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Wachsam bleiben in Gorleben

Der einst als zentrales Atommüllendlager gesetzte Standort oder ein anderer im Wendland könnte doch wieder in die engere Wahl kommen, warnt Wolfgang Ehmke

  • Von Gaston Kirsche
  • Lesedauer: 3 Min.

Während das staatliche Verfahren zur Suche eines zentralen Atommüllendlagers im Schneckentempo vorankommt, produzieren die verbliebenen Atomkraftwerke immer noch weiteren radioaktiven Abfall. Welche Menge davon müsste überhaupt deponiert werden?

Allein aus dem Reaktorbetrieb resultieren weit über 10 000 Tonnen. Das lässt sich nach den Beschlüssen zum Atomausstieg, denen zufolge die letzten AKW Ende 2022 vom Netz gehen, inzwischen präziser umreißen. Es kommen aber noch weitere 6300 Tonnen aus der Wiederaufarbeitung in den Anlagen La Hague in Frankreich und Sellafield in Großbritannien hinzu. Insgesamt sind damit bis Ende 2022 etwa 17 000 Tonnen zu erwarten.

Eine gigantische Menge!

Ja, und da es auf absehbare Zeit kein Endlager gibt, werden diese Abfälle in 1900 Castorbehältern in Gorleben, Ahaus und Lubmin sowie in den 13 dezentralen Zwischenlagern nahe den aktiven oder stillgelegten AKW gelagert.

Die Atommüllentsorgung war also immer ungeklärt?

Ja. Ein paar Beispiele für die bewusste Irreführung der Öffentlichkeit: Es gab dann einen »Entsorgungsvorsorgenachweis« - man beachte die dreifach positive Konnotation -, der zwischen Bund und Ländern ausgehandelt wurde. Demnach reichten Fortschritte bei der »Erkundung« des Salzstocks Gorleben-Rambow. Es reichten auch die Auslandsverträge der Atomkonzerne mit Frankreich und Großbritannien. »Entsorgung« suggeriert ja, dass die Nachwelt sorglos sein kann, dass der Müll so sicher wie möglich von der Biosphäre abgeschirmt wird. Das war an keinem Punkt der Fall.

Wie sicher ist der Abfall denn in den existierenden Zwischenlagern?

Der Hammer ist, dass die Genehmigungen für die meisten Zwischenlager auslaufen, bevor es in Deutschland ein genehmigtes Endlager gibt. Die Gefahren, die daraus resultieren, wie also diese Altanlagen einigermaßen sicher betrieben werden können, dass sie gegen Katastrophen oder gegen Sabotage gesichert werden müssten, spielen im laufenden Endlagersuchverfahren gar keine Rolle.

Dank dem jahrzehntelangen entschlossenen Protest ist ein Endlager in Gorleben wohl aber endgültig ausgeschlossen?

Das scheint der Fall. Ich war nicht wirklich überrascht vom Ergebnis des Zwischenberichts, den die Bundesgesellschaft für Endlagerung, BGE, am 28. September letzten Jahres vorgelegt hat. Denn kein Standort ist besser durchleuchtet als Gorleben. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass man den zentralen geologischen Mangel, dass über dem Salzstock keine wasserabweisende Tonschicht liegt, schon seit 1983 kannte. Wir sind aber weiter vorsichtig, weil es für Gorleben unverändert einen Offenhaltungsbetrieb gibt. Jährlich werden zwölf Millionen Euro und mehr dafür ausgegeben, dass das Bergwerk erhalten bleibt. Deshalb protestieren wir vor Ort weiter, bis das dort auf Halde liegende Salz wieder verfüllt wird.

Wie groß ist denn das Interesse im Wendland an der Endlagersuche?

Recht groß, wobei sich die jungen Leute hier eher bei Fridays for Future engagieren. Aber der Widerstand bleibt dringend nötig, denn der Drops ist ja noch nicht gelutscht. Wir fragen uns zum Beispiel, ob Gorleben insgeheim eine Option bleibt für den Fall, dass das neue Endlagersuchverfahren scheitert. So ein Gesetz ist nicht in Stein gemeißelt, und wer weiß, wie stark noch Parteieninteressen und Länderegoismen durchschlagen. Außerdem ist das Wendland mit vier Tongebieten weiter im Verfahren. Wir bleiben ja wegen der Zwischenlager Atommüllstandort. Gegenwärtig unterstützen wir die Gegner*innen des Lagers Schacht Konrad und setzen darauf, dass viele Menschen die Unterschriftenkampagne für ein Ende dieses Atommüllstandortes unterstützen und zur Demo in Hannover kommen.

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