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  • 80 Jahre Überfall auf die Sowjetunion

Das vergessene Morden am Dnjestr

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion begann der rumänische Holocaust in Transnistrien. Der Völkermord ist weitgehend unbekannt

Ein jüdischer Mann während des rumänischen Holocaust-Gedenktags 2015
Ein jüdischer Mann während des rumänischen Holocaust-Gedenktags 2015

Sie hatten nur wenige Panzer, setzten noch auf die Kavallerie und waren schlecht ausgerüstet: Als die Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, drangen am südlichsten Abschnitt der Ostfront mit den Deutschen auch zwei rumänische Armeen auf sowjetisches Territorium vor - insgesamt etwa 600 000 Soldaten.

Für Rumäniens Diktator Ion Antonescu war dies die ersehnte Stunde der Revanche: Der mit harter Hand regierende General wollte schleunigst die Landstriche Bessarabien und Nordbukowina zurückerobern, die Bukarest ein Jahr zuvor nach einem Ultimatum an die Sowjetunion abtreten musste. Viele national gesinnte Rumänen waren über Stalins Erpressung empört und unterstützten die Kriegspolitik Antonescus, der sein Land im Glauben an Hitlers kurz bevorstehenden Sieg an das Deutsche Reich kettete.

Aber der glühende Antisemit und Ultranationalist verfolgte noch ein weiteres Ziel: Rumänien solle »ethnisch rein und homogen« werden. Für Juden, Minderheiten, Sinti und Roma war im künftigen Rumänien kein Platz vorgesehen. Der Krieg gegen die Sowjetunion gab Antonescu die Chance, diese mörderischen Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen.

Noch während des laufenden Vormarschs in der Bukowina und Bessarabien begannen rumänische Soldaten, Gendarmerie und Spezialeinheiten mit der Vertreibung und Ermordung Zehntausender Juden. Bereits am 29. Juni 1941 kam es dabei in der Stadt Jassy zum größten Pogrom der rumänischen Geschichte, als Militärs in der örtlichen Polizeikommandantur mehr als 13 000 Juden erschlugen und erschossen. Das Verbrechen war zu diesem Zeitpunkt auch die größte einzelne Vernichtungsaktion im deutschen Einflussbereich.

Doch Jassy war nur der Auftakt: Zum infernalischen Schauplatz des rumänischen Holocausts wurde Transnistrien, ein dünn besiedelter Landstrich zwischen Dnjestr und Bug, den Antonescu nach dem Erreichen seiner Kriegsziele mit Hitlers Einverständnis besetzte. Das Gebiet liegt etwas weiter östlich als die seit 1990 von Moldau abtrünnige Region Pridnestrowje, die in der westlichen Presse als Transnistrien bekannt ist.

Im August 1941 errichtete Antonescu in dem Land zwischen den Flüssen das rumänische Verwaltungsgebiet Transnistrien, das Bukarest nie offiziell annektierte. Hauptstadt wurde die ukrainische Metropole Odessa. Nach Transnistrien ließ der rumänische Diktator die verbleibenden Juden der Bukowina und Bessarabiens ausweisen. »Es ist mir gleichgültig, ob wir als Barbaren in die Geschichte eingehen«, erklärte ein Stellvertreter Antonescus zu den Deportationsplänen seines Vorgesetzten. »Jetzt ist der günstigste Augenblick unserer Geschichte gekommen. Wenn es notwendig sein sollte, feuert mit Maschinengewehren!«

Im Hochsommer, bei glühender Hitze trieben rumänische Soldaten die verbleibenden Juden der Region - aber auch aus dem rumänischen Kernland - in langen Kolonnen zu Fuß in das neue rumänische Verwaltungsgebiet. Tausende starben an den Strapazen und wegen der Schikanen, an denen sich Nachfahren deutscher Siedler aus der Region beteiligten. Leichenberge säumten die Wegesränder.

Nur junge und kräftige Menschen überlebten die Qualen zunächst und erreichten Transnistrien. Doch dort war nichts vorbereitet. Die Neuankömmlinge wurden ohne Nahrung und medizinische Versorgung unter schlimmsten Bedingungen in Ghettos gepfercht und sich selbst überlassen. Die hygienischen Zustände waren katastrophal, Krankheiten grassierten, mehr als 100 000 Menschen starben. Historiker sprachen später von einem »Holocaust durch Unterlassung«.

Auch wiederkehrenden Pogromen fielen viele Menschen zum Opfer. Tragischer Höhepunkt der orchestrierten Mordaktionen war das Massaker von Odessa, bei dem in der Nacht zum 23. Oktober 1941 mehr als 30 000 Frauen, Kinder und Zivilisten in einer Baracke am Stadtrand bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Zuvor war im rumänischen Hauptquartier eine Bombe explodiert.

Antonescus Judenverfolgung ließ ab 1942 etwas nach - wahrscheinlich wegen der deutschen Niederlage in Stalingrad. Insgesamt wurden nach Schätzungen von Historikern in Gebieten unter rumänischer Kontrolle etwa 400 000 Juden ermordet.

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