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»Alle waren gegen uns«

Ein Familienbetrieb in der Nähe von Homs war Vorreiter in Sachen Ökostrom. Heute werden dort Windkraftanlagen für den Mittleren Osten gebaut

  • Von Karin Leukefeld
  • Lesedauer: 4 Min.
Bauern in Syrien: »Alle waren gegen uns«

Am 8. August 2019 wurde das erste Windrad in Syrien errichtet, das vollständig von syrischen Ingenieuren, Frauen und Männern, hergestellt worden war. Es steht an der Autobahn zwischen Homs und Tartus. Die Montage erfolgte mit einem 650-Tonnen-Raupenkran, erzählt Ingenieurin Valerina Elias stolz: »Wir haben ihn in Rekordzeit zusammengebaut.«

Seit November 2019 speist das erste Windrad mit einer Nennleistung von 2,5 Megawatt Energie in das öffentliche Stromnetz ein. Die Fertigstellung des zweiten Windrades steht unmittelbar bevor. Der 80 Meter hohe Turm steht, die drei Flügel und die Turbine werden auf den aufwendigen Transport vorbereitet. »Für die endgültige Montage muss der Wind schwach sein«, erklärt Rabi Elias. »Wir warten.«

Die Windkraftanlage steht am Rande der Autobahn zwischen Homs und Tartus. In diesem Ost-West-Korridor ist die Windstärke ganzjährig so stark, dass man genug Energie erzeugen kann, um nicht nur Syrien sondern auch die Nachbarländer mit sauberem Strom zu versorgen.

Seit seiner Schulzeit wollte Rabi Elias Windanlagen für Syrien bauen, erzählen er und seine Schwester Valerina am Firmensitz in Hassia, einer Industriezone südlich von Homs.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Windkraftanlagen zu bauen? Und wofür steht WDRVM?

Valerina Elias: Wir sind ein Familienunternehmen. WDRVM steht für Walid, so heißt unser Vater, dann Denise, unsere Mutter, Rabi, mein Bruder, Valerina, das bin ich, und unsere Schwester Marquise. Die Idee, Windkraftanlagen zu bauen, stammt von meinem Bruder Rabi. Er war in der Internationalen Schule in Choueifat, in Dubai, in der siebten oder achten Klasse, als sie ein Projekt entwickeln sollten, das sie wichtig fanden. Rabi entwickelte ein Projekt mit Sonnen-, Wind- und Wasserenergie. Als die Lehrerin das sah, fragte sie ihn, woher er sei. Aus Syrien, sagte Rabi. Die Lehrerin meinte, das sei für Syrer zu schwierig, und sie gab ihm die schlechtest mögliche Zensur für sein Projekt: die Note Null. Rabi erzählte davon, als er nach Hause kam. Er weinte. Unser Vater sah sich sein Projekt an und unterstützte Rabi bei seinem Vorhaben. Er nahm ihn mit nach Deutschland zu seinen Geschäftspartnern. Sie gingen auf Ausstellungen und Messen, so fing alles an.

Rabi Elias: In Husum habe ich die großen Windkraftanlagen gesehen, auch die Offshore-Anlagen in der Nordsee. Das war 2008, der Beginn unseres heutigen Unternehmens. Ich habe meine Schularbeit mit der Note Null übrigens eingerahmt. Sie hängt unten in der Fabrik. Die Lehrerin meinte, in Syrien gäbe es Vieh- und Landwirtschaft, die Leute könnten ihr Essen anbauen und ernten, mehr nicht. Im Mittleren Osten oder in Nordafrika könne so eine komplizierte Technologie nicht hergestellt werden. Als wir anfingen, gab es weltweit nur vier oder fünf Firmen, die Windkraftanlagen bauten. Auf den damaligen Messen in Hamburg beispielsweise waren nur wenige Aussteller und nur wenige Hundert Besucher. Und wenn wir kamen, haben sie gelacht und gesagt, Syrien ist ein Entwicklungsland, wie wollt ihr Windkraftanlagen bauen?!

Wie haben Sie das Know-how entwickelt?

Rabi Elias: Wir haben Getriebe und Generatoren gebaut und verstehen die Elektrik und Mechanik. Aber ja, es war nicht einfach. Als wir anfingen, haben alle über Öl und Gas geredet, niemand interessierte sich für die Erderwärmung. Und es gab keinen Energiemangel.

Als 2011 der Krieg in Syrien begann, haben Sie weitergearbeitet?

Rabi Elias: Ja, wir haben nicht aufgehört. Zwischen 2013 und 2017 haben wir unsere Produktionshalle von 11 000 Quadratmetern auf 45 000 Quadratmeter um das Vierfache erweitert. Wir stellen die Windräder von A bis Z selbst her, mit deutscher Technologie. Heute sind wir international bekannt und anerkannt als syrisches Unternehmen, das den ganzen Mittleren Osten mit Windkraftanlagen versorgen kann. Und heute redet die ganze Welt von der Erderwärmung und über erneuerbare Energien.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Rabi Elias: Wir haben 250 Mitarbeiter. Alle unsere Ingenieure sind Syrer, Frauen und Männer.

Woher kommt diese Überzeugung, die Entschlossenheit, ein solches Projekt aufzubauen?

Valerina Elias: Mein Vater hat immer gesagt, seht Euch die Ameise an. Sie trägt ein Weizenkorn, das viel schwerer ist als sie selbst. Fällt es herunter, dreht sie um und nimmt es wieder auf, klettert die Wand hoch. Das Weizenkorn fällt wieder und sie dreht um, hebt es wieder auf und klettert weiter. Solange, bis sie ihr Ziel erreicht hat. Diese Entschlossenheit habe ich und Ihr habt sie auch.

Rabi Elias: Unser Vater war davon überzeugt, dass dieses Projekt den Mittleren Osten verändern wird.

Das hört sich wie ein Märchen an, das wahr geworden ist.

Rabi Elias: Alle waren gegen uns. Angefangen bei meiner Lehrerin bis zu den Unternehmen auf den Messen, die meinten, wir seien im falschen Land, Syrien gehöre zur Dritten Welt, es gäbe keine Infrastruktur, keine Logistik und man könne so etwas in Syrien nicht herstellen. Aber wir haben immer gesagt, wir können es machen, wir werden es machen, und zwar für Syrien. Sie sehen, wir haben es geschafft. Wir produzieren saubere Energie aus Wind.

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