Beute und Beutegut

Karlen Vesper freut sich über das Humboldt-Forum - trotz alledem

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 2 Min.
Humboldt-Forum: Beute und Beutegut

Was für eine Leidensgeschichte! Und wer ist schuld daran? Die Wissenschaft ganz gewiss nicht. Die Tragödie begann mit einem schlagzeilenverliebten Blaublüter namens Wilhelm von Boddien, der sich selbst als »Beutepommer« bezeichnet und dessen Vater und Bruder »für Führer, Volk und Vaterland« in den Krieg gezogen sind, den zweiten im 20. Jahrhundert von deutschem Boden entfesselten. Kurz nachdem die DDR Beute der Bundesrepublik ward, stieß er ins Horn und rührte die Trommel für den Wiederaufbau der Berliner Stadtresidenz der Hohenzollern, deren letzter Spross auf preußischem Königs- und deutschem Kaiserthron nicht in den Ersten Weltkrieg gestolpert ist, sondern diesen freudig segnete: »Blut muss fließen, viel Blut.«

Raubritter Boddien hat es geschafft, Politik und Parlamentarier vor sich herzutreiben, einzuspannen, an die Kandare zu nehmen. Die sich dann devot etwas Säkular-Sinnvolles zum Füllen der wegen überbordend steigender Kosten auf Disney-Format heruntergehandelten Schlosshülle ausdenken mussten: Geburtsstunde des Humboldt-Forums.

Eine feine Sache eigentlich - ein Kunst-, Musen- und Wissenschaftstempel, der Schätze aus dem Fundus diverser Museen und Archive dem gemeinen Volke zugänglich macht, akademischen wie populärwissenschaftlichen Foren Raum bietet sowie Unterhaltung, Entspannung und Begegnung nicht zu kurz kommen lässt. Doch ach, es gab stetig Krach. Neben explodierenden Kosten, Bauverzögerungen, Streit um die Generalintendanz und koloniales Raubgut krönte den Ärger die Bekrönung des Hauses mit christlich-missionarischem Kreuz. Ein Affront für Atheisten und Angehörige kolonial unterworfener, entrechteter und beraubter Völker.

Jetzt die Eröffnung. In Etappen. Gut Ding will Weile haben? Boddien haben wir jedenfalls nichts zu danken.

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