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Arznei aus Bunkern

In Sachsen wächst bald medizinisches Cannabis

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.

Auf den Feldern nördlich von Dresden reift Raps; der Mais steht mannshoch. Es sind Agrarkulturen, wie sie in Deutschland allgegenwärtig sind. In Ebersbach im sächsischen Landkreis Meißen werden demnächst höchst ungewöhnliche Pflanzen gedeihen, jedoch hinter Schloss und Riegel. In einem ehemaligen Schlachthof beginnt das 2017 in Berlin gegründete Unternehmen Demecan im Oktober mit dem Anbau von Cannabis; Anfang 2022 sollen die ersten getrockneten Blüten ausgeliefert werden. Sie sollen aber nicht in Clubs oder WG-Küchen für rauschhafte Zustände sorgen, sondern werden über Apotheken vertrieben, um Schmerz zu lindern.

Cannabis darf in der Bundesrepublik seit Kurzem zu medizinischen Zwecken vertrieben werden; Anfang Juli startete die staatliche Cannabisagentur, die zum Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gehört, mit dem Verkauf an Apotheken. Grundlage ist ein 2017 vom Bundestag beschlossenes Gesetz, mit dem die Nutzung der Droge entkriminalisiert wurde. Seither kann sie importiert oder in Deutschland angebaut werden, letzteres unter staatlicher Kontrolle. Das BfArM startete 2019 eine Ausschreibung für die Herstellung von 10 400 Kilogramm über vier Jahre. Zu den drei Herstellern, die zum Zuge kamen, gehört neben zwei deutschen Töchtern kanadischer Unternehmen auch Demecan, das seither eine Produktionsstätte in Sachsen ausbaut.

Bisher ist dort noch kein grünes, fünffingriges Blatt zu sehen. Stattdessen Putz, Kabel und vor allem viel Stahlbeton. Der frühere Schlachthof, der einst der größte in Europa war, aber seit Jahren ungenutzt ist, sei »eine fast bunkerartige Konstruktion«, sagt Adrian Fischer, Arzt und Mitgründer des Unternehmens. Damit bringt er ideale Voraussetzungen für den Anbau der Droge mit sich, der unter den Regularien des Betäubungsmittelgesetzes erfolgt und wo Sicherheit die höchste Prämisse hat. Die Räume, in denen die Hanfpflanzen wachsen werden, sind durch tonnenschwere Stahltüren »wie in einer Bank« gesichert; 150 Kameras überwachen zudem das Gelände und die rund 40 Gärtner. Sie ziehen die Pflanzen aus Zellkulturen und lassen sie in ehemaligen Kühlräumen, in denen früher Schweinehälften lagerten, auf 1,50 Meter Höhe sprießen. Licht, Temperatur und Nährstoffzufuhr würden präzise gesteuert, sagt Fischer. Ziel sei es, dass alle Blüten identische Eigenschaften und gleiche Inhaltsstoffe hätten, obwohl es sich um ein Naturprodukt handele. Um den Anbau weiterzuentwickeln, arbeitet das Unternehmen mit der Universität Hohenheim zusammen.

Cannabis sei ein äußerst wertvolles Arzneimittel, sagt Fischer: »Es hilft dort, wo viele andere Therapieformen nicht mehr helfen können.« Anwendung findet es vor allem bei chronischen oder durch Tumore bedingte Schmerzen, bei Epilepsie sowie bei Begleiterscheinungen der Multiplen Sklerose. Üblicherweise werde es als Tee oder durch Inhalation angewendet, sagt Fischer. Die Nachfrage ist dabei weit höher als die bislang zur Produktion in Deutschland ausgeschriebene Menge, sagt Cornelius Maurer, ebenfalls Demecan-Mitgründer. Diese reiche für 7000 Patienten, Bedarf hätten aber rund 100 000 Menschen. Die Importmenge von medizinischem Cannabis sei seit 2019 daher von 6,7 auf 9,4 Tonnen im Jahr gestiegen. Auch Demecan führt Cannabis aus Australien ein. In der Branche rechnet man damit, dass die Cannabisagentur des Bundes in der nächsten Vergaberunde eine größere Produktionsmenge ausschreibt. Das Marktvolumen in Deutschland wird auf zukünftig eine Milliarde Euro geschätzt. An seiner Produktionsstätte in Sachsen ist Demecan auf steigende Nachfrage vorbereitet. Der frühere Schlachthof, der Anfang der 1990er Jahre hinter hohen Zäunen und Erdwällen errichtet wurde, bietet 30 000 Quadratmeter Platz. Nur gut ein Viertel der Fläche wird zunächst von dem Arzneimittelhersteller genutzt. Das reicht, um alle paar Wochen 1000 Pflanzen zu kultivieren, großzuziehen und dann in sogenannten »Blühkammern« ausreifen zu lassen. 16 Wochen dauert es von der Erzeugung bis zur Ernte. Es handle sich um »hochtechnologisierten Gartenbau«, sagt Fischer. Die Blüten wandern dann in eine Trockenkammer, wo der Wassergehalt auf unter zehn Prozent reduziert wird, und werden in 50-Gramm-Pakete verpackt. In dem Zustand übernimmt ein Zwischenhändler die Ware. Die Bundesbehörde betont, dass die Ernte »weder in das BfArM verbracht noch dort gelagert« wird. Die Anwohner sind nicht unglücklich darüber, künftig neben einer legalen Hanfplantage zu leben. Die Ebersbacher Bürger seien »total entspannt«, sagt Bürgermeister Falk Hentschel, »und das nicht, weil sie was abkriegen.« Es sei gut, dass die Immobilie wieder genutzt wird - in einer Art, die auch außerhalb auf viel Neugier stoße.

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