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  • Politik
  • Linke-Wahlkampf mit Wagenknecht

Vom Eise befreit?

Susanne Hennig-Wellsow und Sahra Wagenknecht proben ein neues Miteinander

  • Von Max Zeising
  • Lesedauer: 4 Min.

Eigentlich sei er nur wegen »der Sahra« gekommen, sagt ein älterer Mann mit kariertem Hemd und Weste. Mit seiner Frau hat er sich am Mittwochabend auf dem Unesco-Platz in Weimar eingefunden, um sich eine viel beachtete Wahlkampfveranstaltung der Linken anzusehen. Die Ko-Vorsitzende der Partei, Susanne Hennig-Wellsow, hatte Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine in ihren Wahlkreis eingeladen. Sie möchte hier ein Direktmandat für die Linke gewinnen.

Einige Hundert Menschen warten gespannt, während sich die Parteigranden aus dem Saarland noch im Stau befinden. Unter ihnen ein Ehepaar aus Potsdam, das eigentlich gerade Urlaub macht – doch wenn Wagenknecht kommt, dann müsse man nicht lange überlegen, betont der etwa 50-jährige Mann mit Glatze und Jeansjacke: »Sie hat Fachwissen und eine eigene Meinung«, sagt er. Den Streit um die politischen Positionen Wagenknecht findet er lästig: »Das bringt nichts, kostet am Ende nur Stimmen.«

Währenddessen bereiten Hennig-Wellsow und Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner die Bühne vor. Sie tragen einen mit Gläsern bestückten Stehtisch ein paar Meter nach hinten, um etwas Platz zu schaffen. Es klirrt, die Gläser kippen um. Die beiden Frauen lachen. Ist die Chefin etwa ein bisschen aufgeregt? Immerhin hatten Hennig-Wellsows Vorgänger an der Parteispitze, Katja Kipping und Bernd Riexinger, mit Wagenknecht und Lafontaine ständig Streit. Demgegenüber probt die neue Parteiführung eine Annäherung: Kurz vor dem Parteitag Mitte Juni fuhr Hennig-Wellsow ins Saarland und sprach im Landtag vier Stunden mit Lafontaine, der die dortige Fraktion führt. Nun wirbt die Linke ganz offensiv mit Wagenknecht, auch auf Plakaten.

Eine Tat der Überzeugung – oder doch der Verzweiflung? Immerhin muss die Linke, das zeigen aktuelle Umfragen, bei der Bundestagswahl am 26. September um den Wiedereinzug ins Parlament bangen. Die immer noch populäre Wagenknecht könnte da trotz umstrittener Äußerungen in der Migrations- und Corona-Politik die letzte Rettung sein.
Dann hat das Warten ein Ende. Nach kurzer Eröffnung durch Werner und Hennig-Wellsow, die angesichts der jüngsten Zugewinne der SPD in den Umfragen noch einmal für eine rot-rot-grüne Koalition wirbt, betritt Wagenknecht die Bühne unter tosendem Applaus. Kerzengerade steht sie am Rednerpult, presst ihre gestochen scharfen Worte ins Mikrofon. Trotz langer Anreise ist es in gewisser Weise ein doppeltes Heimspiel für die 52-Jährige, die im gut 20 Kilometer entfernten Jena aufwuchs und seit ihrer Kindheit bekennende Goethe-Liebhaberin ist.

Als Schülerin habe sie im Goethehaus gejobbt, erzählt sie zu Beginn ihrer Rede – um hernach sofort auf die Situation in Afghanistan einzugehen und die Bundesregierung anzuklagen. Sie habe die Menschen dort »im Stich gelassen«, sagt sie. Das sei »fahrlässige Beihilfe zur Tötung, zum Mord«. Nicht der Abzug der Soldaten, sondern »der ganze Krieg war eine Katastrophe«.

Es ist eine typische Wagenknecht-Rede. Die Spitzenkandidatin aus Nordrhein-Westfalen, die sich im eigenen Bundesland nach der Veröffentlichung ihres heiß diskutierten und von etlichen Genossen als Abrechnung mit der eigenen Partei verstandenen Buches »Die Selbstgerechten« gar einem Parteiausschlussverfahren gegenübersieht, zeigt, dass sie immer noch viele Menschen begeistern kann – wenngleich sie strittige Themen eher ausspart: Über sogenannte »Lifestyle-Linke« redet sie gar nicht, bemerkt aber, man müsse »nicht jedem Punkt im Wahlprogramm zustimmen« und fügt hinzu: »Das geht mir auch so.« Das Publikum lacht, hat verstanden. Und: Sie lobt »Susi« Hennig-Wellsow als Kämpferin für soziale Gerechtigkeit.

Bemerkenswert ist das insofern, als ihr Mann Oskar Lafontaine davon abgeraten hatte, die Linke im Saarland mit der Zweitstimme zu wählen, um seinem Widersacher im Land, Thomas Lutze, nicht erneut zu einem Bundestagsmandat zu verhelfen. Nun steht auch Lafontaine in Weimar auf der Bühne. Er zitiert aus Volker Brauns berühmtem Wende-Werk »Das Eigentum«: »Krieg den Hütten, Friede den Palästen.« Um dann kämpferisch den ursprünglichen Satz »Krieg den Palästen« aus Georg Büchners »Hessischem Landboten« zu rufen. Lafontaine will es noch einmal wissen.

Nach dem Auftritt wird der Westbesuch im Backstage-Bereich von der Presse umgarnt, während Hennig-Wellsow am Rande plaudert. Die Parteichefin hat an diesem Tag eher die Nebenrolle gespielt. Aber das war ihr egal: »Dass Sahra eine unglaubliche Präsenz hat, ist einer der Gründe, warum sie eines der wichtigsten Zugpferde für die Linke ist.« Das Eis zwischen der Goethe-Liebhaberin und ihrer Partei bricht langsam. Fraglich ist jedoch, ob das Tauwetter bis nach der Wahl anhält.

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