Schießen und Verhandeln

Die Taliban erobern Afghanistan Schritt für Schritt und fahren eine militärisch-diplomatische Doppelstrategie

  • Von Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 5 Min.
Diese Familie floh vor den Kämpfen aus Kala-e Naw in der Provinz Badghis in den Bezirk Endschil der Nachbarprovinz Herat.
Diese Familie floh vor den Kämpfen aus Kala-e Naw in der Provinz Badghis in den Bezirk Endschil der Nachbarprovinz Herat.

Die USA sind mit ihren Truppen zum 31. August raus aus Afghanistan, sagte am Donnerstag US-Präsident Joe Biden; am selben Tag verkündete Premier Boris Johnson im Parlament, dass auch Großbritannien alle Soldaten zurückholen werde. Ein Datum nannte er nicht. Und die Taliban? Melden tagtäglich Geländegewinne.

Die jüngste Meldung betrifft die Grenzregion nahe des Iran: Dort haben die radikalislamischen Taliban einen Grenzübergang zwischen Afghanistan und dem Iran erobert. »Die Grenze von Islam Kala ist jetzt unter unserer vollständigen Kontrolle und wir werden versuchen, sie heute wieder in Betrieb zu nehmen«, sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid am Freitag der Nachrichtenagentur AFP. Zwei Vertreter der westafghanischen Provinz Herat bestätigten dies am Freitag. Die Regierung in Kabul erklärte, die afghanische Armee bemühe sich darum, wieder die Kontrolle über Islam Kala zu gewinnen. »Alle afghanischen Sicherheitskräfte einschließlich der Grenzpolizei sind in der Region präsent«, sagte der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Tarek Arian, zu AFP. Al-Alam TV, offizieller arabischsprachiger Nachrichtenkanal des Iran, berichtete, dass afghanische Soldaten über den Grenzübergang den Iran betreten hätten, um den Taliban zu entkommen.

Der Grenzübergang Islam Kala liegt rund 120 Kilometer nordwestlich von der zweitgrößten afghanischen Stadt Herat entfernt und gilt als einer der wichtigsten Afghanistans. Der größte Teil des offiziellen Handels mit dem Iran wird dort über Lastwagentransport abgewickelt. Das bedeutet auch, dass die Taliban ihre Hand auf umfangreiche Einnahmen aus Zollgebühren werden legen können, sollten sie den Grenzübergang halten können. Den Angaben zufolge betrugen die Zolleinnahmen der Regierung dort umgerechnet mehr als drei Millionen Euro täglich. Alle kommerziellen Aktivitäten würden nun gestoppt, heißt es. Insgesamt ist der Handel zwischen Iran und Afghanistan in den vergangenen Jahren stark angewachsen. Gemäß Daten der iranischen Zollverwaltung betrug der Wert des iranischen Exports nach Afghanistan im Zeitraum zwischen März 2020 und Februar 2021 zwei Milliarden Dollar, schreibt die Tageszeitung »Tehran Times«.

Auch im Norden konnten die Taliban einen Grenzübergang zu Turkmenistan einnehmen: Torghundi, 120 Kilometer nördlich von Herat. Durch die Grenzstadt verläuft eine für Afghanistan wichtige Handelsroute, über die das Land bisher unter anderem einen Großteil seines Gases und Treibstoffs einführt. Torghundi war bisher auch für den Export afghanischer Produkte ins Ausland bedeutend, auch nach Europa, unter anderem Lapislazuli. Damit haben die Taliban in der vergangenen Woche Gebiete an der Grenze zu fünf Ländern überrannt: Iran, Tadschikistan, Turkmenistan, China und Pakistan. Fällt jetzt auch bald Kabul?

»Zweifellos haben die Taliban viel Terrain erobert, im Norden, im Westen«, sagt dem »nd« Ali Yawar Adili, der in Kabul als Country Director des Afghanistan Analysts Network (AAN) arbeitet. Aber die Situation sei »volatil« und ändere sich ständig. In der Provinz Herat, in dem auch der Grenzübergang Islam Kala liegt, mobilisiere der dortige starke Mann, Ex-Minister Ismail Khan, die Bevölkerung, »um die Taliban zurückzudrängen«. Die Kampfmoral der Regierungstruppen sei aber »sehr gering«, betont Ali Yawar Adili. »Vorher konnten sie sich auf die Luftunterstützung durch die Nato und die US-Armee verlassen, auf logistische Unterstützung durch US-Auftragnehmer«. Das fehle nun.

Die Art und Weise, wie die US-Soldaten dem Land den Rücken kehren, hat sicher nicht die Moral der afghanischen Truppen gestärkt. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion verließen die US-Truppen Ende vergangener Woche ihren wichtigsten Stützpunkt Bagram - ohne die afghanischen Verbündeten auch nur zu informieren. Pentagon-Sprecher John Kirby bestätigte, dass bewusst weder die afghanische Regierung noch das Militär vom genauen Zeitpunkt des Abzugs in Kenntnis gesetzt worden seien. »Ich kann nicht sagen, wie die Afghanen diese Entscheidung interpretiert haben, aber es war eine Entscheidung, die im besten Interesse der Sicherheit unserer Leute getroffen wurde.« Vertrauen nach fast 20 Jahren Krieg sieht anders aus.

Nach einem Durchmarsch der Taliban-Kämpfer sieht es dennoch nicht aus. Taliban-Unterhändler Shahabuddin Delawar erklärte am Freitag in Moskau sogar, sie würden keine Provinzstädte angreifen, um Blutvergießen zu vermeiden, berichtet die afghanische Nachrichtenwebseite Tolonews. Diese Aussage widerspricht den anhaltenden Kämpfen um die Provinzhauptstadt Kala-e Naw in der Provinz Badghis, die an Turkmenistan grenzt. Seit Mittwoch liefern sich die Taliban und afghanische Streitkräfte dort heftige Gefechte. Taliban-Kämpfer sind offensichtlich bereits in die Stadt eingedrungen, konnten aber schon zwei Mal zurückgedrängt werden. Die Regierung schickte nach der Offensive der Taliban Hunderte Soldaten per Hubschrauber in die Region. Der Gouverneur von Badghis, Hessamuddin Schams, sagte, der Feind werde »zurückgedrängt und flieht«.

Die Taliban fahren eine Doppelstrategie: Auf dem Schlachtfeld versuchen sie, Boden zu gewinnen - nach eigenen Angaben kontrollieren sie 85 Prozent des Territoriums. Auf diplomatischer Bühne verhandelten sie mit Regierungen in aller Welt, weil ihre politische Anerkennung noch nie so groß gewesen sei, analysiert Ali Yawar Adili: Am Freitag weilte eine Delegation in Moskau, am Mittwoch und Donnerstag trafen sich Taliban-Vertreter in der iranischen Hauptstadt Teheran mit einer Delegation der afghanischen Regierung. Heraus kam die übereinstimmende Meinung, dass Krieg keine Lösung ist für die Probleme Afghanistans. Der Iran ist über die Intensität der Kämpfe in Afghanistan besorgt. »Wir warnen die Taliban, sich nicht den iranischen Grenzen zu nähern«, sagte laut AP der Außenpolitiker Schahriar Heidari. »Das ist die rote Linie des Irans.«

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