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Rashid, Shaya und Said

Angesichts der Ereignisse in Afghanistan fragt sich Wolfgang Hübner, wie es seinen einstigen Kommilitonen und ihren Angehörigen gehen mag

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 4 Min.

Afghanistan befindet sich im Griff der Taliban, und ich muss an Rashid, Shaya und Said denken. Ich habe sie sehr lange nicht gesehen, aber oft, wenn in den Nachrichten von ihrem Land die Rede ist, kommen sie mir in den Sinn, sie und die anderen. Sie haben mit mir gemeinsam studiert, in Leipzig, an der Karl-Marx-Universität. Anfang der 80er Jahre gehörte eine Gruppe junger Männer aus Afghanistan (ja, es waren nur Männer) zu unserem Studienjahr an der Sektion Journalismus. Sie waren freundlich, sprachen gebrochen, aber gut Deutsch. Wir erfuhren, dass sie erst seit Kurzem in der DDR waren und im Schnelldurchgang die deutsche Sprache erlernt hatten, von der sie zuvor kein einziges Wort verstanden. Sie beherrschten sie nach dem Crashkurs so gut, dass sie das Studium in Angriff nehmen konnten.

Rashid, Shaya und Said (die tatsächlich anders heißen, ihre Namen sind sicherheitshalber geändert) wurden meiner Seminargruppe zugeteilt. Wir erfuhren, dass die revolutionäre Regierung in Kabul sie zum Studium delegiert hatte. In viele osteuropäische Länder schickte die Demokratische Volkspartei Afghanistans ihre jungen Kader zur Ausbildung; der Bruder von Rashid beispielsweise landete an einer Offiziershochschule in Bulgarien. Nach dem Studium sollten sie in der Heimat eine neue Gesellschaft aufbauen.

Wir erfuhren auch, dass sie zu Hause politisch aktiv gewesen waren, gegen den Willen der Eltern, teils in der Illegalität, und dass sie, nachdem ihre Partei die Macht ergriffen hatte (oder soll man sagen: ihre Fraktion in der Partei?), schon erstaunliche Posten innehatten. Einer von ihnen soll der Schwarzmarktjäger von Kabul gewesen sein. Sie erzählten uns manches über ihre Heimat, ihre Familien. Wir ahnten, dass es zwischen den afghanischen Kommilitonen auch Rivalitäten gab, teils wegen politischer Differenzen, teils aus ethnischen Gründen.

Die DDR-Medien schwiegen sich über die zuweilen mörderischen Auseinandersetzungen in der afghanischen Bruderpartei aus; auch über den Kriegseinsatz der Sowjetarmee am Hindukusch, die der Regierung im Kampf gegen die Mudschahedin, die Gotteskrieger, helfen sollte. Dieser Krieg endete 1989 für die Sowjetarmee tragisch und mit riesigen Verlusten. Als 1982 der sowjetische Langzeit-Generalsekretär Breschnew starb, weinten einige unserer afghanischen Kommilitonen; wir fanden das übertrieben pathetisch, denn für uns war er ein greiser Apparatschik. Für sie aber war er der Chef ihrer Schutztruppe.

Vom Leben in ihrer Heimat hatten wir nur eine blasse Vorstellung. Sie erzählten uns lustige Geschichten davon, dass sie den Islam zum Ärger ihrer Eltern nicht besonders ernst nahmen. Als der Vater von Rashid starb, musste der als ältester Sohn von Leipzig aus wichtige Familienangelegenheiten regeln, unter anderem, wen seine Schwester heiraten sollte. Für uns klang das wie Mittelalter; er erzählte es wie eine heitere Anekdote.

Als das Studium Mitte der 80er endete, ging Said zurück in die Heimat. Auch sein Vater war gestorben, er musste den Bauernhof der Familie übernehmen, hieß es. Rashid und Shaya blieben in der DDR, um zu promovieren. Danach konnten sie nicht mehr zurück. In ihrer Partei wurde mit tödlichem Ernst abgerechnet, die Mudschahedin waren auf dem Vormarsch, die Sowjetarmee zog ab. Heimkehr wäre wohl Selbstmord gewesen. Die Situation ähnelte der heutigen.

Bei einer späteren Begegnung erzählten sie von den abenteuerlichen Umständen, unter denen sie wenigstens einmal wieder ihre Familien besucht hatten. Getarnt als Pilger auf dem Rückweg aus Mekka, von bewaffneten Verwandten abgeholt an der Grenze zu Pakistan, immer auf der Hut vor Überfällen oder militärischen Angriffen.

Afghanistan, seit langer Zeit Spielball von Kriegsfürsten, verfeindeten Parteien und Interventionsmächten, kommt nicht zur Ruhe. In diesen Tagen wird es zurückgeworfen auf ein vordemokratisches, religiöses Regime. Welche Nachrichten haben Rashid und Shaya von ihren Familien? Wissen sie überhaupt, wie es ihnen geht? Und was ist aus Said geworden, dem Rückkehrer? Wie hat er 20 Jahre Besatzung und Bürgerkrieg überstanden? Lebt er überhaupt noch? An sie muss ich denken, wenn ich die neuesten Nachrichten aus Afghanistan höre.

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