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Der Geruch rostender Panzerwracks

Die Traumata der deutschen Afghanistan-Veteranen

  • Lesedauer: 11 Min.

Welten liegen zwischen den Medienberichten über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan und dem, was der Einsatz den Menschen dort abverlangt. Ein Tagesschau-Bericht über einen Anschlag in Mazar-e-Sharif zerschlägt das seit zehn Jahren mühsam errichtete Schutzschild: Ex-Bundeswehroffizier und Afghanistanveteran Martin Küfer ist wieder drin, in Sand, Staub und Elend, dem allgegenwärtigen Tod nah. Sein stabiles Leben als Familienvater stürzt von einem Moment zum anderen in sich zusammen. Martin spürt, dass er sich dem Erlebten stellen muss und durchlebt noch einmal die Zeit am Hindukusch: die unerträglichen Lebensbedingungen der Menschen, die immer lauernde Gefahr im Dienst, die Eintönigkeit dazwischen. Und seine Freundschaft mit dem jungen afghanischen Dolmetscher Abdul, die ihm einen anderen Blick auf das Land eröffnet, seine wachsende Skepsis gegenüber den deutsch-afghanischen Machtspielen, die Sehnsucht nach der Einfachheit der afghanischen Weltanschauung. Mit dem sich zuspitzenden, auch durch Missverständnisse bedingten Konflikt zwischen den Deutschen und den afghanischen Verbündeten muss Martin erkennen, dass sein Vertrauen missbraucht wurde und der Kamerad, der ihn gewarnt hatte, mit seinem Leben bezahlt. »Wir haben nicht nur Spuren im Sand hinterlassen, sondern der Sand auch Spuren in uns«. Eine Erkenntnis, die den Weg zurück in ein normales Leben weist? »Sandseele« ist ein Roman, der die Erfahrungen und Folgen von Kriegseinsätzen aus der Sicht eines Teilnehmers vermittelt.

Drei Minuten brauchten die Nudeln. Was sollte ich mit den drei Minuten Sinnvolles anfangen? Ich ging zurück zum Schreibtisch, kontrollierte, ob ich alle Dokumente gespeichert hatte. Hatte ich. Ich ging auf Toilette, musste aber nicht. Noch immer eine Minute. Was würden andere in so einem Moment tun? Ich trat an die Balkontür. Gegenüber flimmerte in drei Wohnzimmern ein blauer Bildschirm. Es war kurz nach acht. Die Tagesschau lief. Warum nicht? Tun, was man als Bürger eben so tat: Nachrichten schauen. Informiert sein. Interessiert. Die ganze Welt vom eigenen Sessel aus erleben. Die Mikrowelle gab ein »Bing!« von sich. Warum nicht die Tagesschau? Auf dem Schreibtisch war kein Platz zum Essen und tatenlos am Esstisch rumsitzen, war Zeitverschwendung. Dann wenigstens den Wetterbericht sehen. Montag ging es auf die Baustelle, da war Begehung. Der Klinikanbau wurde nicht fertig. Die Liste der Änderungswünsche war lang. Ich sollte mitkommen, weil der Bauleiter immer so rummoserte. Bei Trockenheit war er vielleicht besser gelaunt. Für den Wetterbericht lohnten sich wenigstens die Nachrichten. Ich setzte mich vor den Fernseher und schaltete die ARD ein.

20:04 Uhr. Abdul. Sein Gesicht. Abdul. Das war er. Abdul. Kein Zweifel. Abdul Rahman. Zehn Jahre war es her, aber dieses Gesicht kannte ich. Der Journalist hielt ihm ein Mikrofon vor den Mund. Ich suchte zuerst seine Schulterklappen. Er war jetzt Major. Damals war er Oberleutnant. Wie ich. Er hatte Beziehungen spielen lassen oder sich in den Dienstgrad einkaufen können. Mit soldatischer Leistung hatte sein Aufstieg sicher nichts zu tun. Nicht am Hindukusch. Sein Onkel hatte es ihm vorgemacht, Mohammed Sahib Khan.

Mohammed Sahib Khan. Abdul Rahman. Wie lange hatte ich diese Namen nicht mehr gedacht. Namen aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben, einer anderen Welt. Längst vergessen. Abdul in der Tagesschau. Abdul in meinem Wohnzimmer. Niemals. Er wandte seinen Blick von dem Journalisten ab. Den Ausdruck kannte ich. Er fühlte sich schuldig. Ich wusste es. Der Journalist wusste es nicht. Aber ich wusste es. Ich kannte Abdul. Er nicht. Er schaute damals auch schon so. So schuldig. Aber damals konnte ich das noch nicht deuten. Ich hielt es für Scham. Aber es waren Schuldgefühle. Und Abdul hatte wieder Schuld auf sich geladen. Worum es auch ging, er trug Schuld daran. Im Hintergrund erkannte ich das fahlgelbe Stabsgebäude seiner Kaserne, bevor Thorsten Schröder deren Namen aussprach. Camp Shaheen in Mazar-e-Sharif. Davor die Freifläche mit den rostenden russischen Panzerwracks. Preußisch aufgereiht harrten sie noch immer in Staub und Wind aus.

Zehn Jahre war das jetzt her. Wie oft war ich durch diese Kaserne geschlendert. Man konnte es nicht anders sagen: geschlendert. Es waren auch gute Tage dabei. Damals. Die eisige Januarluft jener Tage, als ich selbst das erste Mal vor den Wracks im Camp Shaheen stand. Der Wind war durchsetzt vom metallischen Geruch rostender Vergangenheit, von Sand und Staub eines erodierenden Landes. Es roch nach kaltem Metall und trockenem Winter. Der Geruch Afghanistans zog sich durch die Nase in meinen Körper und mit ihm das Land am Hindukusch selbst. Rost und Sand und Wind - Afghanistan. Ich sah in Abduls Gesicht und in seine Augen. Diese braunen Augen, sie zuckten wieder von links nach rechts, rollten zurück und zuckten wieder. Er schilderte dem Journalisten den Anschlag auf seine Kaserne. Camp Shaheen. Camp Falke. Nur dort konnte so etwas gelingen. Die Taliban rasten während des Freitagsgebets durch die Checkpoints und töteten mehr als 140 afghanische Soldaten, die Zahl der Verletzten dürfte noch mal so hoch sein. Glaubte man Thorsten Schröder, war es der wirksamste Anschlag auf eine afghanische Armeeeinrichtung seit 2002. Und nun stand Major Abdul Rahman mit zuckenden Augen vor der Kamera, und es war klar, er hatte davon gewusst. Irgendetwas gewusst. Entgegen aller gespielten Betroffenheit, er hatte etwas gewusst. Vorher. Wie damals bei uns. Abdul hatte immer von Fenstern gesprochen. Jetzt war er darin. Der Bildschirm war schwarz gerahmt wie die Bilder der Gefallenen. Die Stubenfenster waren schwarz. Ein Spätwinterabend. Damals war es auch März. Ein Monat des Übergangs. Was war er? Ende oder Anfang? Es gab keine Sicherheit im März.

Zehn Jahre waren vergangen. Das spielte doch heute keine Rolle mehr. Die Tage vergingen leise, das reichte. Warum saß ich auch vor dem Fernseher? Den Nudelteller hielt ich in der Hand. Ich musste wieder an den Schreibtisch. Ich hatte keine Zeit fürs Fernsehen. Ich hatte zu tun, es gab Wichtigeres. Abdul. Sein Gesicht in der Tagesschau. Das war unmöglich. In den ersten Monaten nach meiner Rückkehr entdeckte ich es überall. Ich schreckte in Fußgängerzonen auf, in Straßenbahnen, in Kneipen und oft bei geschlossenen Augen. Aber Abdul hier zu entdecken, war abwegig. Abdul war noch in Afghanistan. Er hatte sich entschieden. Als ich ihn damals kennenlernte, war er ungefähr Anfang zwanzig. Genau wusste man das bei Afghanen nicht. Genau wussten sie das selbst nicht. Geburtenregister wurden nicht geführt, Urkunden nicht ausgestellt. Wenn sie Glück hatten, überlebten sie die ersten fünf Jahre und waren dann schon alt. Spätestens mit zwanzig sahen sie verschlissen aus. Die Sonne, die Trockenheit, die Kälte, die Sorgen, der Krieg - alles furchte sich tief in ihre Haut. Am Ende blieben nur noch ledrige Kettengesichter übrig. Abdul erblickte die Düsternis des Lebens in einem afghanischen Flüchtlingslager in Pakistan. Das musste Ende der 80er-Jahre gewesen sein. Er hatte Glück und überlebte. Aber Afghanistan hatte sich in den letzten zehn Jahren auch tief in Abduls Gesicht gegraben. Dort hatte ich ihn das letzte Mal gesehen. In Kunduz. Er war eins dieser paschtunischen Armeegesichter, schwer zu unterscheiden. Erst recht, wenn deren Körper in einer Uniform steckten. Hagere afghanische Leiber in Hosen und Jacken, die für amerikanische Kraftpakete geschneidert worden waren. Die Uniformen schlackerten an den Afghanen wie ihre Loyalität. Sie waren nicht auf Linie zu bringen. Nicht mal bei ihrer Uniform gelang uns das. Abdul würde ich trotzdem immer wiedererkennen. Vielleicht war es gar nicht sein Gesicht selbst. Vielleicht waren es eher seine Augen. Unverkennbar. Nein. Genug. Es reichte. Ich wollte mir den Bericht nicht länger anschauen. Ich war mit all dem fertig. Ich hatte Wichtigeres zu tun. Es ging nicht. Ich kam nicht los. Es erschienen Aufnahmen von Präsident Ghani auf dem Bildschirm. Ich tastete nach der Fernbedienung auf dem Couchtisch und starrte auf Särge und Flaggen. Wie damals. Etwas klapperte, ich griff ins Leere. Ghani im Krankenhaus, wieder Särge, Trauer.

Ich tastete weiter, die Fernbedienung bekam ich nicht zu fassen. Meine Finger trommelten auf den Tisch. Sie zitterten. Der Bericht lief weiter. Das Stabsgebäude im Camp Shaheen, die afghanischen Uniformen auf den Straßen, der Geruch des kalten Sandes im Morgengrauen, der Staub in meinen Barthaaren. Ich kratzte mir durchs Gesicht. Diese Bilder, dieses Gesicht, diese Augen - ich hatte das alles schon mal gesehen. Ich hatte genug gesehen. Wo war die Fernbedienung? Meine Hand griff ins Leere, ich starrte auf den Bildschirm. Es waren mit Sicherheit afghanische Soldaten aus dem Camp unter den Taliban oder zumindest hatten sie ihnen geholfen, das Massaker anzurichten. Alles wie damals. Ich sah in die Vergangenheit. Zehn Jahre lang war sie begraben unter kleinbürgerlichen Pflichten und Sorgen, zugeschüttet von Papier und noch mehr Papier, Alltagserlebnissen und Jedermannserfahrungen. Dienstzeitende, ein nachgeholtes Studium, Büroarbeit, Gleitzeit, Urlaub in den Niederlanden, ein Schrebergarten, eine neue Couchgarnitur, Bilder eines ernsten Paares im Wohnzimmer, Grillpartys und Gespräche über Immobilienpreise. Zehn Jahre voller Bedeutungslosigkeit. Die Fotos dazu hingen an der Wohnzimmerwand. Greta und ich auf einem Deich. Wir mit den Kindern an der Ostsee. Wir im Garten, die Kinder auf dem Baum, ich mit dem Spaten auf dem Acker. Ich lachte selten auf den Fotos. Was sollte das auch, das blöde Grinsen.

Es waren auch zehn Jahre ohne Abdul. Jetzt war er wieder da. Mit einem Anschlag. Wie damals. Mit Abdul kam die Erinnerung. Sie stieg aus seinen braunen Augen. Es war fast, als stiege er selbst aus dem Fernsehschimmern zu mir in die Dunkelheit. Erinnerungen. Wozu? Was sollten sie schon nützen? Und viel wichtiger: Was konnte man dagegen tun? Kämpfen? Gegen die Erinnerung? Gegen Abdul? Gegen das, was war? Ich hatte vier bedeutende Monate in meinem Leben. Nur vier. All die Jahre im Dienst zuvor, all die Ausbildung, all die Lehrgänge und Vorbereitungen, alles war auf diesen Einsatz und sein Ziel ausgerichtet: den Feind niederhalten und die Guten schützen. Und wenn es dazu nötig war, ein paar Taliban gehörig wegzubürsten, dann sollte es so sein. Mich störte das nicht. Ich war Soldat. Das war mein Auftrag. Die Armee war, wenn schon nicht mehr die Schule der Nation, so doch immerhin die Schule meines Lebens. Alles, was danach kam, war beliebig. Ich war ein Niemand geworden. Was wichtig war, lag bereits hinter mir. Ich hatte versagt. Und jetzt Abdul. Das war unmöglich. In der Tagesschau, in meiner Wohnung. Ich roch ihn. Das ganze Land am dreckigen Ende der Welt, ich roch es. Es war alles wieder da: der Staub, der Gestank, das Elend, die Generatoren, das Dosenbier, die Waffen, der Frust, die Hoffnung, der Schmerz, der Feind, die Kameraden. Und vor allem Abdul. Wir waren fast so etwas wie Freunde, vielleicht waren wir es wirklich. Zumindest waren wir einander Hoffnung. Und wir glaubten damals ernsthaft, wir könnten den Unterschied machen - wir beide, er und ich - und uns befreien. Uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, den wir unser Leben nannten. Für die gute Sache.

***

Für mich war die Burka ein Schleier. Sie verhüllte den Menschen dahinter. Geheimnisvoll wie das Land. Was verbarg sich dahinter?

Die erste Burka, die ich sah, war die Marias. »Maria?«, fragte ich den Fahrer und sah auf den blauen Haufen am Kreisverkehr vom Highway 76 und der Airport Road. Die Fahrbahn wurde durch schwarz-gelbe Betonblöcke vom Staub und Sand und Schotter des Nichts dahinter abgegrenzt. Im Nichts saß Maria und lehnte sich schwer auf die durchgezogenen Begrenzungssteine. Ihren Kopf hielt sie noch aufrecht, ihren Körper musste sie stützen. Sie lag halb auf einer Plastiktüte mit ihren wenigen Habseligkeiten. Müll. In ihrer blauen Burka ruhte sie zu Füßen des vorbeischeppernden Transitverkehrs. Laster um Laster ächzte durch den Kreisel, überladen rußten und quälten sie sich durch das Rondell. Ich schluckte und schüttelte mich.

Der Fahrer drosselte die Geschwindigkeit, um sich in den Kreisverkehr zu drängen. Er hupte. Wieder und wieder. Maria saß keine drei Schritte von mir entfernt. »Die sitzt da jeden Tag. Weiß keiner, wie sie wirklich heißt.« Der Fahrer zuckte mit den Schultern. »Wir nennen sie Maria. Keine Ahnung, wer sich das ausgedacht hat. Bettelt.« Dann blökte er nach vorn. »Verdammte Axt, der soll sich da verpissen mit seinem Karren.« Er schlug auf die Hupe, bevor er den Kopf über die Schulter nach hinten drehte. »Schön bescheuert am Highway. Der EOD hat sie schon mal untersucht. Um sicherzugehen, dass sie keine Bombe ist. Aber war wohl nix. Die macht’s nicht mehr lange.« Er drehte sich wieder nach vorn. »Nu verpiss dich da.«

Ein Eselskarren schob sich zwischen die Autos, anscheinend wollte er den Kreisel kreuzen, aber das Langohr bockte nach einem Drittel der Strecke. Der bärtige Afghane auf dem Karren, ein alter Mann mit weniger Zähnen als Falten im Gesicht, drosch mit seinem Rohrstock auf das Tier ein.Das blökte nur vor Schreck vor den riesigen Jingletrucks. Quietschend stiegen die in die Eisen. Die schwerfällige Fracht auf den Containern schob die Laster zusammen. Stoßstange an Stoßstange stauten sie sich. Nichts ging mehr.

Maria rührte sich nicht. Der Wind fuhr ihr durch die Burka, und aus dem blauen Geflatter streckte sie mir eine zierliche, zum Schälchen geformte Hand entgegen. Ungefilterte Abgasnebel hüllten sie schwarz ein. Sie zuckte. Sie hustete. »Die erstickt da in dem Nebel.«

»Mir kommt hier auch gleich alles hoch, wenn der scheiß Yallah da nicht endlich verschwindet!« Wieder hupte der Fahrer.

»Müssen wir jetzt nach links?« Der Oberfeldwebel mit der Glatze auf dem Beifahrersitz wischte sich mit der Karte den Schweiß von der Stirn.

»Erst muss der Alte weg.« Der Fahrer ruckte an. »Wir sind hier ein erstklassiges Ziel. Wenn ich ein Bomber wäre, würde ich mich genau jetzt hochjagen. Weg da, Mann!«

Marias Burka färbte sich um den Mund herum rot. »Sie hustet Blut. Halten Sie an! Wir müssen sie da wegholen. Die erstickt doch.« Ich umklammerte mit beiden Händen die Fahrerlehne.

Wolf Gregis
Sandseele
Isegrimm Verlag
382 S., kt., € 15,00 €
ET: Oktober 2021

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