Markt streng reguliert und Filme zensiert wurden. Bald gab es Listen mit indizierten Werken, den sogenannten Video Nasties, darunter auch bekanntere Streifen wie »Dawn Of The Dead« oder »Freitag, der 13.«, deren Verbreitung teils gänzlich verboten wurde. Die Regisseurin Prano Bailey-Bond, Jahrgang 1982, erblickte gerade erst das Licht der Welt, als in der öffentlichen Debatte den Video Nasties und anderen Produkten der Popkultur vorgeworfen wurde, die Verrohung der Jugend zu befördern und gar zu Verbrechen in der realen Welt anzustiften. In ihrem Langfilm-Regiedebüt »Censor« beschäftigt sie sich dennoch mit den Vorgängen von damals.

Bailey-Bonds Protagonistin Enid (Niamh Algar) muss als Mitarbeiterin der nationalen Zensurbehörde täglich die abstoßendsten Filme betrachten und über die Zensurmaßnahmen entscheiden. Nach einer Mordserie sieht sich Enid dem Vorwurf ausgesetzt, sie habe einen Film freigegeben, der dem Mörder offenbar als Vorlage diente, und sei damit mitschuldig an den realen Verbrechen. Zugleich kämpft sie mit einem persönlichen Trauma, nämlich dem Verschwinden ihrer Schwester vor vielen Jahren. In einer Schauspielerin, die sie in mehreren Horrorfilmen sieht, erblickt sie die verschollene Schwester und macht sich schließlich auf die Suche nach ihr. Dabei gerät die als beflissene und ganz und gar graumäusige Bürokratin gezeichnete Enid zusehends in einen Strudel des Wahns, und die Grenzen zwischen Horrorfilmwelt und Realität beginnen zu verschwimmen.

Prano Bailey-Bonds erschafft eine vollkommen depressive Welt. Ihre Protagonistin ist besessen von der Idee, ihre Schwester wiederfinden zu können, muss sich unterdessen von dem Filmproduzenten Doug Smart (Michael Smiley) nicht nur sexistische Anmache gefallen lassen, sondern sich schließlich auch eines Vergewaltigungsversuchs erwehren, wobei sie ihn versehentlich tötet. Enids Depression spiegelt sich in der Tristheit ihrer Umgebung - und Erlösung kann sie nur im Wahn, in der Fiktion finden. Dafür muss sie aber zunächst das Filmset, an dem die vermeintliche Schwester arbeitet, und später die erzählte Welt eines Horrorfilms betreten, was nur möglich ist, indem sie selbst zur Mörderin und damit zur Figur wird. Diesen Übergang der diegetischen Ebenen inszeniert Baily-Bonds überaus elegant, überhaupt ist der Film ein kleines filigranes Wunderwerk. So wurden beispielsweise die Szenen des angeblichen 80er-Jahre-Horrorfilms »Don’t go in the Church« so »originalgetreu« gedreht, dass man ihnen jederzeit ihr vorgebliches Alter abnimmt.

Der Film ist aber vor allem ein ironischer Kommentar auf die Diskurse der 80er Jahre. Denn wo von den Thatcher-Konservativen Horrorfilme für eine angebliche Verrohung der Gesellschaft verantwortlich gemacht wurden, waren Sexismen und gewaltsame Übergriffe auf Frauen in der ganz realen Welt genauso an der Tagesordnung wie der Angriff auf Gewerkschaften und soziale Sicherungsstandards. Die Fokussierung auf die angebliche popkulturelle Verrohung lenkte also effektiv davon ab, wo die wirklichen Angriffe auf soziale Errungenschaften stattfanden und wo der Konservativismus selbst Gewaltverhältnisse deckte und verteidigte.

Gleichzeitig ist die Vorstellung, die Konsumenten von Horrorfilmen fühlten sich von dem, was sie sehen, reihenweise aufgefordert, tatsächliche Gewaltverbrechen zu verüben, absurd. Baily-Bonds lässt ihre Heldin auch nicht »in der realen Welt« die erzählte Welt nachspielen, sondern im Gegenteil: Enid trägt ihren realen Wahn, ihre reale Besessenheit »in die erzählte Welt«, um dort ihre Rachefantasien ausleben zu können. Wo diese Welt zunächst noch als fiktionale gekennzeichnet ist - wir sehen den Regisseur und sein Filmteam bei der Arbeit -, verschwindet dieser Marker der Realität schließlich, und Enid »übernimmt« nicht nur die erzählte Geschichte des Films im Film, sondern in letzter Instanz auch die des Films »Censor« selbst.

»Censor«: Vereinigtes Königreich 2021. Regie: Prano Bailey-Bond. Termine: 14.6., 21.45 Uhr, Freiluftkino Friedrichshain; 16.6., 21.45 Uhr, Freilichtbühne Weißensee.

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