Blonder Hans und keine Freiheit

Kommissar Moses folgt der Spur des Engels

  • Lesedauer: 10 Min.

In einem Hamburger Abbruchhaus wird die Leiche eines jungen Mannes gefunden, der grausam gefoltert wurde. Ein Fall für Stefan Moses und seine ehrgeizige Kollegin Katja Hellwig. Bei ihren Ermittlungen erfahren die beiden, dass der Mann ehrenamtlich für die humanitäre Stiftung ›ProAid‹ arbeitete, die sich für abgelehnte Asylbewerber einsetzt und ihnen kostenlose medizinische Hilfe vermittelt. Offenbar plante er jedoch gemeinsam mit seiner nigerianischen Verlobten die Flucht aus Deutschland. Nur warum? Moses und Hellwig stehen vor einem Rätsel. Doch als sie einem ersten Verdacht nachgehen, überschlagen sich die Ereignisse …

Die Lichter der Einsatzfahrzeuge tauchten das Kopfsteinpflaster der Friedrichstraße in ein flackerndes Blau. Streifenwagen blockierten die Fahrbahn, und der Gehweg vor dem leer stehenden Haus war weiträumig abgesperrt. Das Aufgebot an Uniformen war selbst für St. Pauli spektakulär, und so hatten sich bereits etliche Nachtschwärmer aus den umliegenden Kneipen, Bars und Sexclubs eingefunden, die mit gezückten Handys das Absperrband belagerten. Moses warf einen Blick in den Rückspiegel und überprüfte den Sitz seiner Krawatte. Danach stieg er aus dem Wagen und zwängte sich durch die Menge der Schaulustigen. Als er unter dem rot-weißen Absperrband hindurchschlüpfte, baute sich ein junger Streifenpolizist vor ihm auf. Er wirkte verfroren und ein wenig überfordert.

»Halt!«, herrschte er Moses an. »Wo wollen Sie hin? Zurück hinter die Absperrung!«

Dass man ihm den Polizisten nicht abnahm, passierte ihm ständig, und er konnte nicht behaupten, dass er sich daran gewöhnte. Es nervte gewaltig. Als er in seinen Mantel greifen wollte, um sich auszuweisen, ging ein weiterer Polizist dazwischen. Er war deutlich älter und die vier blauen Sterne auf den Schulterklappen wiesen ihn als Polizeihauptmeister aus. Offenbar handelte es sich um den Einsatzleiter.

»Alles in Ordnung!«, beschied er dem jungen Beamten. »Der Herr Kommissar ist nicht zum Vergnügen hier. Kümmern Sie sich wieder um die Leute!«

Der junge Beamte musterte den vor ihm stehenden elegant gekleideten schwarzen Kriminalkommissar ungläubig von Kopf bis Fuß. Schließlich blies er sich in die kalten Hände und kehrte auf seine Position zurück.

»Danke«, sagte Moses an den bulligen Polizeihauptmeister gewandt. Er glaubte, sich an das breite Gesicht mit der Boxernase zu erinnern. »Sind Sie der Verantwortliche hier?«

»Der bin ich.« Der Beamte schob sich seine Mütze in den Nacken. Als er ansetzte, um fortzufahren, wurde er von den Zurufen der Schaulustigen hinter dem Absperrband unterbrochen.

»Ist der Scheißkerl tot?«, rief ein Mann mit Handykamera vor dem Gesicht. Er war sichtlich betrunken.

»Ja, wir wollen wissen, was los ist«, mischte sich eine aufgedonnerte Mittfünfzigerin empört ein. »Wir haben ein Recht darauf! Wir arbeiten hier!«

»Ja, und was ist mit der Bombe?«, rief ein anderer.

»Was denn für eine Bombe?«, fragte sein Nebenmann besorgt. Unter den Umstehenden erhob sich zustimmendes Gemurre. Der Einsatzleiter fuhr genervt herum. »Ich sagte Ihnen doch: Es besteht keinerlei Gefahr! Für niemanden von Ihnen! Also seien Sie bitte vernünftig und gehen Sie weiter.« Dann wandte er sich wieder Moses zu. »Verrückte Welt«, sagte er kopfschüttelnd. »Mittlerweile denken alle sofort an einen Terroranschlag.« »Bei dem Aufgebot wundert mich das nicht«, entgegnete Moses. Er deutete auf die vielen Einsatzfahrzeuge und uniformierten Beamten. »War das wirklich nötig?«

Der Polizist reagierte erstaunt. »Sie wissen nicht, warum Sie hier sind?«

»Nein«, gestand Moses. Im Präsidium hatte man ihm lediglich die Adresse genannt.

»Nun, in diesem Fall machen Sie sich am besten selbst ein Bild«, entschied der Einsatzleiter. Er drückte Moses eine Taschenlampe in die Hand. »Die werden Sie da drin brauchen. Viel Vergnügen!«

Dann trat er zur Seite und deutete auf den dunklen Hauseingang. Moses folgte seinem Blick, und sofort beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Das Haus musste seinem Zustand nach zu urteilen schon seit geraumer Zeit leer stehen. Die Fenster im Erdgeschoss waren mit Sperrholzplatten vernagelt, die Wände und der Eingang mit Graffiti übersät. Auch in den oberen Etagen waren die meisten Fenster verrammelt. Er versuchte sich sein Frösteln nicht anmerken zu lassen. Es kam ihm so vor, als würden die blinden Fensterhöhlen auf ihn herabstarren. Inmitten der bewohnten Gebäude rechts und links wirkte das Haus wie ein Fremdkörper, von dem etwas Böses ausging. Er nahm die Stablampe in seine linke Hand und stieg die wenigen Eingangsstufen hoch. Als er die schwere, mit wilden Tags besprühte Haustür aufdrückte, hörte er, wie ihm der Einsatzleiter nachrief: »Übrigens! Ihre hübsche Kollegin ist schon oben.«

Moses ersparte sich eine Antwort. Stattdessen schob er sich durch die Tür und stieg über die fleckige Matratze hinweg, die den Eingang versperrte. Das Blaulicht der Einsatzfahrzeuge huschte über die Wände des Treppenhauses, und durch die offene Tür in seinem Rücken konnte er hören, wie die Streifenbeamten die Schaulustigen erneut zum Weitergehen aufforderten. Er schaltete die Taschenlampe an und ließ den Lichtkegel über die mit Obszönitäten und revolutionären Parolen vollgekritzelten Wände wandern. Überall lag Müll, und obwohl es im Treppenhaus wie Hechtsuppe zog, roch es nach Schimmel und Verwesung. Moses hielt instinktiv die Luft an und stieg über die Flaschen und Pizzakartons hinweg, um zur Treppe zu gelangen. Als er seinen Fuß auf die erste Stufe setzte, zögerte er. Etliche Sprossen des kunstvoll gedrechselten Holzgeländers waren herausgebrochen, vermutlich das Werk von Jugendlichen im Testosteronrausch, und auch was davon noch übrig war, weckte nicht gerade sein Vertrauen.

»Man muss immer am Rand bleiben. Dann geht es.« Moses legte den Kopf in den Nacken und kniff die Augen zusammen. Drei Stockwerke über ihm blitzte eine Taschenlampe auf und blendete ihn.

»Sieht schlimmer aus, als es ist!«, rief Helwig zu ihm hinab.

Moses hielt die Hand schützend gegen den blendenden Lichtkegel und stieß einen Stoßseufzer aus. Wie seine Kollegin es schaffte, stets als Erste vor Ort zu sein, war ihm ein Rätsel. Vorsichtig stieg er im Schein der Taschenlampe die knarrende Treppe hinauf. Als er unter dem Dach ankam, leuchtete Helwig ihm ins Gesicht.

Sie klang überrascht. »Ich dachte, Sie sind in Flensburg. Auf dieser Tagung.«

»Das war ich - jetzt leuchten Sie mir nicht die ganze Zeit in die Augen!«

»Sorry.« Helwig senkte ihre Taschenlampe. »In dieser Bruchbude gibt es leider kein Licht.«

»Ist die Spurensicherung schon unterwegs?«, erkundigte sich Moses, während er sich die Augen rieb.

»Müsste jeden Moment auf der Bildfläche erscheinen. Ebenso wie Kollege Leitner.«

»Gut. Dann lassen Sie mich mal sehen, was wir haben.«

»Sie wissen es noch nicht?«

Obwohl Moses ihr Gesicht im Schatten der Lampen kaum erkennen konnte, spürte er, wie Helwig ebenso erstaunt reagierte wie zuvor der Einsatzleiter. Was ihn allmählich ärgerte. Was sollte diese Geheimnistuerei?

»Warum klären Sie mich nicht einfach auf?«, sagte er genervt. »Also, weswegen sind wir hier?«

Helwig deutete mit dem Strahl ihrer Taschenlampe auf eine niedrige Tür. Sie stand offen und führte offenbar auf den Dachboden.

»Da drin«, sagte sie tonlos. »Ist ’ne echt hässliche Sache.«

Moses fragte sich unwillkürlich, was seine junge Kommissarin wohl unter »hässlich« verstand. Schließlich konnte er sich nicht daran erinnern, im Zuge seiner Arbeit jemals etwas anderes zu Gesicht bekommen zu haben. Der Tod, mit dem er es zu tun hatte, war immer hässlich.

Er betrat den Dachboden und blickte sich mit der Taschenlampe in der Hand um. Trotz der Dunkelheit war zu erkennen, dass der Speicher leer geräumt war. Auf dem Estrich standen Regenpfützen, und das Dachgebälk war, soweit er im Schein der Lampe erkennen konnte, bis in den Giebel hinauf mit Spinnweben überzogen. Durch die Dachziegel pfiff der kalte Winterwind, und dort, wo er hinleuchtete, tanzten im Lichtstrahl Staubkörner und winzige Federn. Die Größe des Dachbodens überraschte Moses. Er ging um den massiven, gemauerten Kamin herum, der sich in der Mitte des Raums erhob. Plötzlich blieb er stehen. Seine Lampe hatte zwei nackte Füße gestreift. Sie befanden sich eine Handbreit über dem Boden. Langsam ließ er den Lichtstrahl nach oben wandern.

Jetzt verstand er, was Helwig gemeint hatte. Man hatte das Opfer nackt und mit ausgebreiteten Armen an einem der Dachbalken aufgehängt. Das schulterlange flachsblonde Haar des jungen Mannes fiel ihm ins Gesicht, und wären da nicht die unzähligen kleinen Schnitte und Quetschungen gewesen, mit denen sein muskulöser Körper übersät war, hätte man an einen aufgehängten Engel denken können.

»Ich sagte ja, dass es hässlich ist.« Helwig trat mit ihrer Lampe neben ihn. »Ich finde, so wie er da hängt, sieht es fast wie eine Kreuzigung aus. Irgendwie religiös.«

Moses sagte nicht, dass er im ersten Moment die gleiche Assoziation gehabt hatte. Mit der Lampe in der Hand trat er einen Schritt näher. Es gab keinen Zweifel, dass der Unbekannte gefoltert worden war. Da sein Kopf vornüber auf der Brust ruhte, musste Moses leicht in die Knie gehen, um das Gesicht hinter den herabfallenden Haaren besser zu sehen. Es glich einer Fratze aus grenzenlosem Entsetzen und unvorstellbaren Qualen. Am Hals konnte er ein dünnes Würgemal erkennen, das seiner Vermutung nach von einem Strick oder Draht herrührte. Das Alter des jungen Mannes schätzte er auf höchstens Ende zwanzig, auch wenn dies bei den herrschenden Lichtverhältnissen und dem Zustand der Leiche nicht eindeutig zu sagen war. Als er sich gerade wieder erheben wollte, stutzte er. Zwischen den blutleeren Lippen des Toten ragte etwas heraus. Es war klein und spitz.

Moses richtete sich auf.

»Haben Sie Handschuhe dabei?«, fragte er Helwig.

Sie reichte Moses ein Paar. »Was haben Sie vor?«

»Egal«, erwiderte Moses, während er die Handschuhe überstreifte. Dann hob er den Kopf der Leiche vorsichtig mit zwei Fingern an.

»Das wird der SpuSi aber nicht gefallen«, meinte Helwig.

Sie verstummte, denn als der Kopf des Toten angehoben wurde und sich der Mund öffnete, fiel etwas auf den Boden. Im Schein ihrer Taschenlampen starrten Moses und Helwig ungläubig auf das seltsame Etwas zu ihren Füßen. In diesem Moment polterte Janssen, der Leiter des KTU-Teams, auf den Dachboden. Er steckte in einem weißen Overall mit Kapuze und schleppte einen Spurensicherungskoffer.

»Mann, endlich haben wir euch gefunden«, schimpfte er, während er die Kommissare mit seiner Taschenlampe nacheinander anleuchtete. »Die Kollegen draußen auf der Straße meinten, ihr seid irgendwo im Haus. Ihr hättet euch ruhig bemerkbar machen können. Abgesehen davon: Wann merkt ihr euch endlich, dass wir die Ersten vor Ort sind! Wie sollen wir sonst unsere Arbeit machen?«

Als er seine Lampe schwenkte und die grausam zugerichtete Leiche an dem Dachbalken entdeckte, sog er scharf die Luft ein.

»Au, Schiet! Das sieht diesmal aber übel aus.«

Er wollte näher treten, doch dann hielt er inne. Er richtete seine Lampe auf den Boden.

»Was ist denn das da?«, fragte er verwundert. »Das da vor euren Füßen?«

Moses und Helwig erwiderten nichts. Stattdessen tauschten sie besorgte Blicke.

Ortwin Ramadan
Moses und der kalte Engel
Atrium Verlag
320 S., kt., 17,00 €

Ortwin Ramadan ist Halb-Ägypter und wurde 1962 in Aachen geboren. Er studierte Politik und Ethnologie und arbeitet heute als Drehbuchautor und freier Autor. Seit seiner Zeit in Hamburg lässt ihn die schönste Stadt der Welt nicht mehr los. Für seinen Roman Glück ist was für Anfänger wurde er 2018 vom Syndikat (zu dem auch Sebastian Fitzek und Frank Schätzing gehören) mit dem Hans-Jörg-Martin-Krimipreis ausgezeichnet.

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