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Mein Freund, der Nazi

Wenn sich die Deutschen wieder liebhaben, dann dürfen die Ausländer am Straßenrand stehen und winken: Juli Zehs neuer Erfolgsroman »Über Menschen«

  • Von Michael Bittner
  • Lesedauer: 4 Min.

Juli Zehs neuer Roman »Über Menschen« ist ein Bestseller. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum das so ist. Es gelingt ihr, aktuelle Debatten um Corona und den Rechtsradikalismus im Osten in Beziehungsverhältnisse zwischen glaubhaften Figuren zu übersetzen. Sie schreibt einen leicht konsumierbaren Feuilletonstil, der Lesende nicht mit sprachlichen Hindernissen belästigt. Der Plot folgt einer Lehrbuch-Dramaturgie, die nach Verfilmung ruft. Die Protagonistin des Romans ist außerdem noch so freundlich, nie einfach nur zu handeln - stets bedenkt und erläutert sie ihr Tun, als hätte sie über jeden Schritt ihres Lebens einen Leitartikel für »Die Zeit« zu schreiben.

Dora, als Arzttochter in einem Vorort von Münster aufgewachsen, ist eine erfolgreiche Werbetexterin in Berlin. Für das Label »FAIRKleidung« entwickelt sie eine Werbekampagne mit dem Slogan »Gutmensch«. In einer schmucken Wohnung lebt sie mit ihrem Freund Robert, der ebenso wie sie brav die Grünen wählt. Alles scheint wunderbar, doch Dora wird das Gefühl nicht los, ihr Job könnte »sinnlos« sein. Außerdem dreht Robert langsam durch: Er verfällt dem Zauber von Greta Thunberg und entwickelt sich zum Klimaapokalyptiker, der durch persönliche Askese und missionarischen Eifer die Welt retten will. Dann kommt auch noch die Corona-Pandemie, die Robert zum Lockdown-Fanatiker macht, der schließlich sogar Dora in der Wohnung einsperren will. Dass die junge Frau, die skeptischer ist und alles etwas gelassener sieht, vor dieser Karikatur eines Ökolinken fliehen muss, ist verständlich.

Heimlich hat sich Dora für alle Fälle mit dem Erbe ihrer toten Mutter schon ein leerstehendes Haus in Brandenburg gekauft. Sie zieht überstürzt in die Prignitz und versucht auf eigene Faust, das Gebäude zu renovieren und den Garten zu bestellen. Sie genießt die körperliche Arbeit ebenso wie das Gefühl, endlich wieder unter »normalen« Leuten zu sein. Die helfen ihr auch sofort, denn auf dem Dorf ist die Welt noch in Ordnung. Aber doch nicht ganz: Nachbarin Sadie, die als Schichtarbeiterin schuftet, macht sie mit der »geheimen Unterseite der Nation« vertraut. Dora ist erschüttert und empört: »Kaum zu glauben, dass sich ein stinkreiches Land Regionen leistet, in denen es nichts gibt. Keine Ärzte, keine Apotheken, keine Sportvereine, keine Busse, keine Kneipen, keine Kindergärten oder Schulen. Keinen Gemüseladen, keinen Bäcker, keinen Fleischer. Regionen, in denen Rentner nicht von der Rente leben können und junge Frauen Tag und Nacht arbeiten müssen, um ihre Kinder zu versorgen.« Dass es diese Unterseite geben muss, damit privilegierte Töchter auf der Sonnenseite aufwachsen können, kommt Dora aber nicht in den Sinn.

Ein wenig bedenklich scheint nur der Nachbar Gottfried, den alle »Gote« nennen. Er stellt sich erfrischend ehrlich vor: »Ich bin hier der Dorf-Nazi.« Besoffen singt er mit Kameraden das Horst-Wessel-Lied und pöbelt gegen »Arschficker« und portugiesische »Pflanzkanacken«. Früher war Gote auch mal »Linke klatschen« und hatte Spaß bei den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen und anderswo. Seine Frau hat er eingebüßt, weil er nach einem Messerangriff auf einen Linken ins Gefängnis musste. Aber auch er hilft Dora tüchtig, und so freundet sich die Zugezogene mit ihm an. Sie genießt es sogar, endlich einmal echten »Männerschweiß« zu riechen und mit einem richtigen Kerl »Nackensteaks« zu grillen.

Juli Zeh möchte uns mit dieser Geschichte natürlich provozieren, aber es ist eine recht feige Provokation. Gote ist von den Rechten nicht der Schlimmste und hatte bei dem Angriff das Messer gar nicht in der Hand. Er wirkt eher wie ein herzensguter Brummbär, um seine Tochter Franzi kümmert er sich liebevoll. Er hatte es auch schwer im Leben, sein Elternhaus ist inzwischen vom Erdboden verschwunden. Und dann wird er auch noch krank und verdient nur noch Mitleid: »Versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung. Mit einem Mal spielt das keine Rolle mehr. Hier liegt ein Mensch, und Dora freut sich, dass er atmet. Sie streichelt den Nazi-Rücken und den Nazi-Kopf und klopft schließlich vorsichtig auf die Nazi-Wange.« Auch ein Nazi ist ein Mensch. Ein Mähänsch! Wenigstens Sex mit Nazis erspart uns die Autorin.

Die Frage, ob Juli Zeh wirklich genauso dumm ist wie ihre Heldin, ist nicht so wichtig. Der Roman ist auf jeden Fall ein bedeutsames Zeitdokument. Er steht nicht zufällig zur selben Zeit an der Spitze der Bestsellerliste wie Sahra Wagenknechts Abrechnung mit den kosmopolitischen »Lifestyle-Linken« in »Die Selbstgerechten«.

Die Volksgemeinschaft feiert nun nach der Störung durch die »Flüchtlingskrise« ein Fest der nationalen Versöhnung. In Zehs Roman ist es ein feucht-fröhliches Dorffest, bei dem alle Gegensätze zwischen »Ost und West, unten und oben, links und rechts« vergessen sind. Alle Deutschen wollen einander wieder liebhaben, auch die Nazis gehören ja doch irgendwie dazu - im Gegensatz zu den Ausländern, die auch bei Juli Zeh nur einmal kurz am Straßenrand winken dürfen, aber nichts mehr zu sagen haben. Die Leichtigkeit, mit der sich eine arische Bürgertochter mit einem Dorf-Nazi verbrüdert, verrät uns außerdem etwas darüber, auf welcher Seite die Wohlstandsliberalen stehen werden, sollte es im politischen Kampf einmal wieder ernster werden.

Juli Zeh: Über Menschen. Luchterhand, 2021, 416 S. geb., 22 €.

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