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All die klugen Bücher helfen mir hier nicht weiter

Vor meinen Augen gehen die Eltern kaputt, doch Linke kommen nur in meiner Welt vor – nicht in ihrer

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 16 Min.

Ein paar Tage Urlaub an der Ostsee, meine Eltern und ich. Wir versuchen, die Zeit zu genießen - doch etwas durchbricht die kurzweilige Idylle zwischen Fischbrötchen, Möwengeschrei und Strandmuscheln. Mein Vater hat mittlerweile große Schmerzen beim Laufen und isst nur noch wenig. Seine Schultern sind eingefallen, seine Augen zusammengekniffen, sein Schweigen ist die Regel. Die meiste Zeit verbringt er zusammengesunken im Hotelzimmer vor dem Fernseher, während ich mit meiner Mutter Ausflüge unternehme. Sie hat wenige Freunde und will auch mal wieder etwas erleben.

Mein Vater ist gerade mal 61. Er hat noch fünf bis sechs Jahre bis zur gesetzlichen Rente vor sich. Nach bürgerlichen Maßstäben und dem Stand der Medizin ist er eigentlich noch nicht so alt. Ich habe trotzdem Angst, dass er es nicht mehr bis zur Rente packt, mit seinem kaputten Körper, seiner Erschöpfung, seiner Lohnarbeit.

Jahrelang hatte mein Vater auf die eindringlichen Warnungen von mir und meiner Mutter mit Relativierungen geantwortet. »Alles gut«, sagte er immer wieder, auch wenn offensichtlich nichts gut war. Seine Worte sind nicht nur einem zerstörerischen Männlichkeitsideal, sondern auch einem Verantwortungsgefühl gegenüber seiner Familie geschuldet.

In diesem Urlaub relativiert er nicht. »Ich habe kein Bock mehr«, sagt mir mein Vater in einer ruhigen Minute, rauchend auf dem Balkon, und meint damit seinen Job als Verkäufer im Einzelhandel - er trägt, baut auf, baut ab, berät, verräumt, bestellt, kontrolliert das Lager, arbeitet an der Kasse, immer viel in Bewegung. »Ich habe keine Kraft mehr«, sagt mir später meine Mutter beim Spazierengehen und meint damit das Zusammenleben mit meinem Vater. Ich denke, dass sich meine Eltern nach rund drei Jahrzehnten Ehe noch lieben, doch die Bürden, die beide unabhängig voneinander und auch gemeinsam tragen, sind schwer. Mit ansehen zu müssen, wie ein Mensch, den man liebt, in Zeitlupe vor einem verblasst, sich nur noch durch das Leben schleppt, kaputt ist und fortlaufend kaputt gemacht wird, vermeintlich resigniert hat für sich und vor den kranken Zuständen im Kleinen und Großen - das ist außerordentlich anstrengend. Und macht wütend. Meine Mutter richtet ihre Wut vornehmlich auf die Unfähigkeit meines Vaters, sich um sich selbst zu kümmern. Ich richte sie vornehmlich auf die Zustände, die ihm die Kraft und Möglichkeit dafür nehmen.

Entgrenzung

Ich kann meine Mutter verstehen. Es ist nicht der erste Urlaub, der so verläuft. Vor nicht allzu langer Zeit waren meine Eltern auf einer Minikreuzfahrt, am Geburtstag meiner Mutter lag mein Vater mit Bauchkrämpfen in der Kabine, ihr Tagesausflug fiel aus. Ich erfuhr das alles per SMS. Wenn mein Vater nicht drum herum kommt, mal mit uns in ein Restaurant zu gehen, dann verdeckt er sein nicht gegessenes Essen mit einer Serviette. Die anderen Gäste sollen es nicht merken. Der Stress der Lohnarbeit hat seinen Magen zerstört.

Wenn ich meinen Vater sehe, dann sehe ich nicht nur, aber auch drei Jahrzehnte kapitalistische Zurichtung und Disziplinierung. Die vor allem über die Verbreitung von Angst funktionierende Gewalt, die ihm angetan wurde und wird, lässt sich wie ein roter Faden in die Vergangenheit zurückverfolgen.

Meine Eltern hatten sich kurz vor dem Ende der DDR in einer Mähdrescherfabrik in Sachsen kennengelernt. Nach der Wende verlor der Osten seine Industrie, beide verloren ihre Arbeit und die Plattenbauten, in denen wir lebten, ihren guten Ruf. Ich war noch klein, meine Eltern entschieden sich gegen ein zweites Kind. Nach Jahren der Ungewissheit fanden beide feste Anstellungen, nicht allen in meiner erweiterten Familie war das vergönnt. Meine Mutter landete in einer kleinen Büroniederlassung eines westdeutschen Mittelstandsbetriebes, mein Vater in einem neu eröffneten Supermarkt am Stadtrand. Es waren keine Orte der Selbstverwirklichung, aber sie brachten zumindest etwas Sicherheit. Die Leute waren damals froh, »wenn sie was hatten«, und machten keinen Ärger. Ihnen wurde von oben eingebläut, dankbar zu sein. Den anderen gehe es ja noch schlechter.

Die ersten Jahre im Supermarkt scheinen den Erzählungen meines Vaters zufolge auch noch halbwegs in Ordnung gewesen zu sein. Es gab Weihnachtsfeiern, Kolleg*innen besuchten einander, mein Vater hatte gute Laune. Im Hort war ich oft das letzte Kind, das abgeholt wurde, aber was soll’s - dafür spielte mein Paps im Kindergarten auch mal den Weihnachtsmann. Und als er die Spielzeugabteilung betreute, fiel auch mal ein Ausstellungsstück für mich ab.

Unter der rot-grünen Bundesregierung wurde im Jahr 2000 dann die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge im Einzelhandel aufgehoben - Preiskrieg, Lohndumping und Kostenwettbewerb waren die neuen Schlagworte in der Branche. Einige Zeit danach begann es auch bei meinem Vater schrittweise härter zu werden. Extrazahlungen strich man zusammen, die Kolleg*innen wurden weniger, die Stimmung gereizter. Die Arbeitsverdichtung höher, die pseudomodernen Managementmaßnahmen undurchsichtiger, die Überstunden häufiger. Die Schichtarbeit kostete mehr und mehr Energie.

Mein Vater bekam bestimmte Bereiche zugewiesen, für die er verantwortlich war, doch die Aufgaben waren in der regulären Arbeitszeit nicht zu schaffen. Als Jugendlicher half ich ihm mehrmals kurz vor Dienstschluss aus, räumte für ihn Turnschuhe weg, damit er pünktlich nach Hause kommen konnte. Mit fortschreitendem Alter merkte ich, wie sein Lachen schrittweise abnahm - zumindest bilde ich mir das rückblickend ein. Eigentlich ist er ein humorvoller Typ. Vor der Familie wollte er stark sein, über Sorgen sprach er nicht.

In der warmen Sprache der Herzen - Nach Absegnung des Wahlprogramms will die Linke nun »auf Augenhöhe« mit den Bürgern um Stimmen und neue Mitstreiter kämpfen.

Die Entgrenzung seiner Arbeitszeiten nahm für uns teilweise absurde Züge an: Um Geld zu sparen, kündigte sein Markt irgendwann den Sicherheitsdienst. Fortan sollten einige normale Mitarbeiter*innen nachts in Bereitschaft warten und die Filiale kontrollieren, falls ein Notalarm ertönt - er bekam dafür extra einen Pieper. Es war gar nicht so selten, dass dieser läutete. Ich glaube, es war ein Weihnachtsfest, mein Vater musste dreimal den Markt kontrollieren fahren - jedes Mal handelte es sich um einen Fehlalarm. Die finanzielle Entschädigung für den Bereitschaftsdienst war ein Witz, doch meinem Vater und seinen Kolleg*innen wurde vermittelt, dass es in ihrem Interesse sei, nicht abzulehnen. Für den Markt ging es vermutlich nur um einige Tausend Euro. Bei uns in der Familie hatte sein zusätzlicher Bereitschaftsdienst an vielen Wochenenden verhindert, dass wir etwas unternehmen konnten, dazu bekam er Schlafprobleme.

Bitte lächeln

Ich empfand als Jugendlicher die Zustände als ungerecht, aber nahm sie wie meine Eltern weitestgehend hin. Dafür gibt es einen Trick: Meinem Vater und meiner Mutter wurde permanent vermittelt, dass ihre Jobs nicht sicher seien - ihre Arbeitsverhältnisse wären sozusagen eine Gnade, und ihre Gewährung könne jederzeit zurückgenommen werden. Jegliches Aufbegehren hatte und hat es schwer, gegen diese totale Verunsicherung, diese Angst vor Statusverlust und Armut anzukommen. Für uns blieb klar: Lohnarbeit ist die Zeit, die nervt. Die freie Zeit zu Hause, das sind die wertvollen Momente, in denen man sein kann, wie man ist. Und die Familie hält zusammen.

Fortan wurde es jedoch mit jedem Jahr schlimmer. Und die Chefs wurden dreister. Mein Vater ist ein sehr friedfertiger Mensch, aber in zwei Momenten - so erinnere ich mich heute - war selbst ihm der Kragen geplatzt: Einmal ließen die Chefs alle Mitarbeiter*innen versammeln. Ein von der Marktleitung beauftragter Arbeitspsychologe erklärte dann der überarbeiteten Belegschaft, dass die wahren Gründe ihrer Überarbeitung in schlechter Ernährung, zu viel Alkohol und Zugluft lägen. Jede*r bekam ein modern designtes Heft mit Bildern lächelnder Menschen, in dem das auch nochmal als Text mit Grafiken stand. Diese Broschüre habe ich bis heute aufgehoben. Ein andermal wurde mein Vater nach einem harten Arbeitstag vom Chef ermahnt, dass er doch die Kund*innen mehr anlächeln sollte. Ich hatte ihn selten so aufgewühlt erlebt.

Die Situation verschlechterte sich weiter - langsam, aber stetig. Vor wenigen Jahren hatte mein Vater dann seinen Burn-out. Auf eine zynische Art hatten wir es fast erwartet. Körperliche Beschwerden trafen auf totale Erschöpfung. Er blieb mehr als ein halbes Jahr zu Hause, hatte mehrere Operationen und Untersuchungen. Dazwischen monatelanges Warten auf Arzttermine, immer wieder Schmerzen, Fernseher, Schweigen, Rückzug, Depression - wobei letztere als konkret eingrenzbarer Zeitraum nur schwer zu fassen ist. Mir fiel an seinem Beispiel auf, wie schwer es ist, bestimmte medizinische Behandlungen zu bekommen, wenn man sie nicht mit Nachdruck gegenüber Krankenkassen und Ärzt*innen einfordert. Die Marktleitung verpasste ihm in dieser Zeit dazu noch zwei Abmahnungen wegen Nichtigkeiten, hauptsächlich weil er seine Arbeitsaufgaben nicht geschafft haben sollte. Der absurde Vorwurf hätte wohl vor keinem Arbeitsgericht Bestand gehabt, aber wer soll in dieser Phase die Kraft zum Klagen finden. Er war offiziell angezählt. Wir hielten als Familie zusammen - wobei den Löwenanteil der Sorgearbeit meine Mutter trug. Ich lebte bereits in einer anderen Stadt, konnte nur manchmal da sein. An schlechtes Gewissen kann man sich nicht gewöhnen.

Mein Vater war weder der erste noch der letzte, der in seinem Markt einen Burn-out erlitten hatte. Nach seiner stufenweisen Rückkehr mit dem Hamburger Modell war er einige Monate in der Telefonzentrale, zuletzt musste er häufiger an der Kasse arbeiten. Hier finden sich auch die Kolleg*innen, die nicht mehr so viel Energie zum Laufen und Tragen haben. Die monotone Tätigkeit ist für ihn mit Scham und weiterer Entfremdung verbunden. Bei den anderen Aufgaben konnte er noch etwas selbstbestimmter und nach seiner Sicht auch kreativer arbeiten.

Auch wenn mein Vater nun wieder zur Lohnarbeit geht - immerhin einige Stunden verkürzt -, so ist er doch nach seinem Burn-out nie mehr richtig gesund geworden. Er ist angeschlagen und müde, hat keine Energie mehr und doch noch fünf bis sechs elendig lange Jahre vor sich. »Ich habe keinen Bock mehr«, ist seine Art, das auszudrücken. Was kann er tun? Die Möglichkeit einer Berufsunfähigkeitsrente ist für ihn mit zu hohen amtlichen Hürden verknüpft - und kratzt dazu auch an seinem Stolz, er will niemandem »auf der Tasche liegen«. Der Arbeitsfetisch der DDR und der BRD hat an dieser Sichtweise keine geringe Schuld. Selbst kündigen zu diesem Zeitpunkt wäre für ihn dagegen mit massiven Renteneinschnitten verbunden - die Angst vor Altersarmut ist bei seinem überschaubaren Gehalt nicht an den Haaren herbeigezogen. Meine Eltern sind aus der Platte weggezogen und wollen nicht mehr zurück. Aufgrund der vermeintlichen Alternativlosigkeit zwingt mein Vater sich, weiter durchzuhalten. Er, meine Mutter und auch ich haben dabei unsere Grenzen längst alle überschritten. All die klugen linken Bücher helfen mir hier nicht weiter.

Rote Abziehbilder

Warum sollte das relevant sein? Ich glaube: weil sich in meiner Ohnmacht gegenüber der Lage meines Vaters auch die derzeitige Unfähigkeit der gesellschaftlichen Linken spiegelt, für die Klasse der Ausgebeuteten und Unterdrückten eine relevante Rolle zu spielen. Im Leben meiner Eltern hat es die ganzen letzten drei Jahrzehnte keine organisierten Solidarstrukturen gegeben, die ihnen bei konkreten Problemen geholfen hätten oder deren Hilfe anzunehmen für sie eine naheliegende Option gewesen wäre. Im Endeffekt waren Freundschaften - sofern man für sie noch Kraft und Zeit hatte - sowie letztlich die Familie für das Aushalten und Kompensieren der kapitalistischen Zustände verantwortlich. Mit den realen - und wenigen - fortschrittlichen Kräften in ihrer Wohngegend gab es keine gegenseitigen Bezüge. Linke kamen - bis auf mich - im Leben meiner Eltern nicht vor. Sie kennen Linke oder »die Roten«, wie die Alten abschätzig sagen, nur als Abziehbilder: als wenig begeisternde Erinnerung an Graumäntel aus der DDR; aus den Nachrichten, wenn Bilder von rennenden Vermummten in Connewitz ohne weitere Erklärung auf dem Bildschirm flackern; wenn linke Profi-Politiker*innen bei Talkshows sprechen.

Die Vorstellung, was es bedeutet, kollektiv etwas zu gewinnen, ist ihnen nicht präsent, 1989 ist nur ein vergangener, ambivalenter Mythos. Die Möglichkeit, dass man heute etwas kollektiv gewinnen könnte, halten sie für nicht realistisch. Die Ungerechtigkeit des realen Kapitalismus ist ihnen verbindlicher und verlässlicher als die diffuse Hoffnung einer emanzipatorischen Gesellschaftsalternative oder eines heroischen, symbolischen Widerstandes. Sie sind pragmatisch. Die Arbeitskämpfe der 1990er Jahre im Osten oder die Hartz-IV-Proteste spielen in ihrem Bewusstsein keine große Rolle. Ich denke, sie waren in jenen Zeiten mehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Sie haben dennoch verinnerlicht, dass man verloren hatte, so wie immer. Für sie macht es keinen Sinn, sich an Niederlagen zu erinnern, so kämpferisch einige Auseinandersetzungen auch waren. Die DDR wollen sie nicht zurück, über den Zustand der BRD machen sie sich keine Illusionen, die EU sehen sie als die kapitalistische Interessengemeinschaft, die sie ist.

Es ist kein Wunder, dass im Milieu meiner Eltern einige mit der AfD liebäugeln. Die Rechtsaußenpartei verspricht ihnen Selbstwirksamkeit, also von den Mächtigen ernst genommen zu werden. Die autoritären Geländegewinne der vergangenen Jahre brachten selbst die Aufgeschlossenen dazu, an ihrer eigenen Humanität zu zweifeln. Diejenigen, die schon vorher Rassist*innen waren, trugen nun voller Stolz und Genugtuung ihre Einstellungen vor sich her. Viele von uns jungen Linken waren gegangen, das hat die Auseinandersetzungen schwieriger gemacht. Ein Treffen alle paar Wochen kann nur bedingt das Kippen von ganzen Stadtvierteln und Betrieben kompensieren - ist aber auch besser als nichts.

Mein Vater ist dagegen zwar ein hadernder, aber doch ein »Bauchlinker« - einer der wenigen, die geblieben sind. Er weiß, wer ihn ausbeutet und warum. Gegenüber Gewerkschaften und Parteien hegt er dennoch ein tiefes Misstrauen - es ist ihm kaum zu verübeln, haben doch weder Gewerkschaften noch Parteien in Sachsen in den letzten Jahren große Erfolge vorzuweisen - die NGG ausgenommen, ich erzähle ihm immer wieder davon - oder sein Leben konkret verbessern können. Seine Branchengewerkschaft schon gar nicht. Nach 30 Jahren Abwehrkämpfen unterliegen gerade mal 20 Prozent der Einzelhandelsbeschäftigen im Osten einer Tarifbindung, der zweitniedrigste Wert aller Branchen.

Doch es ist mehr als das. Wenn mein Vater in den Medien die Funktionäre sieht, dann sieht er niemanden von »seinen« Leuten. Das wachsende Dienstleistungsproletariat, dem er angehört, verfügt kaum über Repräsentant*innen in der Öffentlichkeit. Die körperliche, materielle Arbeit ist nicht nur ökonomisch und gesellschaftlich entwertet, sie hat auch kaum jemanden, der sichtbar und überzeugend für sie kämpft. Mir ist klar, dass dies einige Teile der Linkspartei, der SPD und selbst der außerparlamentarischen Linken gerne würden - doch es gelingt ihnen nur schlecht. Was an vermeintlicher Spiegelung bleibt, sind die elenden, diskriminierenden Karikaturen des Privatfernsehens, die Geschichten der (ostdeutschen) »Prolls« und Hartz-IV-Empfänger*innen. Meine Eltern verstehen die Absurdität der verzerrten Bilder. Die Funktion der Disziplinierung erfüllen sie trotzdem.

Wie soll ohne Kämpfe, ohne sichtbare Vorbilder und ohne Idee für die eigene Rolle eine kämpferische Kollektividentität entstehen? Mein Vater sieht sich nicht als Arbeiter. Meine Eltern bestehen darauf, dass sie zum Mittelstand gehören. Die kapitalistische Ideologie hat es geschafft, dass für viele aus ihrem Milieu »Arbeiter« gleichbedeutend mit »ungebildetem Verlierer« ist. Ein »Arbeiter« hat es demnach noch nicht geschafft, so gut zu verdienen wie die weiter oben. Er bringt zu wenig oder die falsche Leistung. Mittelstand bedeutet dagegen ökonomische Sicherheit, Kultur, Möglichkeiten und Erfolg. Den Zustand des »Arbeiters« will man so schnell wie möglich hinter sich lassen, denn wer viel arbeitet, aber wenig verdient, gilt als nicht clever oder hat schlechte Entscheidungen getroffen.

Heimliche Freude

Meine Eltern wissen nichts von linken Debatten wie der um neue Klassenpolitik. Sie denken, dass sich »altmodische Linke« immer noch an den (männlichen) Stahl- und Fabrikarbeitern des 20. Jahrhundert orientieren und »moderne Linke« an Kämpfen außerhalb der Lohnarbeit. Für sie, ihren Lebensstil und ihre Berufe scheint da kein Platz. Die Kolleg*innen meines Vaters sehen sich wiederum in erster Linie auch nicht als Kampfgemeinschaft, sondern als Leidensgemeinschaft. Der Großteil von ihnen erkennt keinen Weg, etwas Reales innerhalb der Strukturen mit vertretbarem Risiko zu gewinnen - wer kann und es sich traut, der kündigt. Mittlerweile ist auch meine letzte Hoffnung, dass mein Vater so schnell wie möglich seinen Beruf verlassen kann.

Und vermutlich würde ihm das gar nicht mal so leicht fallen. Es mag paradox klingen: Mein Vater hasst seine Lohnarbeit und ist doch gleichzeitig stolz auf das, was er leistet. In diesem Stolz - der nicht selten mit einer ostdeutschen Identität verwoben ist - schimmert immer wieder auch etwas Widerständiges durch. Und wenn es drauf ankommt, erkennt mein Vater dabei seinesgleichen. Nicht nur im privaten Umfeld. Als die ausgebeutete Klasse in Griechenland 2015 während des Referendums und in Frankreich 2018 mit der Gelbwestenbewegung auf die Bühne der Geschichte trat, zeigte er nach meiner Erinnerung wenn auch wenig Hoffnung, so doch zumindest heimliche Freude. Zudem muss ich anerkennen, dass er die Gründung von »Aufstehen« interessiert verfolgt hatte. Für seine Verhältnisse war das viel. Er mochte, dass sich hier Musikerinnen engagierten, die er als junger Mann gehört hatte. Trotz aller berechtigten inhaltlichen und organisatorischen Kritik haben sie es zumindest geschafft, ihn neugierig zu machen.

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Es ist schwer, aber nicht unmöglich, zu ihm durchzudringen. Die vergangenen Jahrzehnte haben jedoch einen hohen Schutzwall an Resignation, Zynismus und Fatalismus entstehen lassen. Es bräuchte wohl langfristiges und ernstgemeintes Engagement vor Ort, starke öffentliche Identifikationsfiguren, ehrliche Debatten ohne Paternalismus und Belehrung, sichtbare kleine und große Erfolge und vor allem eine aufsuchende, niedrigschwellige Ansprache »seiner Leute«, um das aufzubrechen. Dem Milieu meines Vaters hat man jahrelang von oben Scham und Zurückhaltung eingehämmert. Die so unterdrückte Wut richtet sich bei den einen nach unten - die anderen fressen sie in sich hinein. Mein Vater wäre vermutlich nicht der erste, der für Protest auf die Straße geht. Aber wenn ein konkretes Ventil für eine fortschrittliche Kanalisierung seiner Wut gegeben wäre, hätte man schon einiges geschafft.

Vorerst jedoch wird diese Gesellschaft meinem Vater weiter die Rolle des Unsichtbaren aufzwingen. Er soll keine Ansprüche stellen, den Gürtel enger schnallen, leise und gründlich seine Arbeit verrichten und vor allem dabei nicht stören. Für seine Chefs ist er primär ein Kostenfaktor, für seinen Vermieter ein Hindernis zum Verkauf, für die Kulturindustrie Konsument wie Fremdkörper. Diese Gesellschaft ist nicht nach seinen Bedürfnissen ausgerichtet, und das wird ihm jeden Tag gezeigt. Mein Vater hat immer versucht, der geforderten Unsichtbarkeit gemäß zu leben, um seiner Familie in beschissenen Zeiten Sicherheit zu geben. Sie zu verinnerlichen. Irgendwann kam er nicht mehr aus den gefühlten wie realen Zwängen des Systems heraus. Dass er an dieser Rolle, an diesem Zwang nun zugrunde zu gehen droht und meine Mutter mitreißt; dass Menschen wie sie und er dem Großteil Deutschlands scheißegal sind, weil sie selbstverständlich sind; dass sie anstatt eines Lebens in Würde nur Ignoranz und ab und zu Applaus bekommen - das macht mich unglaublich wütend.

Dieser Wut versuche ich hier, beim gemeinsamen Urlaub an der Ostsee, am Strand mit den Möwen, nicht zu viel Raum zu geben. Die Ablenkung von unserem Alltag ist gerade wichtiger, ohne schöne Momente ab und an geht es nicht. Auf ein paar Türen versuche ich dennoch zu zeigen - muss dabei aber auch feststellen, dass meine Möglichkeiten, als Einzelner, beschränkt sind. Ich bewundere die Kraft meiner Eltern, das alles durchzustehen.

Dieser Artikel erschien zuerst in »analyse und kritik« Nr. 672.

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