Alpine Fußballmächte beim europäischen Bergfest

ZIRKUS EUROPA wirft einen Blick in die EM-Historie

  • Von Sven Goldmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Von Schnee umgeben in alpiner Höhe: So kickt man schonmal in der Schweiz.
Von Schnee umgeben in alpiner Höhe: So kickt man schonmal in der Schweiz.

Die Hälfte der Europameisterschaft ist passé, was sich schön fügt in die Feststellung, wie stolz die alpinen Fußballmächte Schweiz und Österreich dieses, nun ja, Bergfest feiern. Zusammen haben sie die K.-o.-Runde erreicht, zum ersten Mal bei einem großen Turnier seit der WM 1954. Die Achtelfinalansetzungen Italien - Österreich und Frankreich - Schweiz legen die Prognose nahe, dass es viel weiter wohl nicht gehen wird bei dieser über ganz Europa verstreuten Meisterschaft. Aber auch das ist ein schöner Erfolg. Erst recht, wenn man ein paar Jahre zurückblickt in den Sommer 2008, als die Schweiz und Österreich das Turnier zusammen ausgerichtet haben.

Beide waren sie vorzügliche Gastgeber, die ihre Gäste mit perfektem Sommerwetter bedachten und mit reichlich Punkten, denn die sportlichen Ambitionen waren doch eher bescheiden. Sinnbildlich dafür stand die Schweizer Niederlage im Eröffnungsspiel von Basel gegen Tschechien. Im Interregio nach Zürich fragte ein kleines Mädchen die still vor sich hin leidenden Eltern, ob sie es denn nicht mal mit einem kleineren Gegner versuchen sollten: »Vielleicht mit Liechtenstein?«

Ein paar Tage später verloren die Schweizer auch ihr zweites Spiel gegen die Türkei und sagten damit als erste Mannschaft überhaupt dem Turnier »Uf Wiederluege«, aber das war schnell vergessen. Mitten in die Depression hinein platzte die niederländische Invasion. Bern zählt knapp 130 000 Einwohner, und über Nacht waren sie eine Minderheit in der eigenen Stadt. 150 000 Zugezogene in orangefarbenen Leibchen feierten sich selbst, Europa - und ihre Gastgeber.

Die Schweizer adoptierten spontan eine neue Mannschaft. Biedere Geschäftsleute trugen orangene Schlipse und die Polizisten entsprechende Mützen. Die »Berner Zeitung« widmete sich täglich mit Hingabe völlig neuen Problemen, etwa wie viele Hektoliter Kaffee die Chefin auf dem Campingplatz Dieterswil Tag für Tag für ihre Gäste aufbrühte. Nach Siegen über Italien, Frankreich und Rumänien waren die Schweizer zuversichtlich, den neuen Europameister zu beherbergen. Bis dann im Viertelfinale die neureichen Russen kamen und die Niederländer aus der EM kickten. Worauf Bern wieder zur gediegenen Stadt wurde und die lokale Zeitung auf ihrer Titelseite den Finanz- und Lastenausgleich zwischen Stadt und Speckgürtel abhandeln durfte.

Der Co-Gastgeber Österreich hatte zwar keine zweite Herzensmannschaft, aber den alten Lieblingsfeind zu Gast. Auch Team Austria verabschiedete sich weitgehend chancenlos schon in der Vorrunde, durfte dabei aber bis zum Schluss auf eine Wende zum Guten hoffen. Auf einen Sieg im letzten Vorrundenspiel gegen die ungeliebten Deutschen. Gesetzte Damen zwängten sich in rot-weiß-rote Trikots, und Textilfabrikanten verdienten sich dumm und dämlich an Hemden, die ein zweites Córdoba ankündigten, Reminiszenz an einen Sieg über die Deutschen bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien.

Daraus wurde nichts, aber allein die Hoffnung darauf berauschte das Land für einige Tage. Am Ende mussten sich die Österreicher damit zufriedengeben, dass die Piefkes später dann nicht auch noch im Wiener Prater das Finale gegen Spanien gewannen.

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