Das Erzählwunder

Zum 150. Geburtstag von Marcel Proust erscheinen Briefe und frühe Prosawerke

  • Von Klaus Bellin
  • Lesedauer: 6 Min.
Ein lebenslang Leidender: Marcel Proust
Ein lebenslang Leidender: Marcel Proust

Zum Neujahrstag 1908 erhielt Marcel Proust von Madame Strauss, der Gattin eines Bankiers, fünf Notizbüchlein. Er bedankte sich bei der Freundin, die er seit seinen Schultagen kannte, am 2. Februar für das Geschenk und sprach dabei zum ersten Mal von einer »längeren Arbeit«, die er plane. Da wusste er selber noch nicht, was aus diesem Entschluss werden würde. Vorerst benutzte er die Agenden für Einfälle allerlei Art, für Notizen über Gelesenes, Träume, Namen, Redewendungen, Szenen. Zugleich arbeitete er an einer Studie über den Adel, Essays über Sainte-Beuve und Flaubert und schrieb mehrere kleine Erzählungen, die er aber nicht veröffentlichte und auch niemals erwähnte. Erst 2018 tauchten sie aus dem Archiv eines verstorbenen Forschers, der eine Dissertation über den Schriftsteller schreiben wollte, überraschend auf, wurden publiziert und sorgten im französischen Feuilleton, wo man dachte, bereits wirklich alles von Proust zu kennen, für eine Sensation. Die Sammlung, übersetzt von Bernd Schwibs und vom Suhrkamp-Verlag zum 150. Proust-Geburtstag am 10. Juli in einem besonders schönen Bändchen vorgelegt, erlaubt den Blick auf die Anfänge, die tastenden Schritte eines jungen Mannes bei der Erprobung seiner literarischen Möglichkeiten.

Der große Roman war noch nicht in Sicht. Proust erzählt von Françoise, die in ihrer Wohnung einen Liebesbrief findet und nicht ahnt, dass er von ihrer besten Freundin stammt, oder von einem Hauptmann und einer homoerotischen Begegnung, die folgenlos bleibt. Manches ist nur skizzenhaft hingetupft - halb Essay, halb Etüde -, und dennoch deutet die präzise, poetische Sprache, die Sicherheit, mit der Gefühle seismografisch erfasst werden, schon auf den kommenden Meister. Im Grunde lief bald alles auf die »Recherche« zu, den ausgreifenden und funkelnd dahinströmenden Riesenroman »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«, diese Geschichte eines kränkelnden und dünnhäutigen Erzählers, der Marcel heißt wie sein Autor und sich auf die Suche begibt nach den paradiesischen frühen Jahren, nach den Gerüchen und Begegnungen von einst, dem Gute-Nacht-Kuss der Mutter, den Mädchen am Strand, den Landschaften und Büchern, nach der verlorenen Liebe und all dem Glück, das es nur in der Kindheit gibt.

Eine Ahnung von diesem Buch hatte Proust erst, als er, einigermaßen erholt vom Schock über den Tod seiner Mutter, seit 1906 im ersten Stock eines Hauses am Pariser Boulevard Haussmann lebte, in einer »ausgesprochen hässlichen Wohnung mitten in Staub und Bäumen«, in der Nähe zur Gare Saint-Lazare und zu den großen Kaufhäusern, gepeinigt vom Krach im Haus. Direkt über ihm hatte der amerikanische Zahnarzt Williams seine Praxis, in der die Handwerker ein und aus gingen. Es war laut, und die Umbauarbeiten nahmen kein Ende. Es wurde gehämmert und genagelt, und wenn am Wochenende ein bisschen Ruhe einkehrte, klopfte im Hof jemand Teppiche.

Proust, äußerst lärmempfindlich, wehrte sich. 1910 ließ er, asthmakrank und leidend ein Leben lang, die Wände seines Schlafzimmers, in dem er auch arbeitete, mit Korkplatten ausschlagen. Und er begann mit der Zahnarztgattin einen langen Briefwechsel. Er hatte allen Grund, aus der Haut zu fahren. Aber er zähmte sich, vermied jede Konfrontation, bot stattdessen allen Charme, alle Liebenswürdigkeit, allen Humor auf, auch eine gehörige Portion Ironie, schickte sogar Verse, Blumen, später die ersten beiden Bände seines Romans, um Madame Williams auf seine prekäre Situation aufmerksam zu machen.

Die »Briefe an seine Nachbarin«, drei an den Zahnarzt, 26 an dessen Frau, in der Insel-Bücherei jetzt erstmals auf Deutsch erschienen, sind das köstliche Zeugnis eines geplagten Schriftstellers, der einen enormen Aufwand betrieb, um etwas Ruhe zu finden. »Madame«, schrieb er, »gestatten Sie mir, mich Ihnen und dem Doktor für morgen, Dienstag, wegen des Lärms (zu früher Stunde) in Erinnerung zu bringen.« Ein andermal: »Darf ich morgen um Gnade bitten?« Oder: »Ich war immer der Meinung, Lärm sei erträglich, wenn er stetig ist. Da nachts am Boulevard Haussmann ausgebessert, tagsüber Ihre Wohnung instand gesetzt und zwischendurch der Laden von Nr. 98 b abgerissen wird, ist es wahrscheinlich, dass dann, wenn diese harmonische Mannschaft sich in alle Winde zerstreuen wird, die Stille in meinen Ohren so unnormal klingen wird, dass ich um die verschwundenen Elektriker und den abgereisten Tapezierer weinen (…) werde. Madame, nehmen Sie bitte den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung entgegen.«

Proust lebte inzwischen nur noch für sein Werk. Er war da, um zu schreiben. Endlich den Roman vor Augen, seine Struktur, seine Stimmung, fing er an, Ereignisse, Szenen, Figuren zu sammeln, die darin Aufnahme fanden. Wenn er eine Gesellschaft besuchte, geschah’s nicht mehr ohne Hintergedanken. Eine Begegnung, eine Einladung, ein Konzert wurde mit Blick auf den Roman wahrgenommen, der mit der Zeit immer umfangreicher wurde. Bald war klar, dass das Manuskript in ein einziges Buch nicht passen würde. 1912 war von 700, 800, ja 900 Seiten die Rede, etwas später waren es schon 1250 Seiten. Schließlich blieb keine andere Möglichkeit, als das Werk aufzuteilen und den Anfang mit mehr als 700 Seiten zum Druck anzubieten.

Zwei Verlage lehnten sofort ab, darunter Gallimard, dessen Lektor André Gide sich offenbar nicht einmal die Mühe machte, das Buch zu lesen (was er später den größten Fehler seines Lebens nannte). Weitere Absagen folgten. Auch der junge, noch unbekannte Verleger Bernard Grasset zögerte, war dann aber doch bereit, den Roman herauszubringen, weil der vermögende Autor die Finanzierung übernahm.

»Unterwegs zu Swann«, der erste Teil des Romans, erschien am 13. November 1913. Aber die Kümmernisse blieben. Zwei große Blätter veröffentlichten unfreundliche Rezensionen. Dann kam der Weltkrieg und mit ihm die Trauer um die gefallenen Freunde. Proust trotzte dem geschwächten Körper Tag für Tag das nötige Quantum Schaffensfreude ab, verließ kaum noch das Haus, schrieb weiter an der Geschichte seines Helden Marcel und wurde dabei der hinreißende Chronist der Belle Époque mit ihren Salons, Restaurants und mondänen Gästen. Ein brillanter Schilderer von Zeit und Gesellschaft, Adel und Bürgertum, Juden und Antisemiten, Karrieristen, Blendern, Aufsteigern und der verheerenden Folgen, die der skandalöse Prozess gegen den jüdischen Offizier Alfred Dreyfuss bis in die Familien hatte.

Noch am Tag vor seinem Tod am 18. November 1922 diktierte Proust bis zur Erschöpfung einige Zusätze zum Roman. Er war jetzt 51 Jahre alt und hatte sogar noch erlebt, wie man ihn zu lieben und zu feiern begann. Zwar kannte, als er auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise begraben wurde, niemand die Dimension des Buches, denn von den sieben Bänden waren erst vier erschienen. Doch Ende 1919 hatte er den ersehnten Prix Goncourt erhalten. Nun wusste in Frankreich jeder, der eine Zeitung las, wer Marcel Proust war. Es dauerte nicht lange, da stand er schon in der Reihe der großen Erzähler ganz vorn, neben Balzac und Stendhal, Flaubert, Hugo und Zola, und die »Recherche«, das bestaunte Erzählwunder, wurde zum Mythos der Moderne.

Marcel Proust. Der geheimnisvolle Briefschreiber. Frühe Erzählungen, hg. v. Luc Fraisse. Suhrkamp, 174 S., geb., im Schuber, 28 €;

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, hg. v. Luzius Keller. Suhrkamp, 3 Bände in Kassette, 5200 S., geb., 49,95 €;

Marcel Proust. Briefe an seine Nachbarin, hg. v. Estelle Gaudry u. Jean-Yves Tadié. Insel-Bücherei, 117 S., geb., 14 €.

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