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Wenn die roten Fahnen wehen

Eine Berliner Theatergruppe bespielt mit »Die Fahne von Kriwoj Rog« in Sachsen-Anhalt den öffentlichen Raum

  • Von Lara Wenzel
  • Lesedauer: 4 Min.

Sich einer Erinnerung bemächtigen, heißt, sie als eine »im Augenblick einer Gefahr« aufblitzende aus dem Lauf der Geschichte herauszusprengen. Aus der Gegenwart muss die vorbeihuschende Vergangenheit immer von Neuem gerettet werden, heißt es in den Thesen »Über den Begriff der Geschichte«. Während sich ihr Autor Walter Benjamin angesichts des Nationalsozialismus und des Hitler-Stalin-Pakts um die verschütteten revolutionären Chancen sorgte, stellt sich heute vielmehr die Frage, wie mit einer Überfülle linker Bewegungsgeschichte umzugehen ist, ohne sie zur Folklore verknöchern zu lassen.

Im Mansfelder Land brachte eine kleine, wendige Theatertruppe aus Berlin antifaschistischen Widerstand und Arbeiter*innenbewegung zurück an den Ort des Geschehens. Doch was haben die Ereignisse um Otto Brosowski den heutigen Zuständen im Südharz zu sagen? »Die Fahne von Kriwoj Rog« ist eine vielfach neuerzählte Geschichte mit historischem Kern. Auf Grundlage des Romans von Otto Gotsche verfasste Heiner Müller 1960 ein Fernsehkammerspiel, das B. K. Tragelehn einst inszenierte. Berühmt geworden ist aber vor allem Kurt Maetzigs Verfilmung mit Erwin Geschonneck in der Hauptrolle. In Eisleben, Sangerhausen, Hettstedt und am Otto-Brosowski-Schacht in Helmstedt legt die Theatertruppe den nüchternen Text Müllers zugrunde, um im Brecht’schen Stil von der roten Fahne zu erzählen.

Die Inszenierung von Regisseur Benjamin Zock beginnt und endet mit dem Einmarsch der Roten Armee. Dazwischen berichten die Spieler*innen von Streikbrecher*innen, Opportunist*innen und faschistischer Repression. Im Zentrum steht die rote Fahne, die durch einen Brief ins Mansfelder Land gelangte. Bergarbeiter und Kommunist Brosowski schilderte den Genoss*innen im sowjetischen Kriwoj Rog die Lage im Schacht. »Unser Leben ist schwer. Die Monopolherren beuten uns aus. Euer Rat ist uns teuer.«

Die ukrainische Bergbauregion antwortete 1929 mit einem Geschenk an die Kommunistische Partei Deutschlands, das zum Symbol des Arbeitskampfs im Mansfelder Land werden sollte. »Arbeiter aller Länder vereinigt euch« steht auf der bestickten Fahne, dessen Übergabe von der Polizei gestört wurde. Das Original wartet heute im Archiv des Deutschen Historischen Museums in Berlin, in der Aufführung bleibt sie eine Leerstelle. Dennoch wird sie hier symbolisch immer vorangetragen. Wenn die Bergarbeiter*innen gegen Lohnkürzungen in den Streik treten, dann läuft Brosowski mit der Fahne in erster Reihe.

Statt einem roten Tuch wird an das Holzgestell im Zentrum des Hettstedter Kirchplatzes ein Kupferblech gehängt, das Produkt der Arbeit in den Kupfer- und Silbererzminen. Nur aus diesem Aufbau - Fahnenmast, Podest und Galgen in einem - besteht das reduzierte Bühnenbild von Johannes Weilandt, der auch die Kostüme verantwortet. Der öffentliche Raum bildet den Spielort für das in dunkelblaue Einteiler gekleidete Ensemble, das durch Unterbrechungen und Rollenwechsel verfremdet zum Publikum spricht.

Besonders eindrücklich wirkt die Einnahme des Platzes, wenn der Chor zum ersten Mal auftritt, bestehend aus Schüler*innen des Gymnasiums in Sangerhausen. Im Rücken des Publikums ist der Gleichschritt zu ihren Stimmen zu hören. Kollektiv übernehmen sie die Rolle des kleinen Sohns Walter Brosowski, der in der NS-Zeit die Fahne versteckt hielt. Eingenäht ins Tischtuch, vergraben im Acker und eingemauert in den Kaninchenstall, überdauerte sie den Faschismus. Um das Versteck preiszugeben, folterten die Nationalsozialisten Minna und Otto Brosowski. Ihr Schweigen machte die Fahne zum Symbol des antifaschistischen Widerstands.

Nachdem die US-Soldaten einmarschiert und wieder abgezogen waren - nicht ohne ihrerseits die Fahne erfolglos einzufordern -, geschah, worauf die Brosowskis zwölf Jahre gewartet hatten: Die Rotarmisten kamen und ihnen entgegen eilte Otto Brosowski, gestützt von den Genoss*innen, die Fahne tragend. Das Erkennungszeichen des Widerstands, in der DDR noch zu Veranstaltungen vorgeführt, liegt heute versiegelt im Archiv. Auch die Schächte wurden stillgelegt. Es folgten mit dem Ende der DDR außerdem Entlassungen und eine damit beginnende Welle des Wegzugs. Nur die Fresken an den Häusern verweisen auf die Bergarbeit, die nicht mehr stattfindet.

Ist die Aufführung mehr als das Bespielen eines Museums der Arbeit? Der im Text hergestellte Gegenwartsbezug wirkt etwas hastig vorn angesetzt, ohne sich im Verlauf des Stücks wiederzufinden. Interessanter ist das sehr vielschichtige Publikum. Kinder, Passant*innen und Kommunalpolitiker*innen sehen sich von den Kirchtreppen die eintrittsfreie Aufführung an und kommentieren sie im lauten Flüsterton, wohlwollend oder ablehnend. Ein kleiner Szenenapplaus beim Aufruf zur Einheitsfront lässt die zuschauende Masse in Fraktionen zerfallen. Der neu gewählte CDU-Landrat André Schröder, der sich erst in einer Stichwahl gegen AfD-Kandidatin Cathérine Kayser durchsetzen konnte, positioniert sich, indem er währenddessen auf sein Handy blickt.

Die fast widerspruchsfreie antifaschistische und kommunistische Haltung der Inszenierung könnte auf den ersten Blick auch eindimensional wirken. Eben jene Klarheit erzwingt aber die Selbstverortung, die schon während der Aufführung im Publikum zu brodeln beginnt. Entlang der bekannten Vorgänge, die weder einfühlend noch als historistische Folklore wiederholt werden, reiben sich die Fragen der Gegenwart.

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